Wirtschaft

Personalrestaurants sind in der Krise gefragt

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 18.06.2009

Die Gastronomie gehört zu den Verlierern der Krise. Nicht so die Betriebskantinen: Wo nicht kurzgearbeitet wird, verpflegen diese mehr Leute als üblich.

Selbstbedienung und Serviertablett haben in der Krise Hochkonjunktur.

Selbstbedienung und Serviertablett haben in der Krise Hochkonjunktur.
Bild: Keystone

Der Lunch im Restaurant kostet zwei- bis dreimal so viel wie das Menü 1 im Personalrestaurant. Wer an der Sicherheit seines Arbeitsplatzes zweifelt oder vielleicht einen Partner ohne Job hat, sieht da einiges persönliches Sparpotenzial. Die Kantine gewinnt an Attraktivität.

Tatsächlich schlägt sich dies auch in den Zahlen von Unternehmen nieder, die in der Gemeinschaftsverpflegung tätig sind. Regula Pfister, die Geschäftsführerin der ZFV-Unternehmungen spricht von einem Boom: «Die Leute essen eindeutig häufiger in den Personalrestaurants.» Davon ausgenommen seien naturgemäss Firmen, die Kurzarbeit eingeführt haben – im Fall des ZFV etwa die Ems-Chemie oder der Designmöbelhersteller Vitra.

Kantine ermöglicht kurzen Mittag

Daniela Corboz von Compass Group Schweiz in Kloten registriert in Betrieben ohne Kurzarbeit oder Entlassungen ebenfalls eine Zunahme, sieht dafür aber auch noch andere Gründe. «Das Angebot der Personalrestaurants ist nicht nur günstiger, es ist auch schneller: Man ist in kürzester Zeit wieder am Schreibtisch.» In Zeiten, in denen viele um ihren Job bangen und der Druck am Arbeitsplatz steigt, ist dies durchaus ein Argument.

Die Dübendorfer SV Group verkauft in der klassischen Industrie weniger Menüs, liegt aber insgesamt auf dem Niveau des Vorjahres. Regelrecht eingebrochen ist laut Sprecherin Julia Negri die Organisation von Empfängen und Apéros in Firmen. «Bei diesen Sonderanlässen beträgt der Rückgang 20 Prozent.»

Zu den wenigen Schweizer Konzernen, die ihr Personalrestaurant in Eigenregie betreiben, gehört neben Rückversicherer Swiss Re und Pharmariese Roche der Schokoladehersteller Lindt & Sprüngli. Am Hauptsitz in Kilchberg ist die Gästezahl stabil, aber die Konsumgewohnheiten haben sich verändert. «Man schaut bewusster aufs Portemonnaie und nimmt vielleicht nur einen Salat oder verzichtet beim Zvieri auf ein Gebäck», sagt Sprecherin Sylvia Kälin.

Noch nie so viele Ausschreibungen

Derzeit schreiben ungewöhnlich viele Unternehmen, Verwaltungen und Schulen die Aufträge für ihre Restaurants und Mensen neu aus. «Es vergeht keine Woche, ohne dass ich mindestens eine Offerte auf dem Pult habe», sagt ZFV-Chefin Regula Pfister. In diesem Jahr hat der ZFV bereits neun neue Aufträge an Land gezogen. «Auch das hat es noch nie gegeben.»

Laut Pfister ist es das Ziel aller Ausschreibungen, möglichst gute Qualität zu tieferen Kosten als bisher zu erhalten. «Viele Unternehmen suchen in der Krise ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis», sagt Andrew Gordon, Geschäftsführer von DSR, dem Marktleader in der Romandie. Er erachtet das als legitim, weist aber auch auf die Risiken dieses Trends hin. «Um eine gute Qualität zu haben, brauchen Sie gutes Personal und gute Lebensmittel – und das gibt es beides nicht zum Nulltarif.» Ein Unternehmen, das im Personalrestaurant kurzfristig vielleicht 50'000 Franken spare, könne langfristig das Vielfache verlieren. Denn: «Wenn die Gäste ausbleiben, ist ein Personalrestaurant eine sehr teure Sache.»

Einige Unternehmen lassen sich das eigene Restaurant bewusst etwas kosten. So etwa die Zürcher Adnovum Informatik ihr «Guccinetta», ein Edelrestaurant innerhalb der Firma. Angestellte zahlen 12 Franken für ein Mittagessen, das bei Berechnung der Vollkosten rund 50 Franken kosten würde. Kein Wunder, gehört der gemeinsame Lunch hier zur Firmenkultur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2009, 19:31 Uhr

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