Wirtschaft
Railbar-Stewards der SBB müssen bis zu 130 Kilo hieven
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 29.03.2010
Dieses Wägeli dürfen nur Männer einladen und durch den Zug schieben.
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Die Minibar-Wägeli heissen Piccolo, doch der Name trügt. In beladenem Zustand sind sie 120 bis 130 Kilo schwer – und das Personal muss sie oft von Hand vom Perron in den Zug hieven. «Ein unmenschlicher Kraftakt», sagt Regula Bieri von der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Das Problem sei der SBB-Tochter Elvetino seit langem bekannt. Doch die Betreiberin der Speisewagen und Minibars in den Zügen unternehme zu wenig, um die Situation zu verbessern, klagt die Gewerkschaft.
Elvetino widerspricht
Elvetino lässt diese Kritik nicht gelten. Gemäss Sprecherin Claudine Holzach handelt es sich nur bei 27 von 195 Minibars um sogenannte Piccolo. Zudem würden 8 davon auf Zügen eingesetzt, bei denen keine Treppen zu bewältigen sind, da der Zug auf Perronhöhe ist. Bleiben also 19 Piccolo, die in den Zug gehievt werden müssen. Doch dazu gebe es einen Treppensteiger – eine elektronische Steighilfe.
Diese Unterstützung scheint aber nur bedingt zu funktionieren, wie sich zuletzt an einer Personalversammlung in Basel zeigte. Der Ein- und Auslad sei nur mit massivem Körpereinsatz möglich, die Akkus der Treppensteiger seien zudem oft am Limit, hiess es dort.
«Minimale Belastung»
Auch hier widerspricht Elvetino. Die körperliche Belastung sei bei richtiger Handhabung der Einladhilfe minimal, sagt Holzach. Es sei gar nicht zulässig und strengstens untersagt, die Minibar mit Muskelkraft ein- und auszuladen. Bei technischen Defekten wie schwachem Akku sei der Dienst einzustellen.
Es stellt sich allerdings die Frage, weshalb Elvetino für diesen Wagentyp trotz der «minimalen Belastung» ausschliesslich Männer einsetzt. Wer aufgrund von körperlichen Beschwerden um eine Dispens vom Piccolo-Dienst bittet und dies mit einem Arztzeugnis belegt, wird laut der Gewerkschaft SEV zudem oft gleich entlassen. Gemäss Elvetino sei das in keinem Fall der alleinige Entlassungsgrund gewesen. «Es kann aber vorkommen, dass bei Mitarbeitenden, die aus anderen Gründen bereits negativ aufgefallen sind, die Einschränkung in der Flexibilität und Dienstplanung bei einem Kündigungsentscheid mit einbezogen wird», sagt Sprecherin Holzach.
Suva sieht kein Problem
Elvetino wird noch längere Zeit auf die Piccolo-Minibars angewiesen sein, wird es doch noch ein paar Jahre dauern, bis die SBB nur noch bodenebene Züge führt. Deshalb arbeitet Elvetino mit einer Schweizer Firma an der Entwicklung eines leichteren Modells. Komplett auf die Piccolo verzichten kann Elvetino nicht: Würde man diese nicht einsetzen, könnte die SBB-Tochter 83 Züge nicht bedienen, was einen zweistelligen Stellenabbau zur Folge hätte.
An vielen Bahnhöfen wäre Abhilfe vorhanden – in Form der Mobilifte, die das Bahnpersonal für das Einladen von Rollstühlen in die Züge verwendet. Laut Aussagen von Minibar-Stewards wären diese ein taugliches Mittel, um Rückenschäden zu verhindern. Nur: Elvetino verbietet via Rundschreiben seinen Mitarbeitern auf Anweisung der SBB, diese zu nutzen. Die Bedienung der Mobilifte bedarf einer Schulung; auch könnte es zu Zugsverspätungen kommen, wenn in einen Zug gleichzeitig handicapierte Kunden und die Piccolo-Minibar mittels Mobilift eingeladen werden müssten.
Die für den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zuständige Suva sieht kein Problem und verweist auf die motorischen Steighilfen. «Die Suva steht mit Elvetino in regelmässigem Kontakt», sagt Sprecherin Helene Fleischlin.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2010, 06:36 Uhr
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