Wirtschaft

«Wenn einer nicht Deutsch kann, lebt er nicht hier»

Von Ruedi Mäder und Dieter Bachmann. Aktualisiert am 09.03.2013 9 Kommentare

Für Roche-Verwaltungsratspräsident Franz Humer ist ein Konkurrenzverbot nach seinem Ausscheiden kein Thema. Nicht unwichtig sind hingegen die Sprachkenntnisse seines Nachfolgers.

«Jetzt kann man das machen.» Franz Humer sieht Roche in einer Erfolgsphase und stellt sich 2014 nicht mehr zur Wahl in den Verwaltungsrat.

«Jetzt kann man das machen.» Franz Humer sieht Roche in einer Erfolgsphase und stellt sich 2014 nicht mehr zur Wahl in den Verwaltungsrat.
Bild: Kostas Maros

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1995 ist Franz Humer vom britischen Konkurrenten Glaxo als Pharmachef zu Roche gekommen und sitzt seither auch im Verwaltungsrat. 1998 wurde er Konzernchef. Von 2001 bis 2008 führte er die Firma zugleich als Verwaltungsratspräsident im Doppelmandat.

Herr Humer, wann stand fest, dass Sie im März 2014 zurückzutreten?
Schon 2012, bevor ich zur Wiederwahl antrat, habe ich mir die Frage gestellt: Ist das jetzt das letzte Mal oder nicht? Solche Entschlüsse kann man ja nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen. Es kam noch dazu, dass meine Frau ihr Geschäft verkauft hat und ich in sechs Wochen zum ersten Mal Grossvater werde. Wir haben zudem in den letzten Jahren die Konzernleitung Schritt für Schritt erneuert. Ich sagte mir: Severin Schwan und ich haben nun über mehrere Jahre sehr gut zusammengearbeitet und wir haben jetzt ein sehr solides Team beisammen, jetzt kann man das machen.

In welchem Zustand ist die Firma?
Ich glaube, wir sind jetzt in einer Erfolgsphase. Wenn ich mir unsere Pipeline anschaue, ist es uns gelungen, Nachfolgemedikamente für Herceptin und Mabthera den Patientinnen zur Verfügung zu stellen beziehungsweise in der Entwicklung vorwärtszubringen. Gleichzeitig verspätet sich die Entwicklung der Biosimilars von Mabthera. Bei Produkte-Pipelines muss man immer vorsichtig sein, aber ich fühle mich da recht zuversichtlich. Das schaut sehr gut aus, besser als vor zwei Jahren.

Wie haben die Familienaktionäre auf Ihre Rücktrittsankündigung reagiert?
Mit sehr grossem Verständnis. Dann kamen wir überein, einen langfristigen Übergang zu planen. Und 2014 laufe ich ja nicht davon, sondern werde sowohl der Familie als auch dem Verwaltungsrat und meinem Nachfolger, wenn das gewollt ist, zur Verfügung stehen.

Will man diesen Übergang im Verwaltungsrat mit der Zuwahl von Herrn Schwan erleichtern?
Meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger wird ein nicht-exekutiver Präsident sein, der nicht unbedingt Erfahrung in der Pharmabranche mitbringen muss. Mir war also wichtig, Herrn Schwan im Verwaltungsrat zu haben, damit der Verwaltungsrat einen direkten Gesprächspartner hat, der das Geschäft kennt.

Haben Sie für die Zeit nach Ihrem Rücktritt mit Roche ein Konkurrenzverbot ausgehandelt, wie das bei Novartis gemacht wurde?
Nein, so etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen. Als ich das gelesen habe, konnte ich das nicht glauben.

Vom Prinzip her oder von der Geldsumme her?
Vom Prinzip her. Für mich wäre das nie eine Überlegung wert gewesen. Wieso? Vielleicht bin ich anders, aber ich glaube, wir sind eine andere Firma. Als Fritz Gerber mich angestellt hat, Ende 1994, Anfang 1995, sagte er mir auf der Heimfahrt vom Restaurant im Auto, wenn ich den Job wolle, solle ich einschlagen. Ich schlug ein, aber den Vertrag erhielt ich sechs, sieben Monate später. Ich habe 20 Jahre in der Firma verbracht! Dieses Unternehmen ist mein Zuhause, hier ist mein Herzblut drin. Da brauche ich doch kein Konkurrenzverbot. Für eine andere Pharmafirma zu arbeiten, ist für mich nicht vorstellbar.

Sie haben gesagt, ein allfälliges Ehrenpräsidium wollten Sie nicht. Weshalb?
Erstens haben wir einen Ehrenpräsidenten und das ist Fritz Gerber. Zweitens passt so ein Titel, so ein Amt für mich nicht. Gibt es zudem mehrere Ehrenpräsidenten, muss man aufpassen, dass das Amt nicht vulgarisiert wird.

Für 2014 kriegen Sie noch eine Entlöhnung?
Erstens arbeite ich ganz sicher noch bis Ende März 2014 und wie wir das nachher gestalten, müssen wir dann schauen. Das hängt dann auch davon ab, was mein Nachfolger will und braucht. Und ich brauche auch nicht unbedingt einen Beratervertrag. All diese Dinge finde ich so formalistisch – und unnötig. Wenn man 20 Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat, braucht man sehr viel gegenseitiges Vertrauen.

Hätte man – aus Firmensicht – den Kampf gegen die Abzocker-Initiative auch gewinnen können?
Ich mag mich mit dem Konjunktiv – hätten, würden – nicht beschäftigten. Wir sind dort, wo wir jetzt sind. Wir werden selbstverständlich sämtliche Bestimmungen, die dann in Gesetzesform erlassen werden, vollständig einhalten. Wir müssen auch versuchen, nicht Dinge zu tun, die dem Unternehmen schaden.

Zum Beispiel?
Es könnte schwieriger werden, externe Führungskräfte zu rekrutieren.

Ändert sich diese Praxis wirklich?
Wir haben unseren Pharmachef Pascal Soriot verloren. Es stand dann auch in der Zeitung, wie hoch dessen Welcome-Bonus war (sechs Millionen Franken, Red.). Ich könnte heute nicht einfach den Europa-Chef eines Konkurrenten anstellen und glauben, den würde ich kriegen, indem ich ihm nur ein Gehalt bezahle. Daher wird die interne Entwicklung von Talenten wahrscheinlich noch viel wichtiger.

Besteht die Gefahr, dass sich der Fokus der Aktionärsvertreter künftig, wenn Herr Vasella nicht mehr da ist, vermehrt auf Sie richtet?
Da habe ich keine Angst. Ich habe ja nichts zu verstecken. Wir sind sehr transparent. Wir fühlen uns wohl in unserer Haut. Auch was die Entlöhnung und das Entlöhnungssystem betrifft.

Die Konstellation mit Ihrem Hauptaktionär ist ja auch eine andere.
Ja, und in den öffentlichen Diskussionen ist das einfacher. Aber er sagt in den Sitzungen schon sehr klar, was er für richtig hält und was nicht. Nicht nur in der Entlöhnungsfrage.

Wie sicher ist der Standort Basel noch? Andere Firmen sagten, die Schweiz könnte aufgrund der Annahme der Minder-Initiative unattraktiv werden.
Ich habe eine Grundsatzphilosophie: Jedes Unternehmen braucht ein Zuhause. Und Sie können das Zuhause nicht einfach so verlegen. Sicherlich sind dann Standortgegebenheiten enorm wichtig für einzelne Entscheide, zum Beispiel für den Standort einer neuen Fabrik, den Hauptsitz einer Division. Aber diese Drohungen, wir ziehen dann alle nach Timbuktu, kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube, da ist es sehr viel sinnvoller, man bringt sich in die politische Diskussion ein. Schauen Sie sich doch an, was dieses Unternehmen für die Stadt Basel und für Baselland bedeutet. Und manchmal werden die Grössenordnungen vernachlässigt: Roche macht mehr Gewinn als Swatch Umsatz. Damit meine ich: Wir haben eine gewisse Bedeutung für dieses Land und müssen uns nicht dafür schämen. Falsch finde ich das Drohen in der Öffentlichkeit.

Was wollen Sie noch an Wichtigem in das letzte Jahr reinpacken?
Das würde ich nicht so formulieren. Es geht mir vielmehr darum, auch mit meinem Nachfolger, sicherzustellen, dass er grundsätzlich versteht, welche Philosophie dieses Unternehmen verfolgt, was hinter jener Strategie steckt, die wir seit zehn, 15 Jahren verfolgen, welches die Bausteine dafür sind. Und ich habe genügend Bausteine für die nächsten fünf Jahre. Was schliesslich entschieden wird, ist etwas anderes. Aber das Haus Roche wird man immer weiterbauen müssen. Diese Kontinuität will ich sicherstellen und dass es beim Übergang keine Bruchstellen gibt.

Wie muss der Nachfolger oder die Nachfolgerin sein?
Das ist gar nicht so schwer zu sagen: Das muss jemand sein, der das Globale, die verschiedenen Kulturen versteht. Jemand, der auch ein gewisses politisches Gespür und Verständnis für die Politik mitbringt, inklusive die Schweizer Politik. Man muss verstehen, was hier passiert, sonst reagiert man falsch bei einigen der Auseinandersetzungen in diesem Land. Es muss zudem jemand sein, der sehr gut mit Menschen umgehen kann.

Wie wichtig ist Branchen-Know-how?
Das kann ich meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin über einen gewissen Zeitraum vermitteln. Auch das Netzwerk und die Kontakte. Ich habe das ja selber in anderen Branchen erlebt. Entscheidend sind vielmehr das Geschäfts- und Strategieverständnis und das Verständnis für die Zusammenhänge.

Muss Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin Deutsch sprechen?
Das ist eine Fangfrage! Es ist eine sehr grosse Hilfe. Erstens im Umgang mit den Aktionären, mit der Familie, mit dem Standort, mit den Mitarbeitenden am Standort. Selbst in der Konzernleitung sage ich Leuten wie Pharmachef Dan O’Day: Lerne Deutsch, du musst es zumindest verstehen können. Es hilft jemandem, der ­Roche leitet, sehr, wenn man auch Deutsch kann. Kommt hinzu, wenn einer nicht Deutsch kann, lebt er meistens nicht hier. Und ein Verwaltungsratspräsident muss schon eine Beziehung zum Ort haben.

Wäre es denkbar, dass ein bisheriger Verwaltungsrat das Präsidium übernimmt?
Das könnte ohne Weiteres eine sinnvolle Lösung sein.

Was werden Sie machen, wenn Sie pensioniert sind?
Das Wort Ruhestand dürfen Sie schon mal nicht in den Mund nehmen. Es wird für mich bei Roche noch eine gewisse Zeit genügend zu tun geben, zudem habe ich meine Mandate (etwa als VR-Präsident bei Diageo, Red.) und eine ganze Reihe sozialer Aufgaben, etwa meine Stiftung.

Sie haben immer wiederholt, dass Sie nichts von Diversifikation halten. Kann man davon ausgehen, dass der Fokus auf Pharma und Diagnostik auch in fünf, sechs Jahren noch gilt?
Ja, absolut. Ich sehe in der Branche auch wieder eine Gegenbewegung zum Diversifizierungstrend. Pfizer, Merck oder Bristol Myers Squibb spalten Geschäftsteile ab. Es ist einfach nicht vernünftig für ein langfristig ausgerichtetes Geschäft wie Pharma, kurzfristig auf Modeströmungen zu reagieren. Ich gehe bei unserem Markt immer noch davon aus, dass er unbeschränkt ist. Das ist nicht wie bei Lokomotiven, Autos oder Kühlschränken. Die Leute wollen auch in Zukunft länger und besser leben.

Die grösste Aktionärin nach der Familie ist Novartis. Nun hat es dort im Präsidium einen Wechsel gegeben. Kommt nun das Roche-Paket auf den Markt?
Da müssen Sie Novartis fragen. Ich kann dazu nichts sagen. Herrn Reinhardt habe ich noch nicht kennen­gelernt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.03.2013, 10:56 Uhr

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9 Kommentare

Reto Kuenzli

06.03.2013, 12:25 Uhr
Melden 107 Empfehlung 2

Herr Hummer, chapeau! Vor Wirtschaftsführern wie Ihnen kann man nur den Hut ziehen. Sie sind eben noch alte Schule genauso wie Ihr Vorgänger Herr Gerber. Antworten


Frank Staufer

06.03.2013, 12:43 Uhr
Melden 92 Empfehlung 2

Wenn nur mehr von der Sorte Franz Humer in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen der Schweizerfirmen sässen und wirkten; wir hätten wirtschaftlich paradisische Zustände in der Schweiz! Und dass ein Expat auch mindestens eine der Landessprachen zumindest verstehen sollte, sollte auch eine Selbstverständlichkeit sein. Mit dem Sprachkurs könnten auch die schweizerischen Werte vermittelt werden. Antworten



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