Wirtschaft

Ohne eigene Raffinerien keine sichere Versorgung

Von Richard Diethelm, Lausanne. Aktualisiert am 07.01.2012 43 Kommentare

Im schlimmsten Fall werden die zwei einzigen Raffinerien in der Schweiz 2012 stillgelegt. Das könnte langfristig zu Engpässen auf dem Brenn- und Treibstoffmarkt führen, warnt die Erdöl-Vereinigung.

Von der Schliessung bedroht: Die Petroplus-Raffinerie im neuenburgischen Cressier. Foto: Michael Buholzer (Reuters)

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Der Neuenburger Volkswirtschaftsdirektor Thierry Grosjean versuchte gestern im Westschweizer Radio, das Schreckgespenst einer Schliessung der Raffinerie Cressier zu verscheuchen. «Ich klammere mich an die Hoffnung, dass die Banken der Petroplus (PPHN 0.03 -40.00%) die Kreditlinie verlängern oder eine andere Lösung gefunden wird», sagte der Staatsrat in den Nachrichten. Da Petroplus von den Banken kein Geld mehr erhält, um Rohöl zu kaufen, geht der Raffinerie demnächst der Rohstoff aus.

Von Unternehmensseite heisst es, die Anlage werde Mitte Januar vorübergehend stillgelegt. Für Kenner der Verhältnisse auf dem Ölmarkt ist jedoch klar: Kann sich Petroplus mit den Banken nicht einigen oder findet der Konzern aus Zug keinen Käufer für Cressier, gehen in der Raffinerie die Lichter für immer aus. 260 Beschäftigte stünden dann auf der Strasse. «Das wäre für unseren Kanton eine Tragödie, die grösste Massenentlassung seit mehr als fünf Jahren», sagt die Neuenburger Regionalsekretärin der Gewerkschaft Unia, Cathérine Laubscher. Weitere 250 Arbeitsplätze sieht sie im Fall einer endgültigen Schliessung in Zuliefer- und Partnerbetrieben der Raffinerie gefährdet.

Unia appelliert an Bundesrat

Die Unia forderte gestern Bundesrat Johann Schneider-Ammann auf, persönlich zu intervenieren. In den letzten Jahren sei viel Geld in Cressier investiert worden, um die Produktion umweltfreundlicher zu gestalten. «Der Bundesrat muss einerseits aus ökologischen Überlegungen ein Interesse daran haben, dass die Produktion fortgeführt wird. Anderseits garantiert Cressier auch eine gewisse Versorgungssicherheit mit Erdölprodukten», so die Unia.

Aus einem anderen Grund könnte die libysche Tamoil-Gruppe, die in Collombey im Unterwallis die zweite Raffinerie auf Schweizer Boden betreibt, gezwungen sein, ihren Betrieb einzustellen. Tamoil liegt seit langem mit den Walliser und Waadtländern Behörden im Clinch. Die Raffinerie an der Kantonsgrenze verschmutze in den letzten Jahren wiederholt die Umwelt. Zudem erfüllt sie die Auflagen des Walliser Umweltschutzamtes – wenn überhaupt – nur widerwillig.

Schmutzige Tamoil-Raffinerie

Im Dezember drohte der Walliser Amtschef Cédric Arnold Tamoil mit dem Entzug der Betriebsbewilligung, falls die Raffinerie am Ende des für September geplanten Betriebsunterbruchs die Auflagen nicht erfülle. Es geht um die Abgas-Entschwefelung, das Herausfiltern von Feinstaub und die Sanierung der Abwasserkanäle und der Abwasserreinigungsanlage.

Im November 2008 waren 151'000 Liter Benzin aus der Raffinerie in die Rhone geflossen, ein Jahr darauf eine Tonne ölverschmutzter Schlick aus einem Rückhaltebecken. Bereits 2006 war Tamoil wegen Verstössen gegen das Gewässerschutzgesetz mit 10'000 Franken gebüsst worden. Nach der erneuten Verschmutzung der Rhone reichten die Waadtländer und Walliser Strafanzeige ein. Die Strafuntersuchung steht vor dem Abschluss.

Flexible Versorgung gefährdet

Rund 40 Prozent der in der Schweiz verbrauchten Brenn- und Treibstoffe stammen aus den Raffinerien in Cressier und Collombey, wobei Petroplus mit 25 Prozent den grösseren Teil liefert. Würde dort kein importiertes Rohöl mehr verarbeitet, gäbe es laut der Erdöl-Vereinigung (EV) kurzfristig keine Engpässe bei der Versorgung, da die Händler ihre Ware aus anderen Quellen in Europa beziehen können. «Mittel- und langfristig wäre aber die Versorgungssicherheit bei der Schliessung einer oder beider Raffinerien gefährdet», betont EV-Geschäftsführer Niklaus Boss.

Ein Vorteil des heutigen Systems, bei dem 60 Prozent des Bedarfs durch den Import von Fertigprodukten gedeckt wird, würde wegfallen. Boss erläutert dies am möglichen Fall, dass eine grosse Raffinerie in Antwerpen bestreikt wird und die Rheinschifffahrt wegen zu tiefen Wasserstands eingestellt werden muss. «Ist die Zufuhr von Ölprodukten aus dem Norden eingeschränkt, kann man heute eine Bedarfslücke durch die eigenen Raffinerien und eine stärkere Einfuhr via die Pipeline Marseille–Genf für Fertigprodukte decken», sagt Boss.

Ein weiteres logistisches Problem ortet der EV-Geschäftsleiter bei den beschränkten Transportkapazitäten der Bahn. Ohne eigene Raffinerien gäbe es Probleme mit dem Wegtransport erheblich grösserer Mengen vom Rheinhafen Basel und von Genf, wo die Pipeline für Fertigprodukte endet. Dagegen erwartet Boss keinen grösseren Preisschub bei Benzin oder Heizöl, falls Cressier oder Collombey den Betrieb einstellen müsste. «Beim Literpreis für Benzin machen die Transportkosten weniger als 10 Rappen aus». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2012, 11:34 Uhr

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43 Kommentare

paul schaller

07.01.2012, 11:43 Uhr
Melden 120 Empfehlung

Aber Hallo. Die Erdoelgesellschaften generieren Milliardngewinne und nun soll der Bund ( Steuerzahler) ihr Geschaeftsmodell mit unserem Geld refinanzieren? Dreister gehts wohl nicht. Antworten


Selina Kummer

07.01.2012, 12:09 Uhr
Melden 89 Empfehlung

Jahrelang wurden Milliarden gewinne abgezogen und jetzt wo es kleine Investitionen braucht, schreit man nach dem Staat und schwafelt irgend einen Unsinn über Versorgungssicherheit. Als ob die Schweiz, kein Förderland, je Versorgungssicherheit erlangen könnte! Wir sind sowieso von Importen abhängig. Antworten



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