Wirtschaft
Student verkauft im grossen Stil Parfüm-Imitate
Von Andreas Valda. Aktualisiert am 27.03.2009 19 Kommentare
Die Ähnlichkeiten im Design sind augenfällig. Die Mohnblume auf der Packung des unbekannten Parfüms «Summer Flowers» gleicht sehr der Blume des beliebten Markenparfüms «Flower» von Kenzo. Eine witzige Anspielung macht das Imitat «Aroma di Jean». Man muss nicht Sprachwissenschaftler sein, um die Anspielung auf Armani Jeans zu erraten. Zudem sieht der Schriftzug dem Herrenparfüm «Aqua di Gio» von Giorgio Armani ähnlich. «Popcorn for Girls» spielt auf das neueste Lacoste-Parfüm «Touch of Pink» an.
Der Unterschied: Während die Flacons dieser Marken 60 bis 90 Franken das Stück zu 50 Milliliter kosten, sind die Imitate für 15 Franken zu haben.
Expertin erkennt Kopien, der Laie nicht
Den Vertrieb organisiert seit zwei Wochen die Firma Mecar aus Horgen, geliefert wird aus Hüttikon. Dahinter steckt der Zürcher Wirtschaftsstudent Andreas Haberthür. Er importiert die Parfüms aus England von der Firma Jean Yves Cosmetics, einer Tochter des grossen Londoner Familienunternehmens Milton-Lloyd. Dieses ist seit 34 Jahren auf dem Markt und verkauft nach eigenen Angaben jährlich rund 11 Millionen Parfüms. «In europäischen Ländern werden die Produkte schon länger verkauft. Nur in der Schweiz waren sie bisher nicht erhältlich», sagt der Importeur Haberthür.
Die Imitation beschränkt sich nicht auf die Packungen. Die Nachahmer riechen auch ähnlich und sind in der Duftnote über längere Zeit beständig wie ihre Vorbilder. Der «Tages-Anzeiger» liess sechs Laien und eine Spezialistin vergleichen. Das Resultat der Stichproben im Blindtest: In vier von sechs Fällen wurde generell eine starke Ähnlichkeit im Geruch festgestellt. Bei den erwähnten Aroma di Jean, Summer Flowers und Popcorn for Girls hatten die Laien Mühe, einen Unterschied zwischen Original und Imitat festzustellen. Auch die Expertin, seit zehn Jahren im Fachhandel tätig, bestätigte die Ähnlichkeit. Sie erriet aber jedes Original – sogar mit Namen. Ihr Kommentar: «Einige dieser Parfüms verraten sich durch einen irritierenden Hinterton im Duft.»
Grosse Parfums sind schwierig zu kopieren
Der Hersteller bestreitet allerdings, zu imitieren. «Wir kopieren keine Parfüms. Wenn, dann kopieren uns die anderen», sagt Peter Jackson, Chef von Milton-Lloyd. Sind Kopien einfach herzustellen? Der renommierte Parfümexperte Lucas Turin sagt: «Bei synthetischen Düften ja. Mit einem Gas-Chromatographen und einem Spektrometer ist es möglich, den Inhalt zu eruieren.» Die Formel grosser Parfüms sei aber nicht leicht zu knacken. Denn Markenparfüms enthalten oft im Labor entwickelte Moleküle, so genannte Captives. Diese werden im Auftrag exklusiv hergestellt. «Wenn diese Captives den Duft dominieren, wird ein Imitat schwierig», sagt Turin. An diese Captives kommen Dritte schwer heran.
Laut Turin gibt es zudem den finanziellen Aspekt: «Wenn Parfüms natürliche Stoffe enthalten, die dominieren, ist es schwer, günstige Imitate herzustellen.» Natürliche Geruchsstoffe sind teuer.
Anwälte lassen Plagiate sicherstellen
Und schliesslich gibt es die rechtliche Seite. «Firmen wie Chanel und Dior beschäftigen ganze Stäbe von Anwälten, die laufend Plagiate beschlagnahmen lassen und Hersteller einklagen», sagt der Winterthurer Duftexperte Marc Roesti. Parfümkopierer gebe es wie Sand am Meer. «Asien und der Nahe Osten sind überschwemmt davon», sagt Turin. Weder Roesti noch Turin haben von der erwähnten Firma Milton-Lloyd, deren Parfüms von Mecar importiert werden, je gehört.
Die hohen Preise von Markenparfüms erklärt Roesti mit der grossen Handelsmarge. «Der Fachhandel schlägt 40 bis 45 Prozent auf den Einkaufspreis». Ein Schweizer Anbieter, Art & Fragrance, hat vor einem Jahr die Margen skizziert. Die reine Herstellung eines 50-ml-Parfüms zum Verkaufspreis von 100 Franken kostet ab Fabrik ungefähr 10 Franken. An den Grosshandel geht es für 20 Franken. Dieser verkauft es weiter. Für 50 bis 60 Franken erreicht es den Detailhandel. «Verteuernd wirkt der mehrfache Wiederverkauf im Grosshandel», sagt Roesti.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.03.2009, 09:44 Uhr
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19 Kommentare
Das ist mit ein Grund für die Krise, in der wir stecken: Keiner ist mehr gewillt, den vollen Preis für ein Produkt zu bezahlen, wenn er damit rechnen kann, dass bald ein kopiertes (= gestohlenes) Produkt auf den Markt kommt. Man nennt das auch "die Wertschöpfungskette durchbrechen". Hier wäre Eigenverantwortung gefragt (kann sich mancher "dank" durchbrochener Wertsch.k. auch nicht mehr leisten). Antworten
Wer sich ein anständiges Parfum nicht leisten kann, soll es eben bleiben lassen. Parfüme sind Luxus, daher sind alle Preise erlaubt. Die Parfümhersteller investieren grosse Summen in die Suche nach guten Düften, und dieses Resultat einfach zu kopieren und seinerseits zu Geld zu machen, ist, was es ist: Diebstahl an geistigem Eigentum. Antworten
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