Wirtschaft
«Wir werden angefeindet, weil wir den Markt verändern»
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 30.10.2010 11 Kommentare
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Unternehmer des Jahres
2003 gründete die Zahnärztin Sara Hürlimann zusammen mit dem Ökonomen Christoph Hürlimann zahnarztzentrum.ch. Inzwischen betreibt das Ehepaar die grösste Zahnarztkette in der Schweiz mit 12 Praxen, 220 Angestellten, davon 75 Zahnärzte. 2009 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 28 Millionen Franken. Im September stieg die französische Beteiligungsgesellschaft G Square mit 20 Millionen ein. Hürlimanns planen, sowohl in der Schweiz als auch in Schweden neue Praxen zu eröffnen.
Gestern wurden Sara und Christoph Hürlimann von von Ernst & Young als Entrepreneur of the Year 2010 geehrt.
Sie gründeten vor sieben Jahren Ihr Unternehmen: War es schwierig, Geldgeber zu finden?
Christoph Hürlimann: Zehn Banken haben abgewinkt und uns geraten: «Kaufen Sie doch eine Praxis von einem Zahnarzt, der in Pension gehen will.» Eigentlich logisch: Banken kennen sich nur in Märkten aus, die es schon gibt – wenn jemand etwas Neuartiges realisieren will, haben sie keine Ahnung.
Sara Hürlimann: Dabei war unsere Idee simpel: Es gab in der Branche lauter Einzelkämpfer, die sich um alles selber kümmern mussten. Wir wollten Zentren einrichten, in denen 15 bis 20 Angestellte im Verbund arbeiten, vom Lehrling bis zum hoch spezialisierten Chirurgen. Das hat für alle Seiten Vorteile: Die Spezialisten müssen sich nicht um Administration oder Personalführung kümmern, die Patienten werden 365 Tage im Jahr rasch und kompetent betreut.
Brauchten Sie viel Startkapital?
Christoph Hürlimann: Weit über eine Million. Für Ausbau der Liegenschaften und Ausrüstung mit modernen Geräten.
Hatten Sie keine Bedenken, dass Sie mit der grossen Kelle anrührten, noch bevor der erste Kunde kam?
Christoph Hürlimann: Es gab immer wieder Panik und schlaflose Nächte. Aber das Konzept bewährte sich bald.
Sara Hürlimann: Nach vier Wochen stellten wir eine erste Zahnärztin ein, weil ich und mein Kollege die Arbeit nicht mehr bewältigen konnten. Dann ging es schnell. Wir gewinnen seit der Gründung jeden Monat knapp 200 neue Patienten hinzu – pro Zentrum.
Christoph Hürlimann: Die Anfänge waren hart. Kaum wussten wir, wie man ein Zentrum in Zürich führt, eröffneten wir ein zweites in Winterthur. Das klingt nicht dramatisch, es war aber ein Quantensprung. Man kann nicht mehr immer persönlich vor Ort sein und muss Führungsstrukturen aufbauen.
Was haben Sie gelernt in dieser Zeit?
Christoph Hürlimann: Dass es klare Anweisungen für jeden Prozess braucht. Dazu regelmässige Rapporte, Führungsmeetings, Feedbackrunden.
Sara Hürlimann: Qualität und Motivation der Angestellten ist in diesem Business zentral. Darum haben wir bei der Personalwahl, Einarbeitung und Kontrolle höchste Standards. Alle Angestellten müssen so gut sein, dass ich meine Mutter zu ihnen schicken möchte.
Sie streichen die Qualität hervor. Ihre Mitbewerbern hingegen sagen, Sie rekrutierten im Ausland Studienabgänger ohne Berufserfahrung, vernachlässigten die Weiterbildung und hätten viele Wechsel zu beklagen.
Sara Hürlimann: Unser Ansatz ist für die Schweiz revolutionär – ich verstehe, dass nicht alle arrivierten Zahnärzte das toll finden. Ich kann Ihnen aber versichern, dass wir viel höhere Qualitätsansprüche haben als der Branchendurchschnitt. Weil wir Qualität nicht nur vorschreiben, sondern auch kontrollieren. Wir würden gerne mehr Schweizer anstellen, aber es gibt nicht genug Zahnärzte hier. Aus Deutschland und Schweden erhalten wir viele hervorragende Bewerbungen. Deshalb sind drei Viertel unserer 75 Zahnärzte Ausländer, mehrheitlich Deutsche.
Christoph Hürlimann: Die Vorwürfe sind absurd. Wir prüfen all unsere Mitarbeiter auf Herz und Nieren. Und wir sind ein beliebter Arbeitgeber. Die Fluktuation liegt seit Jahren bei ungefähr fünf Prozent. Die Anfeindungen haben damit zu tun, dass wir den Markt verändern. Wir sind eine AG und bewerben unsere Dienstleistung – das ist für viele suspekt. Die Branche ist im Wandel. Patienten wollen auch in Randstunden und am Wochenende betreut werden.
Sie wollen in den nächsten vier Jahren von 12 auf 30 Zentren wachsen und den Umsatz auf mehr als 100 Millionen Franken steigern. Ist es nicht langweilig, sich nur noch zu kopieren?
Christoph Hürlimann: Wir sind rastlose Menschen, immer auf der Suche nach Herausforderungen.
Sara Hürlimann: Die Gefahr der Langeweile bestand. Hätten wir nun jedes Jahr ein bis zwei neue Zentren eröffnet, wäre uns das bald verleidet. Dank den 20 Millionen, die unsere neue französische Minderheitsaktionärin G Square kürzlich einschoss, kommen wir nun schneller voran. Zudem expandieren wir nach Schweden, in meine frühere Heimat.
Christoph Hürlimann: Wir sind jetzt auf dem Sprung vom KMU zur grossen Firma. Wir stellen einen Manager ein, der das operative Geschäft kontrolliert. Das heisst auch, dass wir die Verwaltungsratssitzungen nicht mehr wie bis anhin im Café oder im Ehebett abhalten können.
Hat das Geschäft nie die Beziehung belastet?
Sara Hürlimann: Nein, es war ein Vorteil, dass wir privat und beruflich so gut harmonieren. Ein unbeteiligter Partner hätte nie das Verständnis für Sitzungen bis in die Nacht aufgebracht. Es ist schön, eine Passion und viele Herausforderungen teilen zu können. Und komplett absorbiert durchs Geschäft waren wir auch nicht – immerhin haben wir vier Kinder bekommen in dieser Zeit.
Christoph Hürlimann: Manchmal staunen wir selber, wie sehr wir uns einig sind in allem. Kürzlich hat uns jemand halb im Spass gesagt, wir seien im Grunde ein und dieselbe Person. In einer grossen Firma ist das vielleicht kein gutes Zeichen, wenn in der Chefetage alle gleich ticken. Bei einem Unternehmen in der Aufbauphase hingegen ist es unerlässlich, sonst kommt man nicht vom Fleck.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.10.2010, 10:37 Uhr
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11 Kommentare
Gratulation an diese beiden Unternehmer - das Geschäftsmodell der Zahnarztzentren kennt man zB in Asien schon lange und sehr erfolgreich. Und dass die hiesigen Zahnaerzte (und Aerzte sowie Versicherungslobby) immer Gründe finden, warum ein solches Konzept nicht gut sein soll, ist klar: es geht ans eigene Portemonnaie! Antworten
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