Wirtschaft

Warum Anleger aus den Finanztiteln fliehen

Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 01.11.2011 37 Kommentare

Die Eurokrise, das schwächelnde Investmentbanking, quartalsweise Verlustmeldungen und Betrugsskandale reissen Finanztitel weltweit ins Minus. Die Gründe für die Abstürze mehren sich.

1/7 Der SMI ist wieder einmal auf Talfahrt und die Bankentitel zunehmend unter Druck: Kurstafel über dem Eingang der Schweizer Börse SIX in Zürich.

   

Finanztitel stürzen ab: Banken-Skyline in Frankfurt am Main. (Bild: Keystone )

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Börsen- und Aktienindizes erweisen sich derzeit als besserer Konjunkturindikator als die Realwirtschaft. Die Finanztitel im Schweizer Aktienmarkt (SMI) notieren wieder tiefrot. Bei vier bis zehn Prozent Verlust der Finanztitel im SMI, von UBS (UBSN 11.15 -0.89%) über Julius Bär (BAER 31.29 0.68%) bis hin zur Credit Suisse (CSGN 19.09 -1.39%) (CS), gehören grosse Banken in der Schweiz zu den Verlierern. Die Volatilität der Finanztitel übertrifft jene bei Aktien von Industrieunternehmen.

Die Gründe für die Abstürze mehren sich. Die beiden integrierten Schweizer Grossbanken UBS und CS haben Mühe, ihr Geschäftsmodell gegenüber den Investoren zu rechtfertigen. Bei der UBS hat der mutmassliche Täter und ehemalige Händler Kweku Adoboli vor kurzem mehrere Milliarden Dollar im Investmentbanking verloren. Neben der UBS sehen auch bei der CS die Geschäfte im Investmentbanking alles andere als rosig aus. Beide Grossbanken setzen deshalb weltweit je mehr als 3500 Menschen auf die Strasse, davon mehrere Hundert in der Schweiz.

Griechenlands Quasi-Euro-Referendum

Dazu gesellt sich die Eurokrise: Griechenlands Präsident Gorgios Papandreou will nun das Volk befragen, ob es seinen Sparkurs mitträgt. Das schafft Unsicherheit unter den Regierungschefs der Eurozone, denn Sparzwang, Massenentlassungen und soziale Unruhen sind kein alleiniges griechisches Phänomen mehr. In Deutschland setzt deshalb sogar die konservative Politikerin und Kanzlerin Angela Merkel auf das ursprünglich linke Ansinnen eines Mindestlohns.

Was Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gegen möglicherweise bald brennende Autos zu tun gedenkt, ist indes noch unbekannt. Vorsichtiger formuliert es Aktienanalyst Roger Degen vom Bankhaus Julius Bär: «Es gibt Gerüchte, dass Griechenland aus der Eurozone austreten könnte, das übt wiederum Druck auf französische Banken aus, die in Griechenland stark engagiert sind.» Im Laufe des Tages hat die Société Générale (GLE 16.27 -0.09%) fast 18 Prozent an Wert verloren, die Credit Agricole (CAGR 2.984 -1.00%) mehr als zwölf Prozent. Und Italiens Premier Silvio Berlusconi glaubt man die angekündigten Sparmassnahmen nicht mehr. Die italienische Unicredit hat mittlerweile um mehr als elf Prozent nachgegben. Für Banken, die sich Geld beschaffen müssen, steigen die Refinanzierungskosten in Italien und ganz Europa daher weiter.

Millionenskandal in den USA

Zudem kommen schlechte Vorgaben aus den USA dazu: Über Nacht hat der milliardenschwere Investmentfonds MF Global in den USA Gläubigerschutz beantragt. Wegen Spekulationen mit europäischen Staatsanleihen im Volumen von 6,3 Milliarden US-Dollar sollen dem US-Wertpapierhändler rund 700 Millionen netto fehlen. Ob es sich um Spekulationsverluste oder sogar kriminelle Aktivitäten handelt, wird derzeit untersucht.

In der Folge sind die Titel von grossen US-Banken wie Bank of America oder Morgan Stanley deutlich abgesackt. Davon blieben auch die deutschen Aktienindizes nicht verschont. Bereits am Morgen haben deutsche Banken um mehr als drei Prozent an Wert verloren. Im Euro Stoxx haben die Banken um fast acht Prozent europaweit nachgegeben. Der US-Millionenverlust und die Reaktion deutscher Finanztitel inklusive den enttäuschenden Quartalszahlen der CS haben schliesslich auch den SMI gedrückt.

Rettungsmassnahmen wieder unglaubwürdig

Die Forderungen der Schweizer Grossbanken gegenüber den Piigs-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) sind verkraftbar. Den wiederkehrenden Sogwirkungen, die am Kapitalmarkt entstehen, können sich die nationalen Finanzhäuser aber offenbar nicht entziehen. Zuerst haben die Finanzmärkte die Massnahmen der Euroländer vom 23. Oktober, um die Gemeinschaftswährung zu retten, noch geglaubt. Dann nahmen die Zweifel doch überhand. Ein Teil der Rettungsmassnahmen sah eine günstigere Refinanzierung nicht nur für Staaten, sondern auch für Banken vor. Wie das umgesetzt werden soll, bleibt allerdings unklar. Und hohe Refinanzierungskosten erschweren die Rekapitalisierung angeschlagener oder bedrohter Banken weiter.

Der Unsicherheit folgt ein Rettungspaket, dessen ungewisse Ausgestaltung wiederum zu Unsicherheit führt. Gründe genug also, dass sich Bankentitel zwar weiterhin kurzfristig erholen werden, im Grunde aber auf Talfahrt bleiben dürften. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2011, 15:07 Uhr

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37 Kommentare

Hans Sommer

01.11.2011, 15:30 Uhr
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Der TA-online berichtet von sozialen Unruhen, brennenden Autos, Massenentlassungen und taumelnden Banken in der EU. Ich staune - bis vor kurzen haben die EU-philen in der Schweiz doch immer vom "Friedensprojekt EU", vom "sozialen Wohlstand für alle" und sonstigen sozialistischen Träumereien geschwafelt. Und die böse SVP hat verhindert, dass wir von diesen realen Segnungen direkt profitieren können Antworten


Hans Peter Layer

01.11.2011, 15:28 Uhr
Melden 48 Empfehlung

Griechenland ist das oberste Spitzchen des Eisberges. Da kommen bald noch ganz andere Probleme auf uns zu. Am wenigsten traue ich in Europa der italienischen Regierung. Der ganz grosse Brocken sind die USA, die werden die Schulden bald nicht mehr bedienen können. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mit Griechenland von den wirklichen Problemen abgelenkt werden soll. Antworten



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