Wirtschaft
In der Goldmine glänzt nichts mehr
Von Johannes Dieterich, Johannesburg. Aktualisiert am 15.11.2010 1 Kommentar
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«Und jetztne Handgranate rein», sagt Freddy. Der blonde Wachmann in Uniformhose und mit deutschem Akzent beugt sich über einen Schacht, dessen Stahldeckel mit einer Flex aufgebrochen wurde: «Da drunten sind Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von denen.» Freddy meint damit die Zama-Zamas, mit denen sich seine Sicherheitsfirma Kämpfe liefert: illegale Minenarbeiter, die heimlich in die Schächte steigen, um in oft wochenlanger Arbeit unter Tage mit Hämmern und Meisseln goldhaltige Gesteinsbrocken aus dem Fels zu brechen. Vor wenigen Wochen stiegen Freddy und seine Männer in einen der Schächte hinunter, um die Eindringlinge zu stellen: Mindestens vier - wurden dabei erschossen, manche wollen sogar von zwölf getöteten Golddieben wissen. «Hier herrscht Krieg», sagt Freddy trocken.
Auch Genfer Firma steckt drin
Die Grootvlei-Mine, rund vierzig Kilometer östlich von Johannesburg, macht seit Monaten Schlagzeilen am Kap der Guten Hoffnung. Nicht nur, weil in ihren Schächten Hunderte von illegalen Kumpel ihr Glück suchen und gelegentlich den Tod finden – auch über Tage versinkt das einst renommierte Bergwerk im Chaos. In den verwahrlosten Wohnheimen des Unternehmens vegetieren mehr als zweitausend Minenarbeiter vor sich hin: «Man will uns hier verhungern lassen», sagt Nelson Shikwambana, der einst in der Tiefe die Loren steuerte. Bereits seit Februar wurde den Arbeitern kein Lohn mehr ausbezahlt, längst ist in den Wohnheimen sowohl der Strom als auch das Wasser abgeschaltet, ihre Notdurft müssen die Arbeiter im freien Feld verrichten.
Der Streik, in den die Kumpel wegen der ausgebliebenen Lohnzahlungen Ende März getreten sind, scheint der Firmenleitung gerade recht zu kommen: Zur Produktion soll nämlich ohnehin kein Geld vorhanden sein. Rund hundert Fachkräfte sorgen dafür, dass wenigstens die Schächte nicht vom Grundwasser überflutet werden: Doch selbst sie erhalten höchstens sporadisch etwas Geld. «Ein Zustand wie im Mittelalter», fasst sich Gewerkschaftschef Gideon du Plessis an den Kopf.
Sit-in vor Minenamt
Der Zorn der Kumpel wird noch vom Umstand angeheizt, dass es sich bei der Firmenleitung nicht etwa um anonyme Geldhaie aus dem Ausland, sondern um «Kameraden» aus dem Befreiungskampf mit wohlklingenden Familiennamen handelt. Geführt werden die Aurora Empowerment Systems vom Neffen des amtierenden Präsidenten Jacob Zuma, der Geschäftsführer heisst Zondwa Ghadhafi Mandela und ist der Enkel des weltberühmten Politikidols. Während die Kumpels notdürftig von Gewerkschaften mit Essenspaketen über Wasser gehalten werden, schmiss Präsidenten-Neffe Khulubuse Zuma am Rande des jüngsten ANC-Parteitags eine rauschende Party mit Black-Label-Whiskey und Zigarren – und geniesst es, sich in immer neuen Exemplaren seiner 19-teiligen Luxuslimousinen-Flotte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Darunter ein neuer Rolls-Royce, ein Bentley-Cabrio sowie ein roter Mercedes SLS 63 mit Flügeltüren. «Geschmacklos», sagt Kumpel Shikwambana angewidert.
Betroffen von dem skandalösen Fall ist auch die inzwischen zur Uni-Credit gehörende deutsche Hypo-Vereinsbank (HVB), die 900 Millionen Rand (rund 90 Millionen Euro) in die Grootvleier Mine pumpte, sowie das Genfer Unternehmen Global Emerging Markets (GEM), das Zuma & Co. angeblich mit 100 Millionen Dollar aus der Patsche helfen will. Dass der Präsidenten-Neffe nach wie vor am Steuer seiner Luxuslimousinen und nicht hinter Gittern sitzt, wird lediglich seinen politischen Verbindungen zugeschrieben: Allerdings haben die Bergarbeiter inzwischen mit einem Sit-in vor dem Minenamt begonnen, um die Verantwortlichen zu einem Verfahren gegen den Präsidenten-Neffen zu zwingen.
Schriftliches Versprechen
Bis Oktober vergangenen Jahres gehörte Grootvlei noch zum Bergwerkskonzern Pamodzi, der in der Weltwirtschaftskrise in den Bankrott geschlittert war. Als Käufer der Konkursmasse boten sich die Gründer der Empowerment-Firma Aurora an, die zwar vom Bergbau keine Ahnung hatten, dafür aber politisch bestens verbunden waren. «Schon in wenigen Jahren werden wir zu den grössten Spielern im Goldbereich gehören», meinte Ghadhafi Mandela damals, «keiner kann uns stoppen», fügte Zuma hinzu. Die Newcomer boten für Grootvlei und eine weitere Pamodzi-Mine insgesamt 605 Millionen Rand (rund 60 Millionen Euro) und versprachen schriftlich, keinen einzigen der Arbeiter zu entlassen. Für die Finanzierung, hiess es, würden malaysische Investoren aufkommen.
Konkursverwalter Enver Motala, dem Gewerkschafter du Plessis dubiose Sympathien für Aurora nachsagt, erklärte die Firma zum «bevorzugten Bieter» und setzte die ahnungslosen Bergbauer gleich als Betreiber der herrenlosen Mine ein. Noch vor der Bezahlung und endgültigen Übereignung der Mine stiegen die malaysischen Financiers wieder aus: Den Asiaten habe die Unternehmensführung der südafrikanischen Firma nicht gepasst, wollen Insider wissen.
Uni-Credit-Manager warnt
Es folgten edle Versprechungen und blanker Betrug. Aurora zog immer neue Namen von Financiers aus dem Ärmel, die angeblich an der Mine interessiert sein sollten: darunter Chinesen, Amerikaner und die Genfer GEM. Unterdessen holten die provisorischen Betreiber aus Grootvlei heraus, was herauszuholen war: Sie schmolzen die auf dem Firmengelände deponierten Restgesteinsbestände ein und kratzten die riesigen Schmelztiegel aus. Allein im Februar soll das Unternehmen aus dem Verkauf des so gewonnenen Goldes 81 Millionen Rand eingenommen haben – derselbe Monat, in dem die Firma ihre Lohnauszahlung stoppte.
Unterlagen zufolge liess die Genfer GEM Aurora sogar einen Vorschuss von 13 Millionen Rand zukommen – auch der verschwand, ohne dass die Kumpel etwas davon gesehen hätten. «Irgendetwas ist hier faul», schrieb Uni-Credit-Manager Frank Biburger in einem Brief an Konkursverwalter Motala: Seine Bank habe den Schuldendienst eigens aufgeschoben, um der Mine die Fortsetzung der Produktion zu ermöglichen. Dennoch sei dem Unternehmen wenig später sogar das Geld für Wasser und Sprengstoff ausgegangen. Aurora stoppte auch seine Überweisungen an die Renten- und Arbeitslosenkasse, selbst die Versicherungszahlungen wurden eingestellt. Jüngst warfen Gewerkschafter den Betreibern sogar vor, Werksanlagen für Cash verschrotten zu lassen: «Reinster Diebstahl», tobt Gideon du Plessis.
Sprecher räumt Probleme ein
Während Neffe Zuma und Enkel Mandela zu den Vorwürfen beharrlich schweigen, räumt Aurora-Sprecher Sheshile Ngubane «gewisse Probleme» ein: Liesse sich ein neuer Interessent für die Mine finden, würde sich Aurora «mit einem Lächeln» zurückziehen, meint der Sprecher. Dass es dazu noch kommen könnte, gilt als äusserst unwahrscheinlich: Experten halten die Mine im derzeitigen Zustand höchstens noch zur Schliessung geeignet. Selbst Umweltschützer schlagen Alarm: Aus dem vernachlässigten Bergwerk drohe vergiftetes Wasser zu dringen, die Gesundheit von Zigtausenden von Menschen sei in Gefahr. Auch Nelson Shikwambana hat die Hoffnung aufgegeben: «Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder meinen Job bekomme.» Er habe Verständnis dafür, wenn mancher seiner Genossen mit den Zama-Zamas gemeinsame Sache mache: Schliesslich könnten die Kumpel sich und ihre Familien nur so am Leben halten. Zumindest solange Freddy keine Handgranate zündet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.11.2010, 20:28 Uhr
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Aus dieser Mine dringt schon seit gut zwei Jahren giftiges Grundwasser aus und verseucht die Felder und die Trinkwasserquellen in der Gegend um Johannesburg. Die weissen Farmer. welche immer noch sämtliche Lebensmittel produzieren, protestieren zwar heftigst aber können im heutigen von der ANC und ihres Jugendflügels ANC-Youth League unter Führung von Julius Malema nichts dagegen tun. Antworten
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