«Niemand kam auf die Idee, die Mitbewerber seien zu schwach»

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 28.11.2009

Swisscom-Chef Carsten Schloter über die Dominanz seiner Firma, den Zusammenschluss von Sunrise und Orange, den Kundendienst der Cablecom und die Trends der Branche.

Carsten Schloter: «Die Preise werden sich nicht halbieren, aber sie werden jedes Jahr 7 bis 10 Prozent sinken.»

Carsten Schloter: «Die Preise werden sich nicht halbieren, aber sie werden jedes Jahr 7 bis 10 Prozent sinken.»
Bild: Keystone

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Zur Person

Carsten Schloter

Der 46-jährige Deutsche, der einen Grossteil der Kindheit in Frankreich verbracht hat und zuweilen mit leicht französischem Akzent spricht, leitet die Swisscom seit Anfang 2006.

Orange übernimmt Sunrise. Steigen jetzt die Preise im Mobilfunk?
Nein. Der wichtigste Treiber für den Wettbewerb ist der technische Fortschritt, nicht die Zahl der Anbieter. Im Mobilfunk findet die gleiche Entwicklung statt, die wir im Festnetz erlebt haben: Dienste wie Sprachtelefonie oder SMS wandern aufs Internet ab.

Die Swisscom macht im Festnetz trotz Skype gute Geschäfte.
Ja, aber die Preise sind deutlich gesunken. Nicht nur wegen Skype. Auch weil die Kabelnetzbetreiber über das Internet Telefonie anbieten können.

Machen Sie sich wirklich Sorgen über den Umsatz in der Mobiltelefonie?
Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Für das iPhone gibt es ein Programm namens Ping, mit dem man SMS gratis übers Internet verschicken kann. Solche Dienste sind derzeit stark gefragt und setzen den Preis für SMS unter Druck.

Das bedeutet aber nicht, dass SMS demnächst billiger werden, oder?
Ich sage nicht, dass sich die Mobilfunkpreise deswegen halbieren. Aber sie werden jedes Jahr 7 bis 10 Prozent sinken – unabhängig davon, ob es einen Mitbewerber weniger gibt oder nicht.

Ist der Zusammenschluss von Sunrise und Orange eine Kapitulation?
Nein. Er ist die logische Folge der Verlagerung von Sprache ins Internet. Diese Entwicklung findet derzeit in ganz Europa statt. Künftig sind kleinere Anbieter wie Sunrise und Orange allein einfach nicht mehr überlebensfähig.

Ist das gut oder schlecht für die Swisscom?
Gut. Die Übernahme wird den Wettbewerb beleben. Und das kann die Situation der Swisscom nur verbessern. Die Probleme unserer Mitbewerber haben dazu geführt, dass die Politik der Swisscom vorwarf, sie sei zu stark. Niemand kam auf die Idee, die Mitbewerber seien zu schwach. Gegen dieses politische Risiko konnten wir nichts tun. Gegen einen starken Mitbewerber können wir uns wenigstens wehren.

Das politische Risiko sinkt nur, wenn der Wettbewerb spielt.
Ja, aber da mache ich mir keine Sorgen. Der Zusammenschluss verschafft Sunrise und Orange finanziell Luft, die die beiden allein nicht mehr haben. Wenn Orange und Sunrise in den letzten Monaten irgendwo die Preise senkten, haben sie sie meist gleichzeitig anderswo erhöht – etwa, indem sie im Minutentakt abgerechnet haben. Sonst wäre ihr Gewinn unter die Marke von rund 200 Millionen Franken gefallen.

Das ist doch gar nicht so schlecht.
Bei dem, was demnächst auf die Anbieter zukommt, ist das nicht gerade viel. Sunrise und Orange bewegen sich nahe an der Profitabilitätsgrenze.

Ist das nicht übertrieben?
Nicht wenn man bedenkt, wie viel sie in die Netze investieren müssen, um weiterhin 200 Millionen Gewinn pro Jahr zu machen. Ihre Datennetze sind voll. Ohne neue Antennen hätte das Datenvolumen nicht wachsen können.

Aber sagten Sie früher nicht, Orange und Sunrise seien hoch profitabel?
Sunrise und Orange verdienen gut am Schweizer Markt. Aber nicht genug, um noch einmal Hunderte von Millionen in die Infrastruktur zu investieren, wenn gleichzeitig die Preise sinken. Mit der Übernahme wird ihr Spielraum viel grösser. Zusammen machen die Firmen nicht nur 400 Millionen Gewinn, sondern aufgrund von Synergieeffekten 700 Millionen.

Aber wenn es heute unattraktiv ist, die Preise zu senken, weil man damit zu wenig neue Kunden anwerben kann, ist das auch morgen noch so.
Die Schweizer Kunden sind nicht per se wechselfaul. Wenn man einen schlechten Job macht, sind sie auf einmal ganz schnell weg. Das musste einer unserer Mitbewerber [die Cablecom, Anm. der Red.] erst vor kurzem schmerzlich erfahren.

Also müssen Orange und Sunrise darauf hoffen, dass die Swisscom ihren Job plötzlich schlechter macht?
Wir haben in den letzten vier Jahren viel Geld in den Kundendienst investiert. Dadurch ist die Zufriedenheit der Kunden gestiegen und ihre Wechselbereitschaft gesunken . . .

. . . was es noch schwieriger macht, der Swisscom Kunden abzujagen.
Ja. Unsere Entscheidung, auf die Qualität zu setzen, war richtig. Und die Anforderungen werden weiter steigen. Wenn vor zehn Jahren das Internet ausfiel, haben das die meisten Kunden gar nicht gemerkt. Heute ist es eine Katastrophe. Die entscheidende Frage lautet damit: Wie viel kann ein Anbieter in den Service investieren?

Und was hat das damit zu tun, ob der Wettbewerb in Zukunft spielt?
Der Wettbewerb wird künftig viel mehr über die Qualität der Dienstleistung stattfinden. Ein grosser Anbieter hat einfach mehr Möglichkeiten: Er kann zum Beispiel mehr Shops betreiben, was ihn näher zum Kunden bringt.

Besserer Service bei Sunrise und Orange ist noch kein Grund für die Swisscom-Kunden zu wechseln.
Nein, aber dann spielt der Preis auf einmal eine Rolle. Aus unseren Marktbefragungen geht klar hervor: Solange der Service nicht stimmt, kann ein Anbieter auch viel günstiger sein – und trotzdem wechselt der Kunde nicht.

Wie viel müssten Orange und Sunrise in den Service investieren?
Eine wichtige Grösse ist die Zahl der Mitarbeitenden an der Kundenfront. Wenn sie dort 400 neue Stellen schaffen, kostet das vielleicht 40 Millionen. Das ist keine riesige Summe.

Reicht es, mehr Leute anzustellen?
Damit fängt es an.

Wie viel gibt die Swisscom für den Kundendienst aus?
Bei uns arbeiten gegen 4500 Mitarbeitende direkt an der Kundenfront – für Mobil- und Festnetz. Das sind rund 40 Prozent aller Angestellten von Swisscom Schweiz.

Und was macht der gesamte Kundendienst kostenmässig aus?
Die Frage ist, wo man die Linie zieht. Am Ende hat fast alles einen Einfluss auf die Kundenzufriedenheit.

Bluewin TV heisst neu Swisscom TV. Wieso dieser Namenswechsel?
Solche Diskussionen führt man jedes Mal, wenn man sich auf eine Dachmarke konzentriert. Es ist ganz einfach: Man stärkt die Marke und spart Geld.

Wieso hat man den Namen nicht schon früher geändert?
Wir waren uns nicht sicher, ob wir beim Einstieg ins Fernsehgeschäft erfolgreich sind. Bei einem Misserfolg wäre das Risiko für die Dachmarke zu gross gewesen.

Und die Bluewin-E-Mail-Adressen?
Wir werden garantiert nichts an den bestehenden E-Mail-Adressen unserer Kunden ändern. Das ist ein absolutes Tabu. Allerdings werden unsere Neukunden irgendwann wohl nur noch Swisscom-Mail-Adressen bekommen.

Die Swisscom mischt auch im Geschäft mit Rechten für Sportübertragungen mit. Rentiert das?
Es gibt Geschäfte, deren Rentabilität darf man nicht isoliert betrachten. Für sich betrachtet, rentiert auch der Betrieb der Swisscom-Shops nicht. Aber sie erfüllen eine wichtige Aufgabe. Ähnlich ist es mit den Fussballrechten.

Erklären Sie das.
Es ist schwierig, den Kunden die Vorzüge eines sehr schnellen Internetzugangs aufzuzeigen. Viele sind darum heute nicht bereit, für eine höhere Bandbreite mehr zu bezahlen. Wir glauben, dass etwa hochauflösende Sportaufzeichnungen das ändern könnten. Vielleicht gibt das den Kunden einen Grund, mehr für einen Anschluss mit einer höheren Bandbreite auszugeben.

Sportrechte als Verkaufsargument?
Hochauflösende Videos sind ein Weg, die Qualität des Netzes für den Kunden erlebbar zu machen. Es wäre unsinnig, Milliarden in den Ausbau des Glasfasernetzes zu investieren, aber davor zurückzuschrecken, zum Beispiel 10 Millionen Franken für Inhalte auszugeben, nur weil sich das isoliert betrachtet nicht lohnt.

Wie lange werden Glasfaserangebote eine Nische bleiben?
Die nächsten 5 Jahre bestimmt. Das Problem ist, dass eine Technologie erst weltweit eine gewisse Abdeckung haben muss, bevor Anwendungen dafür entwickelt werden.

Die Swisscom kommt in den Verhandlungen mit dem Stadtzürcher Elektrizitätswerk nicht voran. Woran liegt das?
Ich denke schon, dass wir vorankommen. Das Problem ist die Frage der Baukosten. Das war bei allen Verhandlungen ein Thema, erweist sich jedoch als unterschiedlich schwierig. Wir sind nicht bereit, uns an den Baukosten der EWs zu beteiligen, wenn diese höher sind, als wenn wir selbst bauen.

Aber müssten die Kosten der Elektrizitätswerke nicht tiefer sein?
Das liegt an den Kabelkanalisationen. Die EWs müssen einen Teil ihrer Schächte modernisieren, damit sich Strom- und Glasfaserkabel vertragen. Das ist viel teurer, als wenn die Swisscom einfach ein Glasfaserkabel neben dem Kupferkabel einzieht. Einige EWs sehen die Glasfaseroffensive als Gelegenheit, ihr Schachtsystem zu erneuern. Dafür werden wir nicht zahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2009, 11:30 Uhr

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