Wirtschaft

Schweizer Firma unter Betrugsverdacht

Von Andreas Valda und Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 15.02.2009

Mindestens 8,5 Millionen Euro aus einem österreichischen Betrugsskandal flossen über Konten einer Unternehmensberatung im Kanton Solothurn.

Bauernhöfe, Einfamilienhäuser, ein Wirtshaus und eine Tankstelle: Das ist Aeschi im sanften Hügelland des Kantons Solothurn, zwischen Autobahn und der Bahnlinie Zürich – Bern. Ein Weiler wie Tausende andere im Mittelland. Mit einem Unterschied: Er hat es in die Wirtschaftsteile österreichischer Medien geschafft. Auch eine Adresse wird genannt: Hauptstrasse 14, Ortsteil Burgäschi. In dem kleinen Einfamilienhäuschen ist die «M&P Mühlethaler und Partner Unternehmensberatungs AG» registriert. Sie spielt eine bedeutende Rolle in einem Betrugsfall, der die Republik Österreich zwischen 20 und 50 Millionen Euro kosten könnte. Laut dem Wiener Nachrichtenmagazin «Profil» flossen mindestens 8,5 Millionen Euro über das Konto von Mühlethaler und Partner im kleinen Aeschi SO.

Im Mittelpunkt der Betrugsaffäre stehen eine österreichische Firma namens Venetia und deren Eigentümer Kurt Datzer. Venetia bot Fortbildungskurse an und bekam Aufträge von der Verwaltung der österreichischen Arbeitsämter, dem Arbeitsmarktservice (AMS). Dessen Honorare reichten Datzer aber offenbar nicht, und er begann ab 2005 eine Art Pyramidenspiel, bei dem er sich Geld von Investoren borgte und die hoch verzinste Rückzahlung mit neuen Schulden finanzierte.

Weil das nicht lange gut gehen konnte, stieg Datzer in das Geschäft mit Schuldscheinen ein und holte sich einen Komplizen in der Buchhaltungsagentur des Bundes, der Verrechnungsstelle der Republik Österreich. Dieser mutmassliche Komplize, Wolfgang W., stellte Schuldscheine mit amtlichem Siegel aus. Diese Schuldscheine verkaufte Datzer dann mit einem Abschlag an Investoren und Anleger in Österreich, der Schweiz, Dänemark und der Slowakei. Datzer erhielt Millionen von den Investoren, diese wiederum präsentierten danach die Schuldscheine der Buchhaltungsagentur und wurden ebenfalls ausgezahlt. Beide Seiten machten Gewinn, massiv geschädigt wurde die Republik Österreich. Der Staatsanwalt ermittelt nun wegen Amtsmissbrauchs, schweren gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Bis jetzt wurden Schuldscheine in der Höhe von 16,5 Millionen Euro eingelöst. Weitere Schuldscheine in der Höhe von bis zu 50 Millionen Euro sollen noch im Umlauf sein. Obwohl der Betrug seit 2007 lief, flog er erst Anfang 2009 durch die Enthüllungen von «Profil» auf. Datzer und sein Komplize W. wurden verhaftet, ebenso der Wiener Anwalt Sascha König – der Treuhänder von Mühlethaler und Partner. Über dessen Konto sollen die 8,5 Millionen Euro (12,7 Millionen Franken) an die Solothurner Unternehmensberatung geflossen sein.

Vier Firmen in einem Einfamilienhaus

M&P ist nicht die einzige Gesellschaft mit Sitz in dem kleinen Einfamilienhaus in Aeschi SO. Das Handelsregister weist drei weitere Unternehmen an derselben Adresse aus. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie früher tatsächlich in Handel oder Produktion aktiv waren, vor einigen Jahren aber als Mantelgesellschaften von Unbekannten gekauft worden sind. Heute lautet der Firmenzweck «Wirtschaftsberatung» oder «Vermögensverwaltung», als Zeichnungsberechtigte im Verwaltungsrat taucht eine einzige Person auf – eine gebürtige Österreicherin, die aber seit 50 Jahren in der Schweiz lebt.

Finanzberatung im Gartenbungalow

Auf ihrer Homepage präsentiert sich die Frau als Lebens- und Finanzberaterin, die ihren Klienten in «einem gemütlichen Gartenbungalow» Lösungen für Lebens- und Finanzprobleme anbietet. Sie ist allerdings laut Handelsregister auch für weitere zwölf Unternehmen als Verwaltungsrat verantwortlich. Manche dieser Gesellschaften sind gerade von Amtes wegen in Liquidation, andere wurden erst vor ein paar Monaten gegründet. Einige Gesellschaften übernahm die Frau von Hubertus Bahlsen, einem Spross der Keks-Dynastie mit Wohnsitz Monaco.

Dem TA erklärt die Verwaltungsrätin, dass sie ihren Namen nicht in der Presse lesen wolle, da er nicht von öffentlichem Interesse sei. Die M&P Mühlethaler und Partner Unternehmungsberatung werde in der Schweiz «bloss treuhänderisch verwaltet und der Geschäftsverkehr nicht über Schweizer Konten abgewickelt». M&P Mühlethaler sei über die Informationen zum Betrugsfall schockiert und gehe davon aus, «ebenfalls Opfer beziehungsweise Geschädigte dieses offenbar gross angelegten Betruges zu sein». Die Unternehmensberatung sei aber zu keinem Zeitpunkt in Kontakt mit Datzer gestanden.

Ein anderer, vermutlich ahnungsloser österreichischer Investor versuchte, den Erlös aus Schuldscheinen der österreichischen Buchhaltungsagentur in der Schweiz anzulegen, scheiterte jedoch: Die Credit Suisse verweigerte die Annahme von 180'000 Euro, da «der Verdacht bestand, das Geld könnte nicht ganz sauber sein», wie es in Ermittlungen der Buchhaltungsagentur heisst. Daraufhin ging der Mann zu einer österreichischen Bank – die das Geld gerne nahm.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2009, 23:11 Uhr

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