Wirtschaft

«So weit gehen wir – aber nicht weiter»

Von Dieter Bachmann. Aktualisiert am 27.10.2011 36 Kommentare

Novartis-CEO Joe Jimenez erklärt im Interview, was seiner Firma zu schaffen macht und warum es ohne Stellenabbau nicht geht.

Harter Schnitt: Joe Jimenez streicht bei Novartis 2000 Stellen, 760 allein in Basel. (Bild: Keystone )

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Der Stellenabbau bei Novartis (NOVN 49.92 0.89%) geht weiter. Vor knapp einem Jahr mussten 1400 Aussendienstmitarbeiter in den USA gehen, im Frühling 500 Mitarbeiter in Grossbritannien. Und am Dienstag hat der Konzern angekündigt, dass man weltweit weitere 2000 Stellen streichen will – 760 davon in Basel. Joe Jimenez ist seit 2010 CEO von Novartis, er erklärt, warum es ohne Streichungen nicht geht.

Herr Jimenez, noch vor einigen Wochen haben Sie gesagt, dass Novartis bei Forschung und Entwicklung (F&E) nicht sparen will. Nun kündigt Novartis auch in diesen Bereichen einen Stellenabbau an. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Ich habe sie nicht geändert, denn unsere Gesamtausgaben für F&E werden dieses Jahr sogar steigen. Die heute angekündigten Massnahmen entfallen sehr gezielt auf drei Bereiche: Produktion, F&E sowie Administration. Im F&E-Bereich sind es vor allem Funktionen im Datenmanagement wie die Überwachung von klinischen Studien, die betroffen sind. Das erlaubt uns, die Fixkosten zu senken und gleichzeitig die Mittel für die Erforschung neuer Wirkstoffe auf einem überdurchschnittlichen Niveau zu halten.

Wie viele Stellen fallen in F&E weg?
Der geplante Abbau von 760 Stellen in Basel beinhaltet Arbeitsplätze aus der Produktion, der Forschung und der Entwicklung. Im Rahmen des Konsultationsprozesses werden die Details erarbeitet.

Wann war es für Sie klar, dass es zu einem grösseren Abbau in der Schweiz kommen wird?
Das Umfeld für die Pharmafirmen ist schon länger schwierig. Regierungen rund um die Welt sind in Finanznöten und üben Druck auf die Medikamentenpreise aus. Selbst in der Schweiz haben die Preissenkungen allein in den letzten drei Jahren bei Novartis zu Umsatzeinbussen von mehr als 100 Millionen Franken geführt. Um dem Preisdruck zu begegnen, müssen wir entsprechende Massnahmen ergreifen. Als ich gesehen habe, dass das Geschäftsumfeld in absehbarer Zeit nicht besser wird, war für mich der Zeitpunkt gekommen, unsere Strukturen zu verschlanken. Viele Dinge, die wir angekündigt haben, hat man schon seit Monaten oder Jahren diskutiert. Ich fand es wichtig, klar zu kommunizieren, was in den nächsten Jahren geschehen wird.

Wie geht es nach dem Abbau weiter?
Es wird keine weiteren Veränderungen in der Schweiz geben, es sei denn, die Umstände ändern sich substanziell. Ich wollte sicher sein, dass alle Novartis-Angestellten wissen: So weit gehen wir mit unseren Kostensenkungen in der Schweiz – aber nicht weiter.

Sie senden mit dem Schritt die Botschaft an die Öffentlichkeit, die Behörden und die Politiker: «Wenn ihr die Preise für Medikamente weiter senkt – das sind die Konsequenzen.»
Ich versuche nicht, eine Botschaft zu senden, sondern ich reagiere auf die Tatsache, dass wir substanzielle Preissenkungen zu verkraften hatten. Ich verstehe, dass in der Schweiz und anderswo die Gesundheitsbudgets unter Druck sind. Aber es ist meine Verantwortung, dass auch Novartis in Zukunft gesund bleibt. Darum habe ich mich für diesen Schnitt entschieden.

Warum wird ein Teil der Forschung in die USA verschoben?
Wir planen, bestehende Überschneidungen zwischen den Aktivitäten an verschiedenen Forschungsstandorten abzubauen. Daher beabsichtigen wir nun, einige Stellen und Funktionen voraussichtlich in den USA zu konsolidieren und gewisse weitere Funktionen zu outsourcen. Basel bleibt aber auch weiterhin unser grösster Forschungsstandort weltweit. Wir haben heute 2700 Wissenschaftler hier.

Der globale Forschungschef Mark Fishman sitzt in Cambridge, Massachusetts. Er ist es, der den Weg vorgibt.
Ja, die Empfehlungen kommen von Mark. Aber er ist auch oft in Basel, hat hier ein Büro und Mitarbeiter. Doch sowohl Marks als auch meine Meinung ist es, dass wenn wir gewisse Funktionen effizienter gestalten und dadurch die Forschung als Ganzes stärken können – egal ob in Basel, Boston oder Shanghai –, dann ist das sinnvoll.

Hat der Stellenabbau in der Forschung auch mit strategischen Überlegungen für gewisse Medikamente zu tun, dass etwa Patente ablaufen?
Nein.

Inwieweit ist der starke Franken ein Grund für diesen Abbau?
Unser Engagement für kontinuierliche Produktivitätssteigerungen umfasst auch Massnahmen zur Minimierung der Auswirkungen von Wechselkursschwankungen. Unser diversifiziertes Portfolio begrenzt generell die Auswirkungen von Währungseffekten auf unsere Ergebnisse. Trotzdem hat Novartis die Umsetzung verschiedener Massnahmen zur weiteren Verschlankung und Vereinfachung der Organisation und zur Steigerung der Produktivität beschleunigt.

Hatten Sie je das Gefühl, dass die ursprüngliche Vision für den Campus in Basel vielleicht zu ambitiös ist?
Nein. Wir fühlen uns weiterhin Basel und dem Campus verpflichtet. Mit dem jüngsten Schritt wollen wir unsere Stärke bewahren. Wir sind ein Wachstumsunternehmen und werden weiter wachsen.

Was sagen Sie Ihren Angestellten?
Es ist eine schmerzliche Entscheidung für mich und ich weiss, dass sie Angst und Unsicherheit hervorruft. Ich hoffe, wir können die Zeit der Unsicherheit so kurz wie möglich halten.

Wie sieht der Zeitrahmen für den Abbau in Basel aus?
Das ist unterschiedlich, je nach Bereich. Gewisse chemische Produktionsaktivitäten werden noch einige Jahre weiter bestehen. Im Bereich F&E wird der Abbau eher schneller gehen.

Gibt es einen Sozialplan?
Die heute bekannt gegebenen Änderungen sind ein Vorschlag, der noch mit den Sozialpartnern besprochen werden muss. Die Konsultationen darüber beginnen diese Woche. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.10.2011, 09:58 Uhr

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36 Kommentare

David Meier

26.10.2011, 10:52 Uhr
Melden 54 Empfehlung

..."die Preissenkungen in den letzten drei Jahren haben zu Umsatzeinbussen von mehr als 100 Millionen Franken geführt". Oh weh, wie furchtbar...Ist diese herbeigeredetete "Katastrophe" in promille vom Umsatz gerechnet überhaupt darstellbar?So einen galoppierenden Schwachsinn habe ich ja im Leben noch nie gehört.Erzählt der Mann DAS den entlassenen Familienvätern, die ihre Hypothek bedienen müssen? Antworten


David Meier

26.10.2011, 11:11 Uhr
Melden 46 Empfehlung

100 Millionen Umsatzeinbusse in drei Jahren sind pro Jahr 33 Millionen... Bei einem Gesamtumsatz von 50 Milliarden pro Jahr sind das satte 0,07% Umsatzverlust... Ja stimmt, auf eine solche Dramatik muss man natürlich extrem reagieren. Bei 10 Milliarden Jahresgewinn sowieso... Ja liebes Volk, halten uns die Konzernchefs für so dumm? Wir müssen endlich aufstehen und uns wehren!! Antworten



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