Schweizer Jungfirma will Silicon-Valley-Story schreiben

Die Berner Cmsbox hat ein Produkt entwickelt, das die Bearbeitung von Internetseiten zum Kinderspiel macht. Preise aus der ganzen Welt verhalfen der Anwendung im Inland zum Durchbruch – nun lockt der Weltmarkt.

200 Projekte in zwei Jahren: Christoph Wysseier (ganz links) und seine Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. (zvg)

200 Projekte in zwei Jahren: Christoph Wysseier (ganz links) und seine Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. (zvg)

Wer ein Unternehmen gründet, geht ein beträchtliches Risiko ein. Gemäss Statistiken des Bundes existiert fünf Jahre nach der Gründung nur noch die Hälfte aller Betriebe. In letzter Zeit dürften die Überlebenschancen unter 50 Prozent gelegen haben. Die Finanzkrise hat Staatshaushalte aus dem Gleichgewicht gebracht, Unternehmen zu Kurzarbeit, Personalabbau und sonstigen Sparmassnahmen gezwungen und die Kauflust der Konsumenten gedämpft.

Doch auch in schwierigen Zeiten gilt: Gute Ideen setzen sich durch – oft allerdings erst nach einer anfänglichen Durststrecke. Dass man mit Zielstrebigkeit, Bescheidenheit und Beharrlichkeit auch unter widrigen Bedingungen etwas bewegen kann, zeigt das Beispiel von Christoph Wysseier und seinem Team. Der 30-jährige Berner ist ein Vollblutunternehmer. Schon im Gymnasium Lerbermatt hat er sich anlässlich eines Elektromobilprojekts im Wirtschaftsunterricht mit dem Unternehmer-Virus infiziert, gleich nach der Matura gründete er mit Schulkollege Adrian Lienhard die eigene Firma Netstyle.ch und entwickelte fleissig Web-Applikationen.

Tolles Produkt, aber kaum Kunden

Während des Informatikstudiums, als die Geschäfte schon ganz gut liefen, erhielten die beiden vom Medienpsychologen Simon Raess einen entscheidenden Impuls. «Wir waren Freaks, kannten eine Vielzahl von Content-Management-Systemen», erinnert sich Wysseier. «Dass das alles viel zu wenig benutzerfreundlich war, musste uns ein Externer sagen.» Durch die Kooperation von Raess und Netstyle.ch entstand das neue Unternehmen Cmsbox, das im März 2007 – nach zweijähriger Programmier- und Vorbereitungsarbeit – operativ tätig wurde. Der neuartige Ansatz von Cmsbox erlaubt Nutzern das «Inline-Editing»: Aktualisierungen können intuitiv und direkt auf der Website statt in separaten Administrator-Oberflächen vorgenommen werden. «Wir brachten ein Werkzeug auf den Markt, das es von der Sekretärin bis zum Firmenchef allen erlaubt, Websites rasch und einfach zu verändern», sagt Wysseier.

Auf ein solches Produkt hatten viele KMUs gewartet, würde man meinen – doch das Startjahr 2007 verlief für Cmsbox harzig. «Wir hatten ein weltweit einzigartiges Produkt, aber es gelang uns nicht, Werbeagenturen und Grafiker davon zu überzeugen. Die meisten hatten längst einen IT-Partner und wollten nichts Neues wagen.»

Nachtschicht nach Auszeichnung

Die Jungunternehmer erkannten, dass in diesem unübersichtlichen Markt nur eine Chance hat, wer durch Wettbewerbserfolge Publizität gewinnt. Ein erster Artikel in der Fachzeitschrift «Infoweek» Ende 2007 war so etwas wie der verspätete Startschuss, und als die junge Firma im März 2008 den Preis «Master of Swiss Web» gewann, war die Resonanz in der Presse und bei Kunden so gross, dass die zehn Cmsbox-Mitarbeiter den Computer wochenlang kaum mehr ausschalteten. Wysseier sagt, er und seine Mitarbeiter hätten in dieser Phase sechs Wochen lang täglich von frühmorgens bis spätabends gearbeitet, und zwar sieben Tage pro Woche.

Seither hat Cmsbox in knapp zwei Jahren mehr als 200 Website-Projekte umgesetzt und den Umsatz zweimal mehr als verdoppelt. Die Nielsen Norman Group zählte die Innovation der Berner Unternehmer zu den weltweit zehn besten Web-Anwendungen des Jahres 2008; 2009 kam in Deutschland eine «Red Dot»-Auszeichnung für überzeugendes Webdesign dazu.

«Bilden das Existenzminimum ab»

Trotz diesen Erfolgen und markant gestiegener Nachfrage sind die Bäume nicht in den Himmel gewachsen. Cmsbox und Netstyle.ch erzielen je eine halbe Million Franken Umsatz – davon müssen zehn Vollzeitstellen finanziert werden. «Die Geschäftsleitung zahlt sich weiterhin Minimallöhne und bildet ziemlich genau das Existenzminimum ab, damit wir weiter in unsere Zukunft und das Team investieren können», sagt Wysseier.

Frustrierend sei das nicht, denn «wir sind überzeugt, in den nächsten Jahren den Durchbruch zu schaffen. Auch wenn wir als Angestellte eines Grossunternehmens problemlos ein Vielfaches verdienen könnten, möchten wir nicht tauschen. Das Teamwork und das Gefühl, selber an den Hebeln zu sitzen und in Eigenregie spannende Projekte zu entwickeln, sind fast unbezahlbar.»

Durchstarten von USA bis Japan

Das Wichtigste sei, konsequent und geduldig den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen, sagt Wysseier. «Geduldig» bedeutet auch, manchmal Aufträge abzulehnen. Nach der Auszeichnung durch die Nielsen Norman Group klopfte die internationale Kundschaft an – nach intensiven Diskussionen entschied das Team, dass dieser Schritt das Unternehmen überfordern würde. Für 2010 ist nun «der internationale Markteintritt von den USA bis nach Japan» geplant – mit einem neu entwickelten Produkt, das an den wichtigen Wettbewerben Red Herring, Webby Award und Tech Crunch Preise abräumen soll. «Wenn man da reinkommt, geht alles sehr schnell – dann können wir von Bern aus eine Silicon-Valley-Geschichte schreiben», sagt Christoph Wysseier.

Seine Work-Life-Balance ist inzwischen so weit wiederhergestellt, dass er sich den Sonntag meistens frei hält und am Samstag manchmal erst gegen Mittag ins Büro fährt – die Augenringe sind weniger gross als auch schon.

Lieber aus eigener Kraft wachsen

Von der Idee, das Wachstum mit Fremdkapital zu beschleunigen, hält der 30-Jährige nichts. «Solange wir es uns leisten können, wachsen wir lieber aus eigener Kraft als durch eine Kapitalspritze», sagt er dezidiert; er möchte nicht, dass ihm plötzlich Geldgeber die Strategie diktieren. Wünschen würde sich Wysseier einen regelmässigen Austausch mit anderen Berner IT-Jungunternehmern. Das bleibt vorderhand Wunschdenken, denn ausser Atizo (vgl. «Bund» vom 9. Februar) gibt es laut Wysseier in Bern keine grösseren IT-Start-ups. «In Zürich, wo Jungunternehmer stark gefördert werden, ist in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl sehr erfolgreicher IT-Unternehmen entstanden, hier in Bern gibt es weder an der Fachhochschule noch an der Uni eine ernsthafte Förderung», sagt Wysseier. «Es wäre besser, die vielen cleveren Köpfe hier zu unterstützen, statt später mit viel Aufwand Firmen von Zürich nach Bern zu locken.»

Erschwerend komme hinzu, dass man in Bern als Informatiker durch die vielen Bundesbetriebe oder bundesnahen Unternehmen «sehr leicht einen Job mit paradiesischen Arbeitsbedingungen» finde. Wysseier hat sein Paradies anderswo gefunden. Er kann sich nicht vorstellen, ein Rädchen im Getriebe eines Grossunternehmens zu werden. Lieber versucht er in langen Arbeitstagen, mit seinem Team von Bern aus den Weltmarkt zu erobern. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2010, 11:27 Uhr

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8 KOMMENTARE

Giovanni Baptista

03.03.2010, 22:06 Uhr

Noch ne Anmerkungen zum "Nebenthema" Frau im "Mittelpunkt": Wer die Komposition des Bildes analysiert, sieht dass die fallenden Linien von drei Schultern links und einer Schulter rechts genau auf den Punkt zielen, wo Andrea Brühlmann steht. Die cmsbox haben für dieses Teamfoto (zvg: zur Verfügung gestellt) den gleichen exzellenten Fotografen angestellt wie für die Portraits auf der eigenen Website


Adrian Schneider

03.03.2010, 17:17 Uhr

@Heinz Martin: Die Frau fällt Ihnen nur auf, weil sie als einzige mit Ihrer Pose einen entschlossenen und selbstsicheren Eindruck macht. Das Foto ist spitze aufgenommen. Die "wirkenden" Menschen stehen im Vordergrund, die etwas "zerdrückten" (Sorry der Ausdruck) im Hintergrund. Andersrum hätte das Foto einen etwas zu konservative Eindruck rübergebracht.


Peter Bieler

03.03.2010, 16:26 Uhr

@ Heinz Martin: Das Zentrum ist normalerweise in der Mitte. Sowohl von links und rechts, wie aber auch von vorne und hinten gesehen. Nur: Das Auge und der Trieb bestimmt, was man zuerst und als sehr wichtig betrachtet. In solchen Fällen kann sich die Mitte auch leicht verschieben... ;-)


Stefan Jost

03.03.2010, 16:06 Uhr

Es gibt hunderte von Content-Management-Systemen auf dem Markt. CMSbox ist wie fast alle proprietär (Content-Management-System wechseln heisst Projekt wieder von Null starten) und wie fast alle ist CMSbox mit NullKommaX Prozent Marktaneil in irgend einer Nische aktiv. Von Silicon-Vally-Story sehe ich da noch nichts.


Kurt Wulle

03.03.2010, 14:23 Uhr

Bravo das ist wunderbar. Soetwas fehlte schon lange. Was ist mit einem bezahlten Internet "3". Freundliche GrüsseK.W.


Pierre Rappazzo

03.03.2010, 12:34 Uhr

Sieht gut aus, aber ich befürchte, ohne einen raschen Verkauf an einen grossen Player sind die Chancen auf Erfolg gleich Null. Andere werden gleiches und besseres entwickeln, bevor der Markterfolg stattfindet.


Heinz Martin

03.03.2010, 12:03 Uhr

Nicht böse sein, aber es ähnelt sehr stark an Contribute von Macromedia...


Heinz Martin

03.03.2010, 11:58 Uhr

Wieso steht die Frau so dermassen im Zentrum?



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