Wirtschaft
Tourismus-Studie der Credit Suisse basiert auf Fehlschluss
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 09.12.2011 32 Kommentare
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2003 wollte der Bundesrat im Rahmen eines Sparpakets die ganze Statistik zu den Logiernächten in der Schweiz über Bord werfen. Nur weil sich die Branche vehement wehrte, wurde die Statistik zumindest für Hotel- und Kurbetriebe weitergeführt. Keine Zahlen gibt es seither aber zu Ferienwohnungen und -häusern sowie Kollektivunterkünften.
Nicht nur das: Mit der Revision fielen auch staatlich subventionierte Kliniken und Kurhäuser raus, die als spitalnahe Betriebe taxiert werden. Dies im Unterschied zu den privaten Kurhäusern, die das Bundesamt für Statistik weiterhin erfasst – auch wenn diese medizinische Leistungen anbieten. «Rund 50 Kurbetriebe, davon 11 Kliniken, tauchen seither nicht mehr in der Statistik der Logiernächte auf», sagt Vincenzo Carelli, beim Bundesamt für Statistik für Tourismus zuständig. «Davos war eine der Destinationen, die von dieser Praxisänderung am meisten betroffen waren.» Just die Destination Davos-Klosters sieht sich nun von der Studie zu Schweizer Wintersportorten ungerecht behandelt, die die Credit Suisse (CSGN 19.09 -1.39%) veröffentlicht hat (TA vom Mittwoch). «Die Autoren haben die Umstellung bei der Erhebung des Datenmaterials nicht berücksichtigt», sagt Davos-Kommunikationsleiter Markus Unterfinger.
Mängel in der Methodik
Tatsächlich zeichnet die Studie die Entwicklung der Logiernächte von 2003 bis 2010 nach, obschon von 2003 auf 2005 ein Systemwechsel erfolgte. Zu 2004 existiert gar kein Datenmaterial. Das Vorgehen der CS erstaunt umso mehr, als die Basis für die Auswahl der 31 in der Studie berücksichtigten Tourismusorte die Logiernächte in den Jahren 2005 bis 2009 waren.
Für Davos hatte das laut Unterfinger fatale Folgen: «Der Basiswert für die Entwicklung der Logiernächte in Davos im Jahr 2003 umfasst rund 215'000 Übernachtungen in Kliniken, die in der Statistik ab 2005 nicht mehr erfasst sind. So resultiert für 2005 in Davos ein Minus von 19 Prozent.» Dabei habe allein die Hotellerie über die Untersuchungsperiode 56'000 Logiernächte zugelegt.
Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse und Studienherausgeber, räumt zwar ein, dass die Erfassung der Kliniken im Jahr 2003 die Nachfrage nach Logiernächten nicht realistisch abbildet. «Die Grundaussage unserer Studie bleibt aber die gleiche, wenn man die Kliniken herausrechnen würde.» Bei anderen Nachfrageindikatoren schneide Davos unterdurchschnittlich ab, etwa bei den Tagesausgaben der Touristen oder dem Ertrag pro Hotelbett. Neff ergänzt: «Hätten wir lediglich die Zahlen ab 2005 verwendet, hätten wir eine Boomphase des Tourismus abgebildet und die Aussagekraft der Studie wiederum gemindert.»
Bundesamt krebst zurück
«Die CS hat Zahlen verglichen, die man nicht vergleichen darf», hatte Tourismusfachmann Carelli vom Bundesamt für Statistik dem TA zuerst am Telefon gesagt. Als es dann um das Gegenlesen der Zitate ging, nahm Carelli die Aussage zurück: «Dieses Zitat entspricht nicht meiner am Telefon gemachten Aussage und ist zwingend zu streichen.» In der Zwischenzeit dürfte Studienautor Neff mit Carelli gesprochen haben; Neff hatte sich zuvor nach der Kontaktperson des TA im Bundesamt erkundigt.
Vor der Publikation der Studie hatte die CS laut Davos-Sprecher Unterfinger weder die Direktion noch einen der Verantwortlichen für Gästestatistik oder Kommunikation kontaktiert. «Die Destination Davos-Klosters erwartet nun eine Bereinigung der Studie.» Offenbar laufen die Drähte zwischen Davos und der CS heiss. Die Auseinandersetzung kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Grossbank investiert über einen Fonds 155 Millionen Franken ins Luxushotel Stilli Park. Das Hotel mit 216 Zimmern und 38 Luxuswohnungen soll Ende 2013 eröffnet werden. Bei der Grundsteinlegung im Juli lobte CS-Immobilien-Anlagechef Markus Graf «das internationale Prestige von Davos».
Neben Davos erwähnt die Studie im selben Zug Crans-Montana als grossen Namen mit negativer Logiernächteentwicklung. Der Walliser Kurort hat ebenfalls Kliniken – so die zum Kantonsspital Luzern gehörende Höhenklinik Montana. Weil Feiertag war, nahm in Crans-Montana Tourismus niemand Stellung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2011, 21:10 Uhr
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