Wirtschaft

Lidl will seine Geisterfilialen eröffnen

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 13.01.2012 17 Kommentare

Ein Rückzug vom Schweizer Markt ist offenbar vom Tisch. Bis Sommer will der Discounter nun elf weitere Filialen eröffnen. Den neuen Chef Matthias Oppitz erwartet viel Arbeit im Bereich Verkauf und Logistik.

Probleme mit der Raumplanung: Lidl hat in der Schweiz bisher viel weniger Läden gebaut als geplant.

Probleme mit der Raumplanung: Lidl hat in der Schweiz bisher viel weniger Läden gebaut als geplant.
Bild: Keystone

Die Expansion von Aldi und Lidl. (Bild: TA-Grafik mr/Quelle: CS Research)

Migros und Denner bald näher?

2007 hatte die Wettbewerbskommission die Übernahme des Discounters Denner durch die Migros nur mit strengen Auflagen genehmigt. Die Migros kann diese neu beurteilen lassen, sobald Aldi und Lidl gemeinsam über 250 Filialen betreiben werden. Diese Marke dürfte spätestens Ende dieses Jahrs erreicht sein (siehe Grafik unten). Was passiert, wenn die Weko die Auflagen dann fallen lässt?

Migros und Denner können dann nicht nur bei grossen Konzernen, sondern auch bei kleinen Unternehmen gemeinsam Waren beschaffen, und die Migros-Industrie dürfte Denner ohne Einschränkungen beliefern. Im gemeinsamen Wareneinkauf liegt ein grosses Rationalisierungspotenzial, das in Form tieferer Preise an die Kunden weitergegeben werden könnte.

Weiter könnte die Migros das CumulusProgramm auf Denner ausdehnen und zum Beispiel gemeinsame Aktionen durchführen. Bei Bedarf könnte die Migros Denner-Filialen zu Migros-Standorten machen. Und nicht zuletzt dürfte die Migros den Verwaltungsrat von Denner präsidieren. Der frühere Denner-CEO Philippe Gaydoul könnte als VR-Präsident also beispielsweise von Herbert Bolliger abgelöst werden, der dieses Amt bereits kurz nach der Übernahme angestrebt hatte.

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Gestern eröffnete Lidl eine neue Filiale in Bulle FR. Eine Zangengeburt: Zuvor hatte die Gemeinde den Bau eines mehrstöckigen Gebäudes verlangt, war damit vor Bundesgericht aber unterlegen, weil die erste Baubewilligung von 2006 ein einstöckiges Gebäude vorsah.

Die Geschichte ist symptomatisch für die Probleme mit der Raumplanung, auf die der Discounter bei seiner Expansion stösst. In Hochdorf LU sprach sich das Volk 2005 gegen Lidl und Aldi aus. Lidl wich darauf in einen Nachbarort aus, hat dort trotz Baubewilligung bisher aber noch nicht gebaut.

Vom ursprünglichen Ziel weit entfernt

Seit Monaten bezugsbereit, aber leer sind elf «Geisterfilialen». Die will Lidl nach und nach eröffnen: Im Februar sind Flums und Romanshorn dran, im März folgen Einsiedeln, Perlen und Thusis, im Frühjahr und Sommer Aigle, Jona, Marly, Pfäffikon ZH, Schänis und Spiez. Damit wäre Lidl Ende Sommer bei 87 Filialen – weit entfernt vom ursprünglich auf Ende 2011 anvisierten Ziel von 100 Filialen.

Ein Rückzug aus dem Markt Schweiz ist offenbar kein Thema mehr – und war es laut Lidl auch nie. Der TA wurde nach der Publikation eines möglichen Rückzugs (TA vom 2. November) jedoch von einer weiteren Quelle darauf hingewiesen, dass die deutsche Geschäftsleitung entsprechende Pläne diskutiert hatte.

Probleme im Bestellprozess

Der Deutsche Matthias Oppitz, der laut Lidl Anfang Februar die seit dem Abgang von Andreas Pohl Mitte Oktober vakante Stelle als Chef Schweiz antritt, wird sich vor allem um Bestellwesen und Logistik kümmern müssen. Gemäss mehreren unternehmensnahen Quellen kommt es im Bestellprozess immer wieder zu Problemen. Die Abläufe in der Verteilzentrale in Weinfelden sind fehleranfällig; hinzu kommt neues Personal, unter anderem der seit Juli tätige Chef Disposition, was die Problematik verschärft. Dadurch kommt es zu Fehllieferungen, und in den Filialen fehlen dann Artikel. Ausgerechnet an wichtigen Verkaufstagen vor Weihnachten und Neujahr traf man in mehreren Filialen auf Leerstände, wie sie die Geschäftsleitung mit Sicherheit nicht gern sieht.

Lidl bestreitet dies und spricht von Einzelfällen: «Bedingt durch hohe Nachfrage kann es Fälle geben, wo einzelne Artikel in bestimmten Filialen vorübergehend (in der Regel nur für wenige Stunden) für den Kunden nicht verfügbar sind. Lidl Schweiz hat eine funktionierende Logistik. Es kommt nicht oft zu Fehllieferungen.»

Laut einer im Herbst publizierten Befragung der Detailhandelsexperten Fuhrer & Hotz treffen Kunden bei Lidl allerdings recht oft auf leere Gestelle. 38 Prozent jener Konsumenten, die trotz Kaufabsicht ein Produkt nicht erwarben, mussten darum verzichten, weil es nicht vorrätig war. Bei Denner waren es mit 23 Prozent deutlich weniger, bei Aldi lediglich minim weniger.

«Ein harter Hund»

Das zweite Verteilzentrum im freiburgischen Sévaz wird Lidl dieses Jahr wohl nicht mehr in Angriff nehmen; laut Gemeinde wird die Bewilligung für die gewünschte Erschliessung durch eine neue Strasse kaum noch 2012 erfolgen, und ohne sie will Lidl trotz Bewilligung nicht bauen. Doch das macht dem Management kein Bauchweh: «Weinfelden verfügt über ausreichend Kapazitäten, sodass Lidl selbst bei Vorliegen der Genehmigung der alternativen Erschliessung noch nicht mit dem Bau beginnen würde.» Von dritter Seite wird dem TA bestätigt, dass Weinfelden durchaus gut 100 Filialen beliefern kann – obschon es für 70 bis 80 ausgelegt ist. Schliesslich erreichten die Filialen noch nicht den Normumsatz einer Verkaufsstelle.

Beim Personal (und auch bei den Gewerkschaften) ist man nun gespannt auf den neuen Chef. Ihm eilt der Ruf voraus, ein «harter Hund» zu sein, während der ausgeschiedene Pohl zwar bestimmt und auch fordernd auftrat, aber im Kader mit seinem Führungsstil gut ankam.

In den Filialen ist man am Handfesten interessiert: Man hofft, dass die zweite Tageslieferung vermehrt nach Plan ankommt. Sie sollte um die Mittagszeit vor Ort sein, trifft aber nach mehreren Quellen oft erst nach 16 und in Extremfällen gar erst um 22 Uhr ein, sodass das Personal kaum Zeit hat, die Gestelle aufzufüllen. Lidl streitet auch das ab: «Die Filialen werden nach einem Tourenplan beliefert, der unterschiedliche Anlieferzeiten vorsieht. Nach diesem Plan wird in der Logistik und in den Filialen verlässlich gearbeitet.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2012, 12:35 Uhr

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17 Kommentare

Peter Wyss

13.01.2012, 13:10 Uhr
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Ich habe letzte Woche in der ARD einen Bericht über Lidl gesehen. Fazit: Lidl ist nicht günstier als die normalen Supermärkte (wenn man die identischen Artikel verlgeicht), aber die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Spiegel Online hatte vor ein paar Tagen einen ähnlichen Artikel betreffend der Zulieferer von Lidl. Ich denke für die Schweiz sieht das ähnlich aus. Warum also soll man da einkaufen? Antworten


rolf huber

13.01.2012, 13:34 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Lebensmittel sind viel zu günstig! In einer nachhaltigen und wertschätzenden Gesellschaft (mensch, tier und pflanze) ist ein "Preiskampf" und "geiz ist geil" einfach unmöglich. Wir brauchen keine Konzepte und Läden von Lidl, Aldi etc. Antworten



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