Wirtschaft

«Kulanz ist hier gar nicht nötig»

Interview: Norbert Raabe. Aktualisiert am 09.11.2011 46 Kommentare

Die strenge «Sitz-Ordnung» löst bei der SBB-Kundschaft nicht nur Zustimmung aus, sondern auch Ärger. Dafür hat Kurt Schreiber vom Fahrgastverband Pro Bahn kein Verständnis – trotz seiner Kritik an den SBB.

Ein altbekanntes Phänomen: Auch diese Dame benötigte einen weiteren Sitz für ihre Siebensachen – um das Jahr 1943 in einem Zug der Schweizerischen Bundesbahn.

Ein altbekanntes Phänomen: Auch diese Dame benötigte einen weiteren Sitz für ihre Siebensachen – um das Jahr 1943 in einem Zug der Schweizerischen Bundesbahn.
Bild: Keystone

Kurt Schreiber hat lange bei Pro Bahn Schweiz mitgewirkt und ist mittlerweile Präsident der Organisation, die sich für die Interessen der Fahrgäste in allen öffentlichen Verkehrsmitteln einsetzt.

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Herr Schreiber, SBB-Kunden, die Sitze mit Gepäckstücken blockieren, sollen ein Extra-Ticket dafür lösen – oder sogar des Zuges verwiesen werden. Wie beurteilen Sie das?
Ich finde es richtig, so vorzugehen. Diese Massnahme wird ja erst dann angewandt, wenn Passagiere uneinsichtig und damit unfair gegenüber ihren Mitreisenden sind.

Auch Online-Umfrage zeigen mehrheitlich Zustimmung – doch in den Foren äussern sich viele Leser zugleich verärgert über die «Regulierungswut» der SBB. Hätte es nicht genügt, das Zugpersonal zu klaren Anordnungen anzuweisen?
Ich betrachte das nicht als Regulierungswut, sondern als einen Hinweis auf Regeln, deren Einhaltung eigentlich selbstverständlich ist. Es wird also im Voraus und deutlich kommuniziert. Diese Massnahme dürfte dem Zugpersonal die Arbeit erleichtern und ausserdem vielleicht überflüssige Diskussionen mit manchen Passagieren ersparen.

Jeanine Pilloud, Chefin des Bereichs Personenverkehr, hat für die Umsetzung der «Sitz-Ordnung» ab Dezember versprochen, dass ein Ticket für die Tasche eine Notlösung sei – wenn die Zugbegleiter keinen anderen Ort fürs Gepäck finden...
Eine solche Kulanz ist hier gar nicht nötig. Wenn die Leute von sich aus das Gepäck vom Sitz wegnehmen, sobald sie gefragt werden: «Ist dort noch frei?» – dann ist das Problem doch schon im Voraus erledigt. Tun sie das nicht, sind sie renitent und unfair. Dann sollen sie bitte auch die Konsequenzen tragen.

Schon die Ankündigung, die Billettpflicht mit empfindlichen Bussen einzuführen, hatte für Ärger gesorgt. Sie bezeichneten das als «Holzhammer-Methode»; wenig später sagten die SBB Kulanz zu. Wäre es nicht klüger, von vornherein defensiver vorzugehen?
Ich würde nicht sagen, defensiver – sondern besser, umfassender orientieren. Beispiel Billettpflicht: In der Zwischenzeit habe ich erfahren, dass es gerade auf kurzen Fernverkehrsstrecken, etwa von Zürich nach Thalwil oder von Aarau nach Olten, möglich ist, über längere Zeit ohne Billett unterwegs zu sein. Offenbar kaufen viele Kunden dort mit Absicht erst ein Billett, wenn kontrolliert wird – kommt kein Kontrolleur, ist man eben gratis gefahren. Solchen Profiteuren und Profiteusen muss man natürlich das Handwerk legen.

In letzter Zeit standen die SBB häufiger in der Kritik. Die Klagen reichen von Problemen mit Mobile-Billetts über verdreckte Sitze und Abfall bis zum Aufschlag von 5 Franken bei der Buchung von Auslandsreisen am Schalter. Hat das Unternehmen ein Imageproblem?
Für mich ist es weniger ein Imageproblem als die Folge der SBB-Devise «Sparen und Einnahmen generieren – koste es, was es wolle». Es muss alles automatisiert werden; schliesslich verlangen Automaten weder ein Salär noch eine Lohnerhöhung. Damit bleiben die Dienstleistungen und die Menschen auf der Strecke. Hier wünsche ich mir wirklich eine andere Haltung der SBB.

Bei den Preiserhöhungen, die sich für die kommenden Jahre abzeichnen, werden die SBB auf treue Kundschaft angewiesen sein. Welche Leitlinien würden Sie vorschlagen, um den Goodwill in der Bevölkerung zu sichern?
Bei Preiserhöhungen nur bis zum Minimum gehen und bedenken, dass die Mehrzahl der Bevölkerung bei den Salären nicht mit dem Ausgleich der Teuerung rechnen kann. Den Service trotz höherer Kosten hochhalten. Und nicht nur automatisierte Verkaufskanäle bereitstellen, sondern die normalen mit Kundenbetreuung durch Menschen wieder ausbauen.

Das wird aber kaum etwas daran ändern, dass die Züge der SBB auch in Zukunft sehr gut gefüllt sein werden – oder darüber hinaus ...
Ja, man sollte das Wagenmaterial grosszügig bereitstellen, auch in Schwachlastzeiten. Die SBB sollten, wo immer möglich, dafür sorgen, dass niemand stehen muss – auch dann, wenn man damit Kosten sparen könnte. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2011, 13:38 Uhr

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46 Kommentare

Josef Germann

09.11.2011, 14:45 Uhr
Melden 32 Empfehlung

Liebe SBB..Gepäckstücke sind ja nur das Eine. Anstand hat sowieso niemand mehr. Die Waggons auch in der 1. KL. sehen aus wie im Saustall, Leute meine sie seien zu Hause in der guten Stube und halten ihre halbnackten Stinkfüsse in die Luft oder auf die blanken Polter. Sauereien von Essensresten und unangenehmen Düften. Es macht keinen Spass mehr Bahn zu reisen. Antworten


Heiris Marolf

09.11.2011, 14:25 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Das Problem sind doch die Leute! Anstand ist anscheinend eine vom Aussterben bedrohte Eigenschaft. Selbst zur Hauptstosszeit nimmt man auf Mitmenschen null Rücksicht. Ich erlebe dies JEDEN Tag. Wenn man sieht, dass sich der Bus oder Zug allmählich bis auf den letzten Platz füllt, macht man doch automatisch Platz? Weit gefehlt! Es ist wirklich himmeltraurig aber solche Regeln braucht es einfach. Antworten



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