Wirtschaft

Recycling mit Nebenwirkungen

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 26.04.2011 22 Kommentare

Verpackungen aus Recyclingkarton verpesten unser Essen mit Mineralöl. Das Problem ist seit 15 Jahren bekannt. Aber erst jetzt wird etwas dagegen unternommen.

Für Verpackungen aus Karton gibt es kaum Richtlinien: ein Lastwagen mit gepresstem Karton.

Für Verpackungen aus Karton gibt es kaum Richtlinien: ein Lastwagen mit gepresstem Karton.
Bild: Keystone

Eine Stoffanalyse (Chromatogramm) zeigte 1997 auf, wie der sogenannte Mineralöl-Hügel wandert: von der Kartonverpackung ins Müesli. Ohne Kontakt mit der Verpackung ist die Müesli-Kurve flach.

Lösungsansätze

Auf die Schnelle ist nichts zu machen

In Deutschland ist das Mineralöl aus dem Recyclingkarton seit Ende 2009 ein Thema. Das zuständige Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) macht Druck bei den Herstellern für ein nachhaltiges Konzept. Laut dem Kantonalen Labor Zürich macht das am meisten Sinn: «Das Problem ist nicht so akut, dass man sämtliche Produkte aus den Regalen nehmen müsste», sagt Chemiker Konrad Grob. Folgende Lösungen stehen zur Diskussion:

1) Verzicht auf Recyclingkarton: «Das ist die einfachste Lösung, sie ist aber nicht erstrebenswert», sagt Grob. Kartonverpackungen nur noch aus frischen Fasern zu machen, ist beim heutigen Verbrauch unmöglich. Kommt hinzu: «Nicht nur die Verpackungen selbst übertragen Mineralöl, sondern auch die Schachteln, in denen die einzelnen Packungen transportiert und gelagert werden.» Um alles aus Frischkarton zu machen, fehlen die Bäume. Das zeigt auch eine Machbarkeitsstudie der Technischen Universität Darmstadt.
2) Zeitungen aussortieren: Das senkt zwar den Mineralölgehalt – aber nicht genug. Ausserdem wäre diese Lösung teuer, weil die Zeitungen von Hand aussortiert werden müssten.
3) Druckfarbe wechseln: Zeitungsdrucker würden gezwungen, lebensmitteltaugliche Farbe zu verwenden. Es müssten neue Druckerfarben entwickelt, Druckmaschinen modifiziert und das Recycling angepasst werden. Das würde viel zu lange dauern. Unklar ist auch, wer die Kosten dafür tragen würde. Auch danach hätte es viele unbekannte Stoffe im Recyclingkarton.
4) Barrieren einbauen: Alu-Beutel schützen. Babynahrung wird seit Jahren so verpackt. Alu ist aber teuer und unökologisch. Auch einige Sorten Plastik sind dicht, etwa PET. Man könnte Karton beschichten. Kartonhersteller experimentieren bereits damit. Mit marktreifen Lösungen ist allerdings frühestens 2012 zu rechnen. Das Kantonale Labor Zürich hat einen Test entwickelt, um sicherzustellen, dass die Beschichtung wirklich dicht ist. (aba)

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Es steckt überall drin: in Müesli, Teigwaren, Reis, in Apéro-Gebäck und Keksen, in Paniermehl und Stärke. Kartonverpackungen aus Recyclingmaterial verschmutzen unser Essen mit Mineralöl. Die Dämpfe durchdringen die Plastikbeutel der Cornflakes und die Papierbeutel des Kakaopulvers. Das ist ein Risiko für unsere Gesundheit. Ein Bestandteil des Mineralöls, die gesättigten Kohlenwasserstoffe, lagern sich in Organen wie Leber, Herz oder Lymphknoten ab und können chronische Entzündungen verursachen. Der andere Bestandteil, die sogenannten Aromaten, stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

Für beide Substanzen gibt es keinen gesetzlichen Grenzwert. Für die gesättigten Kohlenwasserstoffe existiert allerdings ein toxikologischer Richtwert. Demnach sollte in einem Kilo Nahrungsmittel nicht mehr als 0,6 Milligramm enthalten sein. In einem Test für den «Kassensturz» ermittelte das Kantonalen Labor Zürich im Februar, dass dieser Wert bei 18 von 21 Proben bis zu achtzigfach überschritten wurde. Das Mineralöl stammt vor allem aus der Druckfarbe von Zeitungen, die mit dem Altpapier in den Recyclingkarton und so in die Verpackungen gelangen. Auch die Farbe zum Bedrucken der Verpackung kann problematisch sein. Die Schweiz verschärfte die Regeln vor gut einem Jahr – als erstes Land überhaupt. Der «Kassensturz»-Bericht hat die Detailhändler aufgeschreckt: Lidl und Coop haben ein besonders stark verschmutztes Produkt aus den Läden genommen. Coop will zudem bei einigen Produkten auf Recyclingkarton verzichten.

Erste Belege um 1995

Dabei ist das Problem gar nicht neu. Seit den späten Achtzigerjahren weiss man, dass Mineralöldämpfe sich in Nahrungsmitteln anreichern können. Damals ging es um Jutesäcke – etwa für Haselnüsse und Kakaobohnen – die mit Mineralöl gewalkt worden waren. Dass auch Kartonverpackungen Mineralöl abgeben, wurde Mitte der Neunzigerjahre erstmals nachgewiesen. Die kantonalen Laboratorien von Zürich und St. Gallen hatten ein eigenes Verfahren dafür entwickelt. 36 Proben Müesli und Babynahrung wurden überprüft. Die Hälfte enthielt über 10 Milligramm Mineralölrückstände pro Kilo (siehe Grafik). Der WHO-Richtwert liegt bei 0,6 Milligramm.

Auch die Industrie hat davon gewusst: «Sobald wir in der Lage waren, die Verschmutzung zu messen, haben wir grosse Lebensmittel- und Verpackungshersteller angeschrieben», sagt Konrad Grob vom Kantonalen Labor Zürich, der die Studie 1997 mitverfasst hat. Ein Dokument, das dem TA vorliegt, zeigt zudem, dass Drucker und Kartonhersteller 1998 Bescheid wussten. So schrieb der deutsche Verband der Druckfarbenindustrie an die Interessengemeinschaft Recyclingkarton für den deutschsprachigen Raum (Inreka), «dass (...) ein Übergang von Stoffen aus dem Verpackungsmaterial (...) auf das Lebensmittel nur dadurch effektiv (...) minimiert werden kann, wenn das Konzept der funktionellen Barriere zur Anwendung gelangt».

WC-Papier ist strenger geregelt

Passiert ist seither aber nichts. «Bislang gab es dazu keinen Anlass», sagt Wolfgang Durrer vom Schweizerischen Verpackungsinstitut (SVI), der Interessengemeinschaft der Verpackungsindustrie. «Es fehlten die gesetzlichen Grundlagen.» Tatsächlich gibt es für Kartonverpackungen kaum Auflagen. «Sogar beim WC-Papier aus Recyclingmaterial sind die Gesetze strenger», sagt Herbert Woodtli, der seit Jahren in der Druckindustrie tätig ist.

Vincent Dudler vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) sagt: «Uns war immer bewusst, dass dieser Bereich schlecht geregelt ist. In den letzten Jahren gab es allerdings wichtigere Themen, die wir zuerst anpacken mussten.» Zudem habe das BAG lange nichts von den Befunden des Kantonalen Labors gewusst. «Wir haben 2009 das erste Mal davon gehört», sagt Dudler. «Vielleicht haben uns die kantonalen Laboratorien Mitte der Neunzigerjahre nicht oder schlecht über diese Problematik informiert.» Sonst hätte das BAG etwas unternommen: «Solche Mengen Mineralöl in Lebensmitteln sind nicht akzeptabel», sagt der Fachmann des Bundes. Aber: «Die verunreinigten Produkte stellen bei einer normalen Ernährung kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar», so Dudler.

Deutschland geht voran

Experten halten es für unwahrscheinlich, dass das BAG so lange nichts von Grobs Untersuchungen mitbekommen hat. Einer, der sich damals mit der Thematik beschäftigte, mutmasst, dass Grobs Forschung aus politischen Gründen ignoriert wurde. In die gleiche Kerbe schlägt Durrer vom Verband der Verpackungsindustrie. «In der Schweiz war man immer so stolz aufs Recycling und die hohe Sammelquote beim Altpapier.» Kein Wunder, habe man sich lange schwer damit getan, Recyclingkarton als Problem wahrzunehmen.

Dass das Thema jetzt endlich öffentlich diskutiert wird, ist einer deutschen Behörde zu verdanken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR), das im Bereich Papier und Karton weltweit führend ist, ist offenbar bereit, verbindliche Regeln für Deutschland zu erlassen und durchzusetzen. Derzeit arbeitet das BFR gemeinsam mit der Industrie an Lösungen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt. «Sobald Deutschland einen Grenzwert festlegt, ist das ein Signal für ganz Europa», sagt Grob. Das BAG bestätigt, die Entwicklungen in Deutschland zu verfolgen und allenfalls darauf abzustellen. Laut Grob ist das sinnvoll: «Eine Regulierung in der Schweiz allein würde wenig bewegen.» Hierzulande werde nicht einmal mehr Recyclingkarton für Verpackungen produziert.

Hersteller müssen umdenken

Die Angst vor Regulierung hat auch die Industrie wachgerüttelt. «Es findet ein Paradigmenwechsel statt», sagt Durrer. Bislang habe der Gesetzgeber festgelegt, welche Substanzen verboten sind. «Neu trägt der Hersteller eine Mitverantwortung für das gesamte Produkt.» Der Leimhersteller weiss noch heute oft nicht, wofür sein Produkt verwendet wird, und der Guetsliproduzent nicht, was im Leim steckt. «Damit wir solche Probleme lösen können, müssen alle Anbieter entlang der Lieferkette zusammenarbeiten», sagt Durrer. Nur so könnten Lebensmittelskandale und Rückrufaktionen künftig vermieden werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2011, 23:29 Uhr

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22 Kommentare

Nora Martinek

26.04.2011, 07:10 Uhr
Melden 33 Empfehlung

Offensichtlich ist es gesünder Altpapier und Karton nicht zu sammeln, sondern mit dem ordentlichen Kehrricht zu entsorgen. Und bequemer übrigens auch. Antworten


Gregor Müller

26.04.2011, 09:49 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Die Pharmalobby behindert seit Jahren Innovationen für "gesunde" Farben. -> die sind doch nicht blöd... - aber verantwortungslos. Typisch schweizerisch - kapitalistisch und wenig "gut menschlich". Solange über 50% immer noch "so" wählt, wird sich nix ändern.... Bedenklich ist diese Haltung, da sie echte Innovationen behindern, welche liberale Ideologen gerne in den Himmel heben... Antworten



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