Wirtschaft
«Korruption findet auch in den westlichen Ländern fast täglich statt»
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 08.12.2009 4 Kommentare
Helmut Hersberger
Er führt in Basel die Firma Orna Management, die Unternehmen in der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität berät. Seit 2009 ist er Vorstandsmitglied von Transparency International Schweiz.
Keine Region der Welt ist vor Korruption gefeit
Herr Hersberger, die Schweiz schnitt auch bei der neusten Korruptionsrangliste von Transparency International sehr gut ab. Gibt es hierzulande keine Korruption?
Das wäre eine verhängnisvolle Interpretation. Die Schweiz ist zwar etwas besser als andere Länder. Doch das Image täuscht – es gab hierzulande in den letzten Jahren viele Fälle von Korruption. Korruption findet auch in den westlichen Ländern fast täglich statt.
An welche Fälle denken Sie?
Der krasseste Fall ist wohl Siemens in Deutschland. Es gab auch diverse Fälle in der Autoindustrie, was man in der jetzigen Krise vielleicht vergisst. Auch die Schweizer ABB ist immer wieder mit Korruptionsfällen konfrontiert; nicht weil ABB ein schlechtes Unternehmen ist, sondern weil die Firma Korruption konsequent bekämpft. Es bleibt noch viel zu tun.
Welches sind typische Korruptionsfälle in der Wirtschaft?
Einerseits gibt es die Bestechung von staatlichen oder staatsnahen Stellen, um zu einem Grossauftrag zu kommen. Und völlig losgelöst davon gibts die Korruption in der Privatwirtschaft, also meistens die Bestechung der Einkaufsverantwortlichen, damit man bei der Vergabe von Aufträgen zum Zug kommt.
Aus der Sicht eines Unternehmens kann es sich aber durchaus lohnen, mit einer Bestechung einen Grossauftrag zu erhalten ...
Das ist kurzfristiges Denken. Kurzfristig kann diese Rechnung sogar aufgehen. Sie geht aber nur dann auf, wenn die Bestechungssumme höher ist als jene der Konkurrenten. Viel entscheidender ist, dass Korruption den Wettbewerb verfälscht – und davon hat ein Schweizer Unternehmen nichts. Deshalb versucht Transparency International auch, die Industrie mit ins Boot zu holen. Denn langfristig ist die Industrie selber die Leidtragende: Korruption führt zu Wettbewerbsverzerrungen, sie führt dazu, dass der Mitbewerber das nächste Mal noch mehr Bestechungsgelder bietet.
Sie arbeiten selber als Berater im Bereich Wirtschaftskriminalität – wie sieht Ihre Arbeit da aus?
Wir werden beigezogen, wenn ein Unternehmen vermutet, dass Betrug, manchmal auch Korruption geschieht. Einmal wurden wir von einem Industrieunternehmen gerufen, das den Verdacht hatte, dass Bestechungszahlungen laufen. Das Unternehmen wusste aber nicht, wie es den Verdacht erhärten sollte. Wir sind dann nicht nur auf Korruptionszahlungen gestossen, sondern auch auf Betrug: Mitarbeiter, die diese Zahlungen ausführten – die sogenannten Kofferträger–, hatten Beträge von den Bestechungsgeldern für sich selbst abgezweigt. Also zusätzlich ein Betrug unter dem Deckmantel der Korruption – ein klassisches Beispiel.
Passiert das auch in der Schweiz?
Davon bin ich überzeugt.
Welche Branchen sind am anfälligsten?
Das geht durch alle Branchen. Unternehmen aus der Finanzindustrie sind jedoch besonders stark gefährdet. Oft sind es internationale Unternehmen.
Was für Menschen lassen sich bestechen?
Ich glaube, dass Betrug und Korruption dort entstehen, wo eine entsprechende moralische Grundhaltung, finanzieller Bedarf und eine passende Gelegenheit zusammenfallen.
Sie haben den «Kofferträger» erwähnt. Läuft das immer noch so, dass Geld aus einem Budgetposten des Unternehmens abgezweigt und dann bar übergeben wird?
Da hat sich etwas geändert. Es ist viel schwieriger geworden, Bargeld zu transferieren. Das hat vor allem mit den Geldwäschereivorschriften zu tun. Heute werden Korruptionsgelder als Honorare für imaginäre Ingenieur- und Beratungsleistungen getarnt. Darum hat es nicht viel genützt, dass die Schweiz die steuerliche Abzugsfähigkeit von Bestechungsgeldern abgeschafft hat. Heute entsteht die steuerliche Abzugsfähigkeit einfach dadurch, dass die Firmen die Gelder falsch deklarieren.
Ob für solche Gelder Leistungen erbracht wurden, ist natürlich kaum kontrollierbar.
Genau. Bei grossen technischen Projekten ist eine Vielzahl an technischen Dienstleistungen vorhanden – und da zu unterscheiden zwischen Projekten, die wirklich stattfinden, und solchen, die es nur auf dem Papier gibt, ist gar nicht so einfach.
Spielen auch Steueroasen wie die Cayman Islands eine Rolle bei Korruptionszahlungen?
Sowohl Zahler wie Empfänger von Korruptionsgeldern können über Gesellschaften in Offshore-Zentren verfügen. Es ist jedoch nicht mehr unmöglich, diese Gelder nachzuverfolgen. Auch Offshore-Finanzplätze wissen heute, dass sie gut daran tun, nicht zum Zentrum von Geldwäscherei zu werden. Denn auch Institute, welche die Zahlungen abwickeln, laufen Gefahr, die Gesetze zu verletzen und dafür belangt zu werden. So hat der Kampf gegen die Geldwäscherei auch den Kampf gegen die Korruption wirksam unterstützt.
Man hört aber von Ländern, wo das Geschäften ohne Bestechungsgelder für ausländische Unternehmen fast unmöglich ist.
Ich denke, man muss hier zwischen Korruption und kleinen Zahlungen im Sinne von Bakschisch unterscheiden. Letzteres verlangen in gewissen Ländern Zöllner, Polizisten oder andere Beamte, damit etwas schneller läuft. Solche Zahlungen richten keinen grossen volkswirtschaftlichen Schaden an. In der effektiven Korruption lassen wir natürlich das Argument nicht gelten, es gehe gar nicht anders. Hier verlangen wir von der Industrie, auch einmal auf ein Geschäft zu verzichten, wenn dieses nur mittels Bestechung erhältlich ist. Das braucht Konsequenz und langfristiges Denken.
Gibt es beim öffentlichen Sektor, der dank Konjunkturpaketen viele Aufträge zu vergeben hat, eine besondere Korruptionsgefahr?
Verschiedene Fachleute haben diese Befürchtung. Denn Korruption entsteht am ehesten dort, wo relativ viel Geld in relativ kurzer Zeit ausgegeben wird. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass solche Mammutprogramme gefährdet sind – Stichwort «Oil for Food» im Irak.
Ist die Bestechung von Politikern und Beamten auch in der Schweiz ein Problem?
Das glaube ich nicht. Es geht hierzulande auch um zu wenig Geld. Der einzelne Politiker hat zu wenig Macht, um für Bestechung anfällig zu sein. Im wirtschaftlichen Bereich ist die Gefahr viel grösser. Dazu kommt: je demokratischer die Strukturen, desto kleiner das Risiko. In Europa gibt es Staatschefs, die selbstständig entscheiden können – die sind natürlich gefährdeter.
Tut der Gesetzgeber genug gegen die Korruption?
Es wird Sie vielleicht überraschen: ja. Nicht Gesetze fehlen, sondern die Umsetzung ist mangelhaft. Es fehlt die Erkenntnis, dass korruptes Verhalten letztlich auf den Zahler zurückschlägt, und die Konsequenz bei der Bekämpfung von Korruption. Wir sitzen alle im gleichen Boot und müssen diesen Kampf konsequent führen. Die Bedeutung der Korruption wird von der Bevölkerung und der Industrie massiv unterschätzt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2009, 04:00 Uhr
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4 Kommentare
Korruption gehört zum Business.Getrickst,beschummelt und gelogen wird überall ist ist mittlerweile ein fester Bestandteil internationaler Managementstrategien. Staaten die solche Möglichkeiten bieten und diese teilweise auch selber vormachen sind im Zuge der Korruptionsbekämpfung unglaubwürdig.Die Politik ruft nach Korruptionsbekämpfern die in den eigenen Reihen selber benötigt werden. ManagerSOS Antworten
Da mindestens 90 % der Stimmbürger gegen die Auszahlung von Mio-Salären und Boni sind, dürften in einer direkten Demokratie solche Auswüchse gar nicht vorkommen! Das gegenseitige Zuschieben von Mio durch unsere Top-Kassierer ist auch eine Korruption, welche verheerende Auswirkungen auf die übrigen Bürger hat: Die "Vorbilder" bewirken, dass immer mehr Egoisten den Staat u. Mitmenschen betrügen!!! Antworten
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