Wirtschaft
Nestlé arbeitet an Imagekorrektur
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 02.08.2011 7 Kommentare
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«Der Fall Kolumbien»
Der 16-seitige Bericht «Der Fall Kolumbien» über den Dialog zwischen Alliance Sud und Nestlé untersucht die Präsenz des Konzerns in einem Land, das aufgrund der Komplexität der Probleme und dem harten Konflikt mit den Gewerkschaften exemplarischen Charakter hat. Für Gewerkschafter ist es gemäss Bericht das gefährlichste Land der Welt, punkto Missachtung von Arbeiterrechten nimmt es einen Spitzenplatz ein. Noch immer werden Gewerkschafter ermordet, auch wenn die Zahl von 205 im Jahr 2001 auf 48 im Jahr 2009 gesunken ist. Auch 13 Arbeiter beziehungsweise ehemalige Beschäftigte von Nestlé sind seit 1986 ermordet worden.
Die Gewerkschaft Sinaltrainal ist überzeugt, dass Nestlé zumindest indirekt an den Morden und anderen Gewalttaten an Gewerkschaftern Verantwortung trägt, und beschuldigt Nestlé auch öffentlich. Das Unternehmen protestiert und weist die Anschuldigungen als ungerechtfertigt und verletzend zurück.
Alliance Sud kommt im Bericht zu einem zwiespältigen Schluss. Der Dialog habe eine positive Entwicklung ausgelöst, Nestlé habe die meisten Empfehlungen umgesetzt. Zwischen Nestlé und der Gewerkschaft Sinaltrainal herrsche aber nach wie vor ein abgrundtiefes Misstrauen, das zu schweren Konfrontationen führe. Alliance Sud spricht von einem «Dialog unter Taubstummen» und findet eine Mediation «dringend notwendig». Nestlé Kolumbien werde zudem aufzeigen müssen, wie sie die hochgesteckten ökonomischen Ziele erreichen und sich gleichzeitig stärker sozial engagieren kann. (meo)
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«Woher nimmt eine Schweizer Nichtregierungsorganisation die Legitimation, im Namen von Betroffenen in Kolumbien mit Nestlé (NESN 54.8 0.27%) zu verhandeln?» Diese Frage richtet Oliver Claassen, Sprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern (EvB), an Alliance Sud, den politischen Arm der Hilfswerke Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und Heks. Claassen übt Kritik an einem Bericht, den Alliance Sud und Nestlé kürzlich auf ihre Websites gestellt haben. Und er fragt: Weshalb musste die Publikation des Berichts von Nestlé genehmigt werden?
Der Bericht ist das Resultat eines Dialogs, den die ungleichen Partner unter dem Siegel der Verschwiegenheit von 2006 bis 2011 geführt haben. Auslöser war das «Nestlé-Tribunal» gewesen: In Bern hatte der breit abgestützte Verein Multiwatch 2005 eine öffentliche Anhörung organisiert, die Nestlés Aktivitäten in Kolumbien kritisch hinterfragte. Der Konzern versuchte, die öffentliche Anhörung zu verhindern. Vergeblich. Das Echo in den Medien war gross.
In der Folge kommt es zu Kontakten zwischen Nestlé und Multiwatch-Mitglied Alliance Sud, und man einigt sich, einen vertraulichen Dialog zu Kolumbien zu führen. 2008 reist eine Delegation von Alliance Sud auf eigene Rechnung nach Südamerika. Sie gibt rund 40 Empfehlungen ab, davon akzeptiert Nestlé gut die Hälfte. 2010 kommt es zu einer zweiten Reise, Alliance Sud stellt Fortschritte fest (siehe Box).
Spionagefall zur Unzeit
In den Zeitraum des Geheimdialogs fiel der Spionageskandal um Attac, der noch heute die Gerichte beschäftigt. Der Konzern hatte über die Sicherheitsfirma Securitas eine Agentin in die globalisierungskritische Organisation geschleust. Attac war damals gerade daran, ein Nestlé-kritisches Buch zu schreiben.
Franklin Frederick, ein aus Brasilien stammender Wasserrechtsaktivist und mit Attac in Kontakt, war eines der Spionageopfer. Er fragt sich, wieso Alliance Sud damals geschwiegen hatte. «Gerade, weil der Kontakt zu Nestlé bestand, hätte Alliance Sud Druck aufsetzen und zum Beispiel eine offizielle Entschuldigung von Nestlé bei den Ausspionierten fordern oder eine öffentliche Diskussion zwischen Nestlé und den Betroffenen organisieren können.»
«Als der Spionagefall publik wurde, befanden wir uns im Dialog mit Nestlé in einer heiklen Phase», sagt Michel Egger, bei Alliance Sud federführend in der Sache. «Wir diskutierten den Bericht der ersten Kolumbien-Mission und versuchten von Nestlé konkrete Zusagen zu erhalten, unsere Verbesserungsvorschläge umzusetzen.» In einem solchen Prozess sei es unmöglich, zu verhandeln und gleichzeitig via Medien Kritik zu üben. Gegenüber hochrangigen Nestlé-Leuten habe man aber sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass Alliance Sud die Spionage gegen Attac missbillige. Man habe auch darauf bestanden, dass ein Mitglied der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien zur Delegation gehörte; der Dialog sei vertraulich, aber anderen Nestlé-kritischen Organisationen bekannt gewesen.
Der Dialog mit Alliance Sud ist Ausdruck einer neuen Strategie, die Nestlé eine Imagekorrektur verpassen soll. Und das weltweit. Sichtbar wurde dies erstmals 2007, als Christian Frutiger in die PR-Abteilung von Nestlé geholt wurde. Der frühere Mitarbeiter beim Internationalen Roten Kreuz und Experte für Kommunikationsmanagement soll den Kontakt zu Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Gewerkschaften und anderen Interessengruppen pflegen – zum Teil auf vertraulicher Basis. «Intensivierte und proaktive Dialogprozesse» entsprechen laut Nestlé-Sprecherin Nina Backes einem Entwicklungstrend in den Beziehungen zwischen Firmen und NGOs.
Frutiger hilft auch mit, das 2005 von Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck angestossene und mit den Harvard-Professoren Michael Porter und Mark Kramer entwickelte Kernprinzip der Geschäftsführung von Nestlé, die gemeinsame Wertschöpfung (englisch: Creating Shared Value, CSV) bekannt zu machen. Vor deutschen Betriebsräten erklärte Frutiger, Nestlé wolle soziale und ökologische Verantwortung tragen, aber auch eigene Ziele verfolgen.
Keine Angst vor Kooperationen
Brabeck spricht über diesen Nestlé-Ansatz mindestens so gerne wie über das Thema Wasser – etwa am Creating-Shared-Value-Forum, das Nestlé dieses Jahr zum dritten Mal durchführte. «Chefs von börsenkotierten Unternehmen haben nicht das Recht, sich soziale Verantwortung auf die Fahnen zu schreiben», sagte Brabeck im Mai. «Das kostet nur das Geld ihrer Aktionäre.» Anstatt in gut gemeinte Engagements zu investieren, sollten Unternehmen profitable Geschäftsmodelle entwickeln, die helfen, globale Probleme zu lösen.»
Nestlé sieht sich gern in der Rolle des globalen Problemlösers – und schreckt auch nicht davor zurück, mit einem Partner zu kooperieren, der strategisch-militärische Ziele verfolgt. Das CSV-Forum vom letzten Mai in Washington wurde in Partnerschaft mit dem Atlantic Council entwickelt, einer Organisation, die dem Verteidigungsbündnis Nato nahesteht. Die Kooperationen beruhen laut Nestlé auf der Idee, vor Ort starke Partner mit einem tragfähigen lokalen Netzwerk zu finden. «Politische Ansinnen spielen dabei keine Rolle.»
Die Westschweizer gehen nicht nur in der Kommunikation neue Wege: Im Juni 2010 wurden neue Unternehmensgrundsätze vorgestellt. Hinzu kam etwa die unternehmerische Verantwortung, die Menschenrechte zu respektieren. Das zeigt sich etwa darin, dass das staatliche Dänische Institut für Menschenrechte im Auftrag von Nestlé «Impact Assessments» in Ländern wie Kolumbien oder Nigeria durchführt, die Menschenrechtsrisiken aufweisen. Nestlé lässt also ein externes, unabhängiges Monitoring zu. Nur: Die Berichte sind nicht öffentlich, was ihre Bedeutung schmälert.
Kritiker erkennen Fortschritte
Sind all diese Aktivitäten nur Effekthascherei, oder hat sich Nestlé grundsätzlich geändert? Roby Tschopp, Geschäftsführer der Aktionärsvereinigung Actares, konstatiert «seit einigen Jahren inhaltliche Fortschritte». So habe Brabeck am Actares-Jubiläum im letzten November öffentlich zugegeben, dass es bisher nicht gelungen sei, die Kinderarbeit in der Kakaoproduktion auszumerzen. «Ein Topmanager, der einen solchen Misserfolg eingesteht, ist bei Nestlé ein Novum», sagt Tschopp. Der Marketingexperte Brabeck wisse aber, wie er sich zu verkaufen habe – und übertreibe es manchmal auch.
Brabeck selbst sagt, er identifiziere sich sehr stark mit dem CSV-Konzept. Das zeige auch der Titel seiner Biografie «Gemeinsam Werte schaffen». «Ich bin der Meinung, ein derartiges Denken muss von oben nach unten durchsickern. Dafür müssen Sie viel kommunizieren und auch glaubwürdig bleiben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.08.2011, 21:21 Uhr
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7 Kommentare
Wenn man es schon als Erfolg betrachtet, dass ein Top-Manager das offensichtliche zugibt - aber offensichtlich trotz der Marktmacht seiner Unternehmung nichts dagegen unternimmt und behauptet börsenkotierten Unternehmen hätten nicht das Recht, sich soziale Verantwortung auf die Fahnen zu schreiben, muss man wohl davon ausgehen, dass die Ansprüche von Actares zum vornherein nicht sehr hoch waren. Antworten
Ich meide Nestle Produkte aber auch die der anderen 2Nahrungsmittelkonzerne Kraft und Unilever. Mein vertrauen in diese monströsen Giganten ist ebenfalls nur noch am absteigen. Zu stark erscheint mir die Gewichtung primär die Aktionäre und Finanzmärkte zu befriedigen wärend alle anderen dabei nur als Konsumenten eine Rolle spielen. Die Rolle des Geldgebers ohne Stimmrechte. Wasserprivatisierung. Antworten
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