Wirtschaft
«Wenn wir einen Liter Wasser abfüllen, ist die Welt entrüstet»
Von Daniel Schindler. Aktualisiert am 29.01.2012 131 Kommentare
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Der Trailer zum Dokumentarfilm «Bottled Life». (Video: Youtube)Stichworte
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Alle reden vom Klimawandel. Viel bedrohlicher ist aber die weltweite Wasserknappheit, wie Peter Brabeck, Verwaltungsratspräsident von Nestlé, (NESN 54.8 0.27%) am Weltwirtschaftsforum (WEF) im Gespräch mit der BaZ sagt. Er rechtfertigt auch, warum der Konzern beim kritischen Film «Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser» nicht mitmachte. Der Film wurde an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt und läuft ab morgen im Basler Kultkino Atelier.
Herr Brabeck, haben Sie den Film «Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser» gesehen?
Peter Brabeck: Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Dafür hatte ich noch keine Zeit.
Der Film beleuchtet die Wasser-geschäfte von Nestlé kritisch. Bereuen Sie, dass Nestlé bei der Produktion nicht mitgemacht hat?
Nein, ich bereue das absolut nicht. Als wir für eine Teilnahme angefragt wurden, waren wir glücklich, dass sich jemand dem wichtigen Thema Wasser annimmt. Aber für uns war auch von Anfang an klar, dass das Thema Wasser in seiner Gesamtheit angesprochen werden muss und ein Film nicht nur einen Bereich beleuchten sollte, der 0,0009 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs betrifft, nämlich den Bereich Trinkwasser in Flaschen. Doch die Filmproduzenten antworteten, das sei der einzige Bereich, der sie interessiere.
Weil der Film nur einen Bereich des Wasserverbrauchs im Promillebereich behandelte, machte Nestlé nicht mit?
Ja, denn uns war klar, dass offensichtlich nicht ein Film gedreht werden sollte, der zur Lösung eines echten Problems beitragen wollte, sondern dass es ein rein ideologischer Film werden sollte. So kam es ja dann auch. In dem ganzen Film gibt es nicht eine einzige konstruktive Anregung, wie man das Problem lösen könnte. Im Gegenteil. Ginge es nach dem Filmemacher, müssten wir nichts anderes tun, als unserem Mineralwasser Farbstoffe und Zucker beigeben, dann wäre das Problem für den Filmemacher offensichtlich gelöst.
Wie meinen Sie das?
Es geht doch darum, welches die Mitbewerberprodukte von Nestlé im Wassergeschäft sind. Und das ist sicher nicht das Hahnenwasser.
Sondern?
Unsere Mitbewerberprodukte sind die Süssgetränke, Limonaden, Colas. Da scheint es kein Problem zu geben, diese in Flaschen zu füllen und zu verkaufen. Das wird akzeptiert. Konsequenterweise müsste also Nestlé dem besten Produkt, das es gibt, nämlich gesundem, klarem Trinkwasser, die genannten Zusätze beigeben. Daran sieht man schon, dass das Ganze eigentlich nicht viel Sinn macht.
Woher kommt es, dass Sie sich persönlich so stark für Wasser engagieren?
Sehen Sie, vor fünf Jahren, da wurde überall – auch hier in Davos – vor allem über ein Thema gesprochen: Klimawandel und die CO2-Problematik. Und daran ist grundsätzlich nichts falsch. Der Klimawandel ist ein wichtiges Thema. Aber ich sah einfach, dass wir beim Wasser schon heute ein echtes Problem haben, weil wir das Wasser übernutzen. Da wollte ich mich einsetzen. Wir tun heute so, als wäre Wasser eine gottgegebene Sache, die es in unendlicher Menge für immer gibt. Aber so ist es nicht.
Wo wird Wasser übernutzt?
Hauptsächlich in der Landwirtschaft. Rund siebzig Prozent des verbrauchten Wassers wird dort eingesetzt, zwanzig Prozent in der Industrie, zehn Prozent in den Haushalten. Nur: Industrie und Haushalte geben das Wasser ja zum Teil wieder zurück in den Kreislauf. In der Landwirtschaft ist das hingegen weniger der Fall. Daher fällt der meiste Verbrauch tatsächlich in der Landwirtschaft an.
Was muss hier getan werden?
Das, was wir getan haben. Wir haben eine Koalition von interessierten Stakeholders, wie man das heute nennt, gegründet. Das sind Regierungen, die International Finance Corporation – also ein Teil der Weltbankgruppe –, aber auch Privatfirmen. Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen McKinsey haben wir 154 Wasserbecken weltweit analysiert, die Wasserübernutzung heute und im Jahr 2030 geschätzt, und haben dann ein Modell entwickelt. Es handelt sich um die Kostenkurve, die aufzeigt, wie man ein Gleichgewicht herstellen kann zwischen Wasserabzug und natürlicher Erneuerung. Diesen Ansatz haben wir dann in fünf Pilotprojekten konkret angewendet. Dadurch konnte dort der Wasserverbrauch erheblich gesenkt werden.
Warum ist eine Übernutzung der Wasservorräte problematisch?
Weil die Menge an Wasser, die uns jährlich zur Verfügung steht, fix ist. Diese ändert sich nicht. Anders verhält es sich aber mit der Wasserbenützung. Die ändert sich unter anderem wegen der steigenden Bevölkerungszahl. Denn jeder Mensch braucht Wasser zum Trinken, für die Hygiene und so weiter. Das sind im Minimum rund 25 Liter pro Tag. Was aber die meisten Leute vergessen: Sie essen auch jeden Tag. Und für die Herstellung der Nahrungsmittel wird Wasser eingesetzt.
Wie viel?
Das hängt davon ab, was man isst. Wenn man vegetarisch isst, verbraucht das weniger Wasser, als wenn man Fleisch isst. Konkret: Wenn eine Kalorie aus einer Pflanze kommt, braucht das einen Liter Wasser, kommt die Kalorie aus Fleisch, sind es zehn Liter Wasser.
Wo muss neben der Landwirtschaft zusätzlich noch angesetzt werden?
Eigentlich überall; die erwähnte Kostenkurve hilft dabei, das mit den geringstmöglichen Kosten zu tun. Bereits heute beträgt die Übernutzung rund zehn Prozent des natürlich erneuerten Wassers. Das ist der Grund, weshalb einige der grössten Flüsse der Welt monatelang kein Wasser mehr ins Meer führen und Seen versanden. Diese schon heute bestehende Übernutzung, kombiniert mit der steigenden Bevölkerungszahl und dem Wandel des Konsumverhaltens, ist verheerend. Denn man muss bedenken: Auch in China geben sich die Leute nicht mehr einfach nur mit einer Schale Reis zufrieden. Auch sie wollen Gemüse und Fleisch essen. Das hat starke Nachfrageeffekte auf der Wasserseite. Hinzu kommt ein weiterer Zusatzverbrauch von Wasser bei der Energieförderung.
Inwiefern?
Bei der herkömmlichen Erdölförderung beispielsweise braucht es lediglich rund 0,2 Liter Wasser pro Liter Petroleum. Bei neuen Technologien, wie etwa der Förderung aus Ölsand, steigt der Verbrauch um ein Vielfaches. Da braucht es für die Produktion von einem Liter Brennstoff vier bis fünf Liter Wasser.
Das klingt ernüchternd. Kann man das Wasserproblem überhaupt lösen?
Ja, indem man mit dem Wasser verantwortlicher umgeht. Dazu aber muss das Wasser einen Wert bekommen. Und da möchte ich nochmals auf den eingangs erwähnten Film zurückkommen: Wenn wir einen Liter Wasser in eine Flasche abfüllen und diese irgendwohin transportieren, dann ist die Welt über diesen Vorgang entrüstet. Wenn ich aber zu dem Wasser Zucker und Farbstoff gebe, hat die Welt kein Problem mehr. Wenn ich in die gleiche Flasche Bier fülle und dieses dann womöglich von Mexiko nach Europa transportiere, hat auch niemand etwas dagegen. Und wenn man gar Wein in die Flasche füllt, dann spricht man schon gar nicht mehr davon. Was sagt uns das? Das sagt uns, dass man dem Wasser eigentlich den Wert Null gibt.
Wasser wird übernutzt, weil es keinen oder einen zu tiefen Preis hat?
Das ist genau das Problem.
Teilt man in der Geschäftsleitung von Nestlé Ihre Leidenschaft für Wasser?
Ich glaube, die Firma wird schon noch etwas inspiriert von ihrem Verwaltungsratspräsidenten. Und wir haben ja schon vor Jahren Wasser als unsere höchste Priorität im Umweltsektor definiert. Wir haben diesbezüglich auch viel erreicht. Als Beispiel brauchten wir noch vor wenigen Jahren 4,5 Liter Wasser, um einen Dollar Umsatz zu erwirtschaften. Heute sind wir bei weniger als 1,5 Liter Wasser pro Dollar Umsatz angelangt.
Aber in den letzten Jahren ist das Wassergeschäft bei Nestlé nicht so gut gelaufen. Haben Sie nie daran gedacht, den Bereich abzuspalten?
Nein. Bei einer Nahrungsmittel-Gesundheits-und-Wellness-Firma spielt das Wasser nun einmal eine ganz wichtige Rolle. (Basler Zeitung)
Erstellt: 29.01.2012, 22:05 Uhr
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131 Kommentare
Wasser wird nicht effizienter genutzt, wenns privatisiert wird (und Leute wie Brabeck Milliardengewinne daraus ziehen). Es wird bloss der weniger kaufkräftigen Bevölkerung vorenthalten und den zahlungskräftigen Klientel zugeteilt (bsp Golfklubs anstatt Kleinbauern).
Nachhaltige Wassernutzung ist bloss durch demokratische Prozesse erreichbar, die Schweiz ist dafür eigentlich ein Musterbeispiel.
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Einen Liter Wasser? Herr Brabeck -es ist kein Menschenrecht was Sie und Nestle tun, indem Sie ganzen Bevölkerungsregionen ihre historischen Wasserrechte enteignen! Was Sie und Nestle tun ist ein fieses schurkises Kalkül. Sie spielen damit einen falschen Gott -um sich mit diesem wichtigen Element Wasser zu bereichern. Das nächste Element wird dann wohl noch der Sauerstoff sein den Sie konfiszieren. Antworten
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