Wirtschaft
Wie es sich anfühlt, ein paar Milliarden zu verlieren
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 27.07.2009
Prof. Dr. Thomas Druyen ist Direktor des Institutes für Vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien und des Forums für Vermögensforschung an der Universität Münster.
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Ein Millionär verliert in der Krise einen Grossteil seines Vermögens. Was kann das bei ihm auslösen?
Bei einer Vermögensgrössenordnung zwischen 10 Millionen und 40 Milliarden lassen sich keine generalisierten Aussagen mehr machen. Die Reaktionen auf solche Einschnitte sind niemals einheitlich. Da spielt neben vielen psychologischen Faktoren auch die kulturelle Mentalität eine Rolle sowie die Branche und natürlich der Charakter. Ebenso die Frage, ob es ein Verlust von Buchwerten ist oder eine Folge unternehmerischen Missgeschicks.
Wie unterschiedlich kann das aussehen?
Internet-Millionäre etwa, die schnell zu sehr viel Geld gekommen sind, können mit dem Verlust von Geld zuweilen spielerischer umgehen, als andere, die über Generationen einen hohen Standard gewöhnt sind. Auch das Alter und die Perspektive können eine Rolle spielen. Oftmals fällt es jungen Unternehmern leichter, einen Neuanfang zu starten.
Man kann einen Millionenverlust also auch locker hinnehmen?
Eine Reduktion des Vermögens um 80 oder 90 Prozent kann nicht spurlos an einem vorbeigehen. Allerdings ist bei dem weltweiten Verlust von Vermögen die persönliche Verarmung eher selten. Die emotionale Reaktion ist jedoch nicht zu unterschätzen. Wie man gesehen hat, kann das zu schwerwiegenden und bedrohlichen Existenzkrisen führen.
Auch wenn man gar nie richtig dafür arbeiten musste?
In der Boulevardberichterstattung wird Reichtum oft als etwas gesehen, das einem so zufällt. Bei den meisten steckt aber Arbeit und unternehmerische Leistung dahinter. Ich würde sagen, dass jeder zweite Vermögende durch unternehmerische Leistung zu seinem Reichtum gekommen ist. Insofern platzen da mit dem Verlust oftmals Lebenswerke.
Den meisten wird jedoch noch etwas übrig bleiben, oder nicht?
Das hört man öfter: «Die haben ja so viel, da macht es nichts, wenn die ein bisschen was verlieren». Das ist zu kurzsichtig. Doch wenn sich jemand als Unternehmer gescheitert fühlt und keine Perspektive mehr sieht, dann ist die Frage, wie viel übrig bleibt, eher nachgeordnet. Viel wichtiger ist in dieser Hinsicht das Gefühl der Niederlage oder des eigenen Versagens. Auch eine weit reichende Abhängigkeit von anderen oder der Verlust des Ansehens belasten die Situation.
Es geht mehr um die Schmach als ums Geld?
Jedes Scheitern, auch wenn es von Finanzmärkten beschleunigt wurde, kratzt an der Persönlichkeit. Das hat weniger mit der Einschränkung eines luxuriösen Lebensstils zu tun. Die Verlierer fragen sich: Wäre das zu verhindern gewesen? Wenn man zum Beispiel immer von Beratern abhängig war, ist es schwierig, selbst wieder Verantwortung zu übernehmen. Wenn keine unternehmerische Erfahrung vorliegt, wie bei manchen Erben, ist es umso schwerer, aus eigener Kraft wieder aus der Krise herauskommen.
Was kann da helfen?
Wie bei Flugzeugabstürzen und anderen Krisen können Psychologie und Psychotherapie helfen. Doch damit haben wir oft ein Problem, weil bei uns Psychotherapie etwas Anrüchiges hat, als wäre es ein Eingeständnis von Schwäche. Von dieser Ansicht müssen wir uns unbedingt lösen. So selbstverständlich wie man einen Fitnesstrainer oder einen persönlichen Ernährungsberater hat, so sollte man auch in psychischen Extremsituationen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Was halten Sie von hohen Managerlöhnen?
Man muss unbedingt unterscheiden zwischen Managern und Unternehmern: Der Unternehmer haftet persönlich und ist näher an seiner Firma, der Manager ist im Grunde ein hoch bezahlter Angestellter mit kurzfristigeren Zielen. Was Managergehälter betrifft, wird sich allmählich ein Wandel vollziehen. Sowohl die Haftung wird zum Thema als auch die Funktion der Aufsichtsräte. Die Höhe der von ihnen genehmigten Gehälter wird deutlicher in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gesehen. Wir müssen einsehen, dass Gerechtigkeit und Ethik keine Kür-Themen sind, sondern ökonomische Faktoren.
Sie haben für Forschungszwecke mehrere Millionäre interviewt. Wie ist Ihr Fazit? Macht Geld glücklich?
Dass sehr viel Geld automatisch glücklich macht, stimmt nicht. Glück hat vielmehr mit immateriellen Werten wie Freunden oder Gesundheit zu tun. Geld verschafft einem jedoch Privilegien, zum Beispiel ein unabhängigeres Leben führen zu können. Das wird als Segen angesehen. Sonst würde nicht alle Welt von Geld träumen. Es bleibt eine charakterliche Leistung, der Verführung vom grossen Geld nicht zu erliegen.
Kann man genug Geld haben?
Das ist ein universelles Phänomen: Die meisten, die Geld haben, wollen noch mehr. Es gibt jedoch viele Vermögende, die bescheiden und diszipliniert sind. Auch die Zahl derjenigen, die humanitäre und philanthropische Verantwortung übernehmen, steigt. Zumindest war es so, bis uns die Finanz- und Wirtschaftskrise heimsuchte. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2009, 14:25 Uhr
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