Wirtschaft

Ricola-CEO wollte keinen Finanzchef

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 01.12.2011 20 Kommentare

In vier von sieben Amtsjahren hatte Adrian Kohler ein Doppelmandat inne. Aber faktisch führte Präsident Felix Richterich, der zuvor 13 Jahre an der Spitze von Ricola gewesen war, das Familienunternehmen.

Der frühere Chef wollte seine Kompetenzen nicht abtreten: Das Verpackungs- und Verteilzentrum von Ricola im französischen Mulhouse.

Der frühere Chef wollte seine Kompetenzen nicht abtreten: Das Verpackungs- und Verteilzentrum von Ricola im französischen Mulhouse.
Bild: PD

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Als Adrian Kohler Ende 2003 zum Chef des Kräuterbonbonherstellers Ricola gewählt wurde, waren die meisten Kader im Unternehmen überrascht. Kaum einer traute dem Buchhalter und langjährigen Finanzchef den Job zu, keiner sah in ihm den Unternehmer, den eine solche Familienfirma braucht. Die Wahl schien nicht nachvollziehbar.

Andere waren der Ansicht, der Zahlenmensch und Technokrat Kohler sei die ideale Besetzung für die Leitung einer patronal geführten Firma. Ihnen war klar, dass Verwaltungsratspräsident Felix Richterich, der Ricola 13 Jahre geführt hatte, sich mit seinen erst 45 Jahren nicht aufs Altenteil zurückziehen würde. Richterich vertrat zusammen mit Bruder Lukas, einem Psychologen, die Besitzerfamilie im vierköpfigen Verwaltungsrat. Der frühere Chef werde kaum loslassen, hiess es, brauche aber einen, der ihm das Tagesgeschäft abnehme. Tatsächlich kümmerte sich Richterich als vollamtlicher Präsident weiter um strategische Fragen und mischte sich auch stark ins Tagesgeschäft ein.

Doppelmandat auf Wunsch

Im Verwaltungsrat gab es Stimmen, die an der Spitze von Ricola lieber einen erfahrenen CEO aus der Konsumgüterbranche gesehen hätten. Doch dieser hätte Kompetenzen beansprucht, die Richterich nicht abtreten wollte. So wurde Kohler am Weihnachtsabend 2003 als erster familienfremder Chef in der Firmengeschichte von Ricola ins Handelsregister eingetragen. In einem der ersten TV-Interviews, die er gab, bezeichnete sich Kohler als von Richterich quasi adoptiert. Als Kind war Kohler mit Felix Richterich zur Schule gegangen, als Finanzchef hatte er schon zu Zeiten von Vater Hans Peter Richterich Einblick in die finanziellen Verhältnisse der Familie gehabt. Als Geheimnisträger, der er war, wurde ihm laut mehreren Quellen auf eigenen Wunsch erlaubt, weiterhin Finanzchef zu bleiben.

Nach einem halben Jahr wird Kohler, der daneben auch noch die CVP in der Finanzkommission der Stadt Laufen vertrat, das Doppelmandat dann doch zu viel. Die Suche nach einem Finanzchef dauert erstaunlich lang, und so faktisch auch das Doppelmandat: Erst im Sommer 2007 ist die Stelle besetzt. Und das nicht für lange: Schon im nächsten Frühling ist sie wieder verwaist; Kohler übt Kritik am Nachfolger. Wieder nimmt die Suche nach einem Finanzer ungewöhnlich lange in Anspruch: Erst Ende Juli 2009 tritt der heutige Finanzchef Andreas Lindner sein Amt an.

«Die dicke Haut hat gefehlt»

Der TA sprach mit zahlreichen Personen aus dem Umfeld von Ricola. Verwaltungsräte sowie der langjährige Marketing-Chef und Geschäftsführer Schweiz wollten sich jedoch nicht äussern. Weggefährten von Adrian Kohler während seiner Zeit als Finanz- und später als Firmenchef beschreiben den Familienvater als sensiblen und korrekten Menschen, der auch von Ängsten geplagt wurde. Die dicke Haut, die es braucht, um die ständigen Interventionen der Familie auszuhalten, habe ihm gefehlt.

Auf Geschäftsreisen vertraute Kohler Kaderleuten offenbar an, sich Sorgen um den Geschäftsgang zu machen. Dabei lief alles bestens, auch finanziell war Ricola stets grundsolide. Kohler sei stets «übervorsichtig» gewesen, wenn es um operative Entscheide gegangen sei. Damit war er eigentlich voll auf der Linie der Familie, die sich etwa in Fragen der Diversifikation des auf wenigen Produktkategorien basierenden Unternehmens schwertat.

CEO von Richterichs Gnaden

Hat der Verwaltungsrat diese eklatanten Schwächen nicht wahrgenommen? Oder hat er sie einfach toleriert, weil man um die schwierige Ausgangslage wusste? Hörte man deshalb nicht auf Warnsignale im Zusammenhang mit offensichtlichen Führungsschwächen Kohlers? Für andere in Kohlers Umfeld war bald einmal klar: Der CEO von Richterichs Gnaden würde anderswo nie eine vergleichbare Stelle finden. Damit war die Abhängigkeit von der Besitzerfamilie immens.

In den Augen vieler hat der Verwaltungsrat, der von der Familie Richterich dominiert wird, Adrian Kohler mit der Beförderung zum Chef einen Bärendienst erwiesen. «Letztlich war er überfordert», sind sich viele einig. Da trage der Verwaltungsrat eine gewisse Verantwortung – auch am Freitod, den Kohler schliesslich als einzigen Ausweg sah.

Was ist mit dem Geld passiert?

Das alles erklärt vieles, aber es erklärt nicht, weshalb sich der nach aussen hin so korrekte Kohler finanzielle Unregelmässigkeiten im Rahmen von mehreren 100'000 Franken zuschulden kommen liess. Hat er mit Geld der Firma spekuliert und Verluste eingefahren? Hat er sich trotz hohem Salär persönlich bereichert? Tat er dies über mehrere Jahre hinweg oder nur kurze Zeit?

Ricola-Sprecher Bernhard Christen will diese und andere Fragen des TA nicht beantworten und verzichtet auf eine Stellungnahme. «Die meisten Fragen beziehen sich auf firmeninterne Angelegenheiten. Zu den Unregelmässigkeiten von Herrn Kohler geben wir derzeit keine weiteren Auskünfte.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2011, 06:25 Uhr

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20 Kommentare

Chris Müller

01.12.2011, 10:46 Uhr
Melden 52 Empfehlung

Ricola ist eine Privatfirma und ob es Unregelmässigkeiten, etc. gab, geht niemand ausserhalb der Firma an, auch im Interesse der betroffenen Familie. Ich würde auch keine Informationen zu meinem KMU oder Familie an die Öffentlichkeit geben. Schlimm ist, dass Tagi jetzt auf Niveau des Blicks operiert - der z.B. Details über Suizid eines Politikers veröffentlicht hat, die niemanden angehen. Antworten


Pascal Huber

01.12.2011, 15:12 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Jede weitere Berichterstattung zum tragischen Tod von Adrian Kohler ist pietätlos, unnötig und reine Sensationsgier. Möge Herr Kohler in Frieden ruhen und die Hinterbliebenen die Kraft haben, das Unfassbare
zu verstehen und zu verarbeiten.
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