Wirtschaft

Villiger klagt: Die UBS verliert ihre Topleute

Von Peter Jost, Stefan Schnyder. Aktualisiert am 16.05.2009 104 Kommentare

Kaspar Villiger über den Zustand der Grossbank, drohende Regulierungen und das Wildern anderer Banken beim UBS-Personal. Die Grossbank verliert in wichtigen Bereichen systematisch ihre Leute.

«Wir wollen und müssen jetzt wieder profitabel werden»: UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger.

«Wir wollen und müssen jetzt wieder profitabel werden»: UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger.
Bild: Keystone

Sie haben gestern an der BEA die Eröffnungsrede gehalten. Dass ein UBS-Präsident einen solchen Auftritt hat, ist aussergewöhnlich. Sind Sie auf Goodwill-Tour?
Kaspar Villiger: Nein, nein, das ist völlig anders. Hätte ich dieses Amt damals schon ausgeübt, hätte ich die Anfrage nicht angenommen. Nicolas Markwalder, der Präsident der BEA bern expo, kontaktierte mich, weil ich ein staatspolitisches Buch geschrieben habe. Er fand, die BEA-Eröffnung wäre doch der richtige Anlass, um ein paar allgemeine Bemerkungen zu machen. Ich sagte zu, die Einladungen wurden gedruckt, und dann kam – auch für mich überraschend – diese Wende mit der UBS. Und so bin ich eigentlich in einer anderen Rolle hier als vorgesehen.

Sie hätten Ihren Auftritt auch absagen können.
Ich durfte mehrere Jahre lang die Infrastruktur der Kanzlei von Herrn Markwalder für meine Mandate benutzen. Wir sind befreundet und auch verwandt; das konnte ich ihm nicht antun.

Zeigt Ihr Auftritt auch Ihre Verbundenheit zu Bern? Im Gegensatz zu den meisten Bundesräten, die nach ihrer Amtszeit in ihre Heimatkantone zurückkehren, sind Sie ja in Bern geblieben.
Als wir nach Bern zogen, waren unsere Kinder 11 und 13 Jahre alt. Sie besuchten hier die Schule, haben hier Wurzeln geschlagen. Und ich war insgesamt 15 Jahre Bundesrat und habe hier einen kleinen, aber netten Freundeskreis aufgebaut, während die Kontakte zur Heimat lockerer geworden sind. Uns gefällt es in Bern, wir geniessen die Lebensqualität, es ist schön hier. Das Amt des UBS-Präsidenten ist ein Vollamt, deshalb verfüge ich nun als Wochenaufenthalter auch über eine Wohnung in Zürich. Aber unsere Wahlheimat bleibt Bern.

Sie sind erst seit ein paar Wochen Präsident des Verwaltungsrats der UBS. In welchem Zustand haben Sie diese Bank angetroffen?
Die Ergebnisse sind publiziert und unbefriedigend, das ist klar. Wir müssen auch Personal abbauen, deshalb ist es begreiflich, dass es hier eine gewisse Verunsicherung gibt. Da müssen wir rasch Klarheit schaffen. Wir sind aber eine Bank, die immer noch in vielen Bereichen Weltspitze ist, eine Bank, die eine Menge fachlich hervorragender und motivierter Leute hat, die den Turnaround schaffen wollen und sich entsprechend dafür einsetzen. Ich glaube nach wie vor, dass die Marke UBS ein grosses Potenzial hat.

Auch in der Schweiz?
In der Schweiz arbeiten wir gut. Wir sind profitabel, wir sind eine Stütze der Schweizer Wirtschaft. Die UBS ist die Nummer eins im Hypothekenmarkt, die Nummer zwei bei den Firmenkrediten. Wir bemühen uns, damit die Schweizer Wirtschaft auch in schwierigen Zeiten Kredite erhält.

Der Chef des Schweizer Geschäfts der Credit Suisse äusserte kürzlich das Ziel, die CS zur führenden Bank in der Schweiz zu formen. Kann die UBS diesen Angriff abwehren?
Das ist eine Marketingaussage, die wir zur Kenntnis nehmen. Aber wir werden es Ihnen nicht leicht machen.

Im ersten Quartal 2009 musste die UBS erneut einen Verlust von 2 Milliarden ausweisen, nachdem die Bank schon im letzten Jahr über 20 Milliarden Franken verlor. Sehen Sie mittlerweile etwas Licht am Ende des Tunnels?
In einer Zeit, die so bewegt ist, gebe ich grundsätzlich keine Prognose ab. Sie wissen, dass sich die Situation auf den Kreditmärkten teilweise aufgehellt hat. Aber es sind immer noch viele Probleme da. Es gibt Altlasten, zum Beispiel im Derivatebereich, wo der Handel zäh ist. Das konjunkturelle Umfeld generell hat sich verschlechtert, so dass sich auch die Frage von Kreditbewertungen stellen wird. Ob die Aufhellungen an den Märkten von Dauer sein werden, wird man sehen. Immerhin gibt es gewisse positive Signale.

Was macht die UBS in dieser Situation?
Wir müssen jetzt die Hausaufgaben machen. Wir sind daran, die Kosten konsequent zu senken. Aber wir müssen auch neue Erträge generieren. Man kann ein Unternehmen nicht nur sanieren, indem man Kosten spart. Man muss auch unternehmerisch vorwärtsblicken. Das ist genau, was wir versuchen. Wir wollen und müssen jetzt wieder profitabel werden.

Wo sehen Sie Potenzial? In welche Richtung wird sich die UBS entwickeln?
Unser Kerngeschäft beinhaltet das internationale Vermögensverwaltungsgeschäft und das Schweizer Bankgeschäft, also den Retail- und Firmenkundenbereich. Aber in der Vermögensverwaltung werden ganz viele Kunden mit sehr grossen Vermögen betreut, die auch auf Dienstleistungen aus dem Investmentbanking-Bereich angewiesen sind. Und diese Kunden brauchen auch das Knowhow aus dem Asset Management für institutionelle Investoren.

Heisst das, dass die UBS Investmentbanking und Asset Management deshalb anbieten muss, damit die schwerreichen Kunden richtig betreut werden können?
Nicht nur. Die Schweizer Wirtschaft, bei der auch der mittelständische Bereich sehr stark global ausgerichtet ist, braucht eine Bank, die globale Dienstleistungen erbringen kann, auch Dienstleistungen aus dem Investmentbanking. Das bedeutet, dass wir die Investmentbanking-Dienstleistungen beibehalten, diese gleichzeitig aber voll auf die Kundenbedürfnisse fokussieren müssen. Und wir werden in diesen Bereichen rigoros zurückfahren, wo in Vergangenheit die grossen Verluste angefallen sind, zum Beispiel im Eigenhandel.

Wie weit wird die Bilanzsumme der UBS schrumpfen?
Die Bilanzsumme ist bereits gewaltig zurückgegangen. Sie wurde im Vergleich zum Höchststand bereits um rund ein Drittel reduziert. Alleine im ersten Quartal 2009 ist die Bilanzsumme um über 150 Milliarden Franken geschrumpft. Es ist klar, dass dieser Prozess noch weitergehen wird, aber ich kann Ihnen heute nicht sagen, wo das Ende erreicht sein wird.

Sie haben diese Woche in Bern Gespräche geführt über die Rolle des Staats im Zusammenhang mit der UBS. Wie soll es aus Ihrer Sicht weitergehen?
Der Staat spielt für den Finanzplatz wie für die UBS in doppelter Hinsicht eine wichtige Rolle. Einerseits definiert er die Rahmenbedingungen, und die muss er so definieren, dass ein erfolgreiches Bankgeschäft auch in Zukunft möglich ist. Das zweite ist die spezifische Rolle für uns. Bund und Nationalbank haben uns in einer schwierigen Zeit unterstützt. Sie haben das sicher nicht einfach für die UBS getan, sondern sie haben es für unser Land getan. Das Überleben unserer Bank ist für den Finanzplatz entscheidend wichtig. Was wir nun erwarten sind strengere Regulierungen unseres Geschäfts, auch eine strengere Aufsicht. Das akzeptieren wir.

Und das Aber?
Wir können der Politik nur raten, die Regulierung nicht zu einer Überregulierung werden zu lassen, sondern zu einer besseren Regulierung zu machen. Unsere Aufsichtsbehörde und die Nationalbank kennen das Problem, und sie sind auf unserer Linie. Wir müssen eher aufpassen, dass nicht im politischen Raum von den Laien etwas falsch gemacht wird. Die Profis wissen schon, was zu tun ist.

Welche Gefahren sehen Sie?
Eine Überregulierung, welche die internationale Konkurrenzfähigkeit gefährden würde, wäre falsch, und zwar nicht nur für die Banken, sondern für den ganzen Werkplatz Schweiz. Erkennbare Tendenzen, staatliche Lohnvorschriften zu machen, wären das Dümmste für ein Land wie die Schweiz.

Aus welchen Gründen?
Grosskonzerne wie Nestlé sind in der Schweiz ansässig wegen guter Rahmenbedingungen. Der Schweizer Markt ist für solche Konzerne fast belanglos. Diese Unternehmen sind unsere Gäste und fühlen sich hier wohl. Wir sollten sie so behandeln, dass sie weiterhin in der Schweiz ansässig bleiben, obwohl sie gleichzeitig global tätig sind.

Ein ständiger Kritikpunkt – gerade von Seiten der Politik – sind die teils exorbitanten Löhne in der Finanzindustrie. Haben Sie eine Strategie dagegen?
Wir haben als erste Bank signifikant unser System überarbeitet. Für das oberste Kader messen wir die Leistung anhand von ökonomisch vernünftigen Kennziffern, und nicht auf Grund von Aufblähungen, die sich ein Jahr später als falsch erweisen. Wir haben die Lohnsumme stark heruntergeschraubt. Es ist aber leider eine Tatsache, dass nicht die Politik darüber entscheidet, was eine vernünftige Salärierung ist, sondern der Markt.

Wie sieht die Entwicklung aus?
Im ganzen Finanzsektor sind die Löhne in der Tendenz gesunken, das gilt vor allem für die Exzesse. Aber: Für gute Leute werden immer noch gute Löhne bezahlt. Wir stellen fest, dass wir in wichtigen Bereichen systematisch Leute verlieren, die wir brauchen. Wir haben grosse Schritte in die politisch gewollte Richtung gemacht, andere Konkurrenten aber nicht. Das wirkt sich negativ auf unsere Konkurrenzfähigkeit aus. Ich stütze das Management, wenn es nun Gegenmassnahmen trifft, um diese Leute zu halten.

Wo tritt dieses Problem auf?
In den USA hat es ein Ausmass erreicht, das uns nachdenklich stimmt. Auch in der Schweiz verlieren wir Leute an die Konkurrenz, allerdings nicht in einem so dramatischen Ausmass. Wir müssen reagieren. In schwierigen Zeiten braucht man gute Leute, die besten Leute. Und die Besten sind immer gefragt. Langfristig hoffe ich, dass die Lohnmodelle der UBS zum Branchenstandard werden.


Interview: Peter JostStefan Schnyder (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2009, 10:51 Uhr

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104 Kommentare

Kurt Aegeri

16.05.2009, 12:41 Uhr
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Man kann sagen, was man will: mir ist es lieber, diese "Top-Leute", die mitgeholfen haben, den Karren gegen die Wand zu fahren, verdünnisieren sich. Das schafft Platz für frische, unverbrauchte Leute. Und da hat es bestimmt s. fähige darunter! Dass Herr Villiger, seines Zeichens FDP-Veteran, das nicht einsieht, erstaunt mich ganz und gar nicht. Lieber weiter "jömmerle". Antworten


Martha Meister

16.05.2009, 10:59 Uhr
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Loyalität ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Mitarbeiters. Topleute und illoyal das geht nicht zusammen. Die UBS soll froh sein, dass sich die Spreu so leicht vom Weizen trennt. Wenn man das Potential von loyalen guten Mitarbeitern konsequent fördert und ausschöpft, wird das langfristig weit mehr bringen. Blosse Gier zu bedienen hingegen schwächt alle Beteiligten nachhaltig. Antworten



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