Wirtschaft
Tessiner Kantonalbank in Nöten
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 30.09.2011 1 Kommentar
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Im Kantonalbanken-Rating des Magazins «Bilan» gehört die Tessiner Kantonalbank seit Jahren zu den Schlusslichtern. Eine ihrer ewigen Schwächen, die Abhängigkeit vom Hypothekar- und Kreditgeschäft, ging die Bancastato im Juli 2010 an: Der italienischen Grossbank Unicredit kaufte sie die Tochter Unicredit Suisse ab. Doch der Einstieg ins Private Banking änderte wenig: Diesen Juni war Bancastato Drittletzte im Ranking.
Der Verwaltungsrat, präsidiert von Nationalrat und FDP-Parteipräsident Fulvio Pelli, sah Handlungsbedarf. Im August kam er zum Schluss, Chef Donato Barbuscia müsse gehen. Doch statt Personal und Öffentlichkeit in kurzem Abstand zu informieren, verkündete Pelli Halbwahrheiten – und auch die nur sehr selektiv: Die Belegschaft erfuhr per Mail, Barbuscia sei für rund drei Monate «auf Weiterbildung im Ausland». Die Zeitung «La Regione» erfuhr davon und fragte sich sofort: Ein Bankchef geht in diesen turbulenten Zeiten ins Ausland? Und bezieht in dieser Zeit den Lohn, der sich pro Jahr auf 600'000 Franken beläuft? Da ist was faul.
Pellis Handy-Akku war leer
Aus dem Innern der Bank sickerte rasch durch: Barbuscia würde nicht auf den Chefsessel zurückkehren – obschon Präsident Pelli weiter nur von einem Urlaub sprach, der Barbuscia bewilligt worden sei. Weder Regierung noch parlamentarische Aufsichtskommission wussten zu diesem Zeitpunkt mehr.
Die Öffentlichkeit reagierte heftig; man befürchtete, Grund für die Absetzung seien schwere Finanznöte der Bank. Erst auf Anfrage der Regierung orientierte Pelli diese offiziell. Nach seinem Urlaub werde Barbuscia die Bank nicht mehr leiten, schrieb er. Barbuscia sei ungeeignet, die Restrukturierung zu Ende zu führen, die auch die Einführung einer neuen Informatikplattform umfasse. Später entscheide der Verwaltungsrat, ob Barbuscia eine Abgangsentschädigung oder Berateraufträge erhalten soll. Die Aufsichtskommission hatte zuvor an einem Treffen diese Information nicht erhalten, was den Präsidenten Saverio Lurati in Rage versetzte: «Pelli hat uns Märchen erzählt.»
Ende August vertraulich informiert
Unterdessen hat Regierungspräsidentin und Finanzdirektorin Laura Sadis, wie Pelli Mitglied der FDP, zugegeben, von diesem bereits Ende August vertraulich informiert worden zu sein. Deshalb habe sie die Nachricht vor den anderen Regierungsräten geheim gehalten. Als die Neuigkeit dann in den Medien stand, habe sie versucht, Pelli auf dem Handy zu erreichen. Doch dieser habe per SMS geantwortet, die Batterie sei schwach.
Pelli gibt unterdessen Fehler zu: «Ich wollte gegenüber Herrn Barbuscia korrekt sein und ihm Zeit lassen», sagt er dem «Tages-Anzeiger». «Nun hat sich dies als falsch herausgestellt. Aber kritisiert wird nur die Kommunikation, nicht der Fakt.»
Tatsächlich hat niemand Barbuscia verteidigt. Das überrascht nicht. Barbuscia ist seit Amtsantritt im Jahr 2000 nie durch Brillanz aufgefallen. Auch in der Affäre um Derivate-Deals, die 2001 die Bank 21 Millionen Franken kosteten, fiel er durch Wegschauen auf.
Wird ein FDP-Spezi Nachfolger?
Doch man muss sich fragen, ob Barbuscia nicht präventiv zum Sündenbock gemacht wird. Die Unicredit Suisse, heute Axion Swiss Bank, scheint Bancastato nämlich grosse Probleme zu bereiten – auch wenn Pelli dies verneint. Der Rückgang des Gewinns von 4,2 Millionen auf 974'000 Franken 2010 sei auf den Rückzug von Kundenguthaben im Rahmen von Steueramnestien zurückzuführen, die vor dem Kauf stattgefunden hätten. Und die Schliessung der Filiale in Zürich sei beim Kauf schon beschlossene Sache gewesen, weil sie «unrentabel» war.
Die Finanzmarktaufsicht (Finma) will sich dazu nicht äussern, schreibt dem TA aber, der Verwaltungsrat müsse die Kontrolle sicherstellen, um die wesentlichen Risiken der Bank zu erfassen, zu begrenzen und zu überwachen. Dies besonders für Risiken, die sich aus dem Zusammenschluss mehrerer Unternehmen zu einer wirtschaftlichen Einheit ergeben.
Vor dem Axion-Kauf hatte Bancastato die Bestätigung der Staatsgarantie auch für Zukäufe gefordert. Doch die Politik machte nicht mit. «Ihr seid Banker», lautete der Tenor. «Wollt ihr diversifizieren? Tut das gefälligst auf eigenes Risiko.»
Unterdessen kursieren Gerüchte um den designierten Nachfolger Barbuscias: Fabrizio Cieslakiewicz. Das Geschäftsleitungsmitglied für Privat- und Unternehmenskunden war Sekretär der Tessiner FDP, als Pelli diese präsidierte.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.09.2011, 17:25 Uhr
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