Mit Ex-Agenten gegen Pillenfälscher

Von Simone Rau, San Francisco. Aktualisiert am 14.07.2010 8 Kommentare

Der Pharmakonzern Pfizer geht erfolgreich gegen die Medikamenten-Piraterie vor. Mit ehemaligen FBI-Detektiven.

Beschlagnahmt: Ein Schweizer Zollbeamter präsentiert konfiszierte Viagra-Imitate.

Beschlagnahmt: Ein Schweizer Zollbeamter präsentiert konfiszierte Viagra-Imitate.
Bild: Keystone

Das Leben von Martin Hickman war schön: ein Strandhaus an der spanischen Costa del Sol, eine diamantenbesetzte Rolex, ein Bentley, zwei Range Rovers, eine Wohnung in London. Viel von den Millionen, die er mit dem Vertrieb von gefälschtem Viagra eingenommen hat, sieht er allerdings nicht. Hickman sitzt im Gefängnis.

Bewirkt hat das der Pharmakonzern Pfizer. Oder besser: deren Methode, die Medikamenten-Piraterie zu bekämpfen. Das Geschäft hat sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt – auf 75 Milliarden Dollar Profit jährlich. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bis zu zehn Prozent aller Medikamente weltweit Fälschungen sind.

Gefälschtes Viagra

Während Jahren verliess sich Pfizer beim Kampf gegen die Fälschungen auf die Hilfe von Behörden und Polizei. Mit wenig Erfolg. Dann änderte der Viagra-Hersteller seine Strategie: Er holte ehemalige Zollbeamte in seinen Dienst, pensionierte FBI-Agenten und Polizisten aus Hongkong. Die Pfizer-Detektive sammeln seit 2007 Informationen, wo sie nur können. «Wir hören verdächtige Telefongespräche ab oder beobachten, wie Fälschungen transportiert werden», sagt John P. Clark, seit zwei Jahren Sicherheitschef von Pfizer.

In Ländern wie China oder Indien überwache man Fabriken, in denen die Herstellung gefälschter Medikamente vermutet werde. Entscheidend seien dabei die Gesetze des jeweiligen Landes und eine entsprechend enge Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort, so Clark. «Sobald wir genügend Beweise gesammelt haben, geben wir sie an die Behörden weiter. Diese entscheiden dann über das weitere Vorgehen.» Die angewandten Methoden seien vergleichbar mit jenen, die man im Kampf gegen Drogenhändler, Waffenschmuggler oder Geldwäscher einsetze.

Eingefrorene Konten

Zudem klagt Pfizer die Fälscher auf zivilem Weg ein – bisher in Grossbritannien und seit kurzem auch in den USA. Dies bringe weitaus mehr als eine Strafverfolgung, sagt Clark. «Die Gewinne, welche die Fälscher mit dem Verkauf der Pillen machen, sind riesig. Ein paar Monate im Gefängnis nehmen sie dafür gern in Kauf.» Ziele man dagegen auf das Geld der Verbrecher, indem Pfizer etwa vor Gericht ein Einfrieren der Konten erzwinge, treffe das die Fälscher härter.

Das beste Beispiel, dass Pfizers neue Strategie funktioniert, ist Martin Hickman. Der 50-jährige Engländer ist der bisher grösste Fisch, der dem Pharmagiganten ins Netz ging. Hickman verkaufte zwischen 2003 und 2007 gefälschtes Viagra und andere Potenzmittel für insgesamt knapp 9 Millionen Dollar. Die Anweisungen eines Gerichts, seine Internetwerbung für die gefälschten Produkte zu stoppen, ignorierte er. Ein Jahr später wurde er dafür zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Doch nach der Entlassung operierte Hickman im gleichen Stil weiter.

Aussergerichtliche Einigung

Pfizer bekam daraufhin vom High Court in London die Erlaubnis, eine Razzia in Hickmans Haus durchzuführen. Seine Gelder wurden eingefroren. Wegen Markenverletzung verklagt, willigte Hickman in eine aussergerichtliche Einigung mit dem Konzern ein. Unter anderem musste er für sämtliche Kosten aufkommen, die Pfizer bis dahin für ihn ausgegeben hatte – knapp 800'000 Dollar. Dies sei immerhin ein Beitrag an die 3,3 Millionen Dollar, die der Konzern seit 2007 in Sachen Medikamenten-Piraterie bezahlt habe, sagt Clark.

Und Martin Hickman? Der sitzt mittlerweile für zwei Jahre im Gefängnis. Pfizer hat ihn im letzten Sommer erneut vor Gericht gebracht – wegen Verkauf illegal hergestellter Medikamente und Geldwäscherei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 12:24 Uhr

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8 Kommentare

Peter Meyer

14.07.2010, 12:43 Uhr
Melden

Also die ganze Hysterie um diese Pillen geht mir so auf die Nerven. Wieso ist es kriminell, wenn andere Länder Produkte billiger herstellen? Bei uns gibt es ja auch Generika. Bloss weil das Patent eines Medikamentes noch nicht abgelaufen ist, die Herstellung und den Vertrieb als hochillegal abzustempeln, ist völlig absurd. Pfizer handelt illegal, weil sie den Zugang zu billigen Medis verhindern. Antworten


Peter Hofer

14.07.2010, 13:08 Uhr
Melden

@Peter Meyer - Sie haben gar nichts begriffen! Wenn eine Firma x Milliarden in die Entwicklung eines Medikamentes investiert, muss auch wieder was reinkommen. Wenn nach 15 (?) Jaren der Patentschutz abgelaufen ist und Generika produziert werden, ist das eine andere Sache. Antworten



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