Wirtschaft
Italienische Biobetrüger nutzten Finanzplatz Lugano
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 23.12.2011 47 Kommentare
Proben ergaben keine Pestizide
Als Präventivmassnahme hat Bio Suisse nach dem Auffliegen des Betrugs in Italien alle Produkte von betroffenen Produzenten und Händlern in Italien gesperrt. Dabei handelt es sich um Sonnenblumenkuchen, Sojakuchen, Futterweizen und Mahlweizen. Sprecherin Sabine Lubow geht nach wie vor davon aus, dass es sich bei den gesperrten Produkten um Ware handelt, die vom Betrugsverdacht ausgeschlossen werden kann: «Sämtliche bisher durchgeführten Pestizidanalysen von Lagerware sind negativ ausgefallen.» Die Vorfälle sollen ja auch mehrere Jahre zurückliegen. Dennoch hat Bio Suisse von weiteren anerkannten Betrieben in Italien und Rumänien sowie von deren Kontrollstellen Stellungnahmen verlangt. Die direkt betroffenen Importeure sind informiert worden.
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Das Geschäftsmodell war ebenso lukrativ wie kriminell: Einkauf herkömmlich produzierter Futter- und Lebensmittel in Osteuropa und Italien, Umbenennung in Bioware und Verwischung der Herkunft durch eine Vielzahl gefälschter Rechnungen und Biozertifikate. Der Verkauf erfolgte mit hohem Gewinn in Italien und im restlichen Europa.
Anfang Dezember liess die Finanzpolizei im norditalienischen Verona in ganz Italien sieben Personen verhaften, denen der Staatsanwalt die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorwirft. Zur Bande mutmasslicher Betrüger gehören Inhaber von Agrarhandelsfirmen sowie zwei Direktoren einer Biozertifizierungsfirma. Laut Oberst Bruno Biagi von der Finanzpolizei hat ein Gericht soeben den Antrag auf Haftentlassung abgelehnt. «Die Richter gehen also davon aus, dass es genug relevante Haftgründe gibt.»
17'000 Tonnen falsch deklariert
Die italienischen Biokontrollstellen haben im Auftrag der Finanzpolizei unterdessen aufgearbeitet, dass die Falschzertifizierungen in den Jahren 2007 und 2008 stattfanden. Insgesamt sind über 17'000 Tonnen herkömmliche Produkte fälschlicherweise als biologisch produzierte deklariert worden. Davon machen Getreide und Soja für die Futtermittelherstellung den weitaus grössten Teil aus, nämlich fast 9000 Tonnen. Es folgen Weizen, Sonnenblumenkerne, Dinkel und Äpfel für Apfelpüree. In erster Linie wurden also Biobauern getäuscht. In zweiter Linie wurden Konsumentinnen und Konsumenten geschädigt, die zum Beispiel für Biofleisch bezahlt hatten, aber nur herkömmlich produziertes erhielten.
Laut dem italienischen Bioverband Federbio sind auch zwei Firmen aus der Schweiz in den Skandal involviert. Die Agroidea SA soll Käuferin eines Postens Mais von über 1000 Tonnen gewesen sein, die Life Group Holding soll als Verkäuferin aufgetreten sein. Die Finanzpolizei Verona bestätigt, dass die zwei Firmen involviert sind, macht aber keine Angaben zu ihrer Rolle.
Lebensmittelhandel und Abfallentsorgung
Beide Firmen hatten bis zum Auffliegen des Skandals Anfang Dezember ihren Sitz an der Via Peri 4 im Zentrum Luganos; eine hat ihn seither gewechselt, die andere hat seither keine gültige Vertretung mehr in der Schweiz. An der gleichen Adresse sind über 50 Firmen domiziliert, mehrheitlich aus dem Finanzbereich, und in vielen davon taucht die immer gleiche Handvoll Leute in stets wechselnden Positionen auf. A. Z., ein Italiener mit Wohnsitz in Breganzona, der zu dieser Gruppe gehört, sass zum Zeitpunkt der mutmasslichen Betrugsfälle in den Verwaltungsräten beider oben genannten Firmen.
A. S., eine 39-jährige Süditalienerin, die zu den sieben Verhafteten im Bioskandal gehört, ist Alleinpräsidentin der Life Group Holding in Lugano und Geschäftsführerin der italienischen Bioecoitalia Agridea SA, die ebenfalls involviert ist. Die Agridea SA in Lugano hingegen heisst seit April dieses Jahres Eco Idea Suisse SA. Und sie handelt seither nicht nur mit Lebensmitteln und Agrargütern, auch das Sammeln, Entsorgen und Rezyklieren von Abfällen jeder Art gehört neu zum Geschäftszweck. Eine erstaunliche Ausweitung der Geschäftsidee hinter dem Unternehmen.
Vielfältiges Vorstrafenregister
Die Süditalienerin, die sechs in den Skandal involvierte Unternehmen führt und auch in Rumänien Agrarhandelsfirmen besitzt, hat in Sachen Wirtschaftskriminalität Erfahrung: Sie ist laut Angaben aus Italien unter anderem verurteilt wegen Kapitalbetrug, Erschleichung öffentlicher Gelder und Bilanzfälschung. Die von ihr geführte süditalienische Firma Centro Cereali soll schon früher eingesetzt worden sein, um herkömmliches Getreide aus Rumänien in Biogetreide zu verwandeln. Weder beim Bundesamt für Justiz noch bei der Staatsanwaltschaft Lugano sind bisher Ersuchen um Rechtshilfe aus Italien eingegangen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2011, 06:33 Uhr
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