Wirtschaft
Wohin steuert die Basler Zeitung?
Von Markus Somm. Aktualisiert am 17.12.2011 80 Kommentare
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Wann immer mich Anita Fetz, die Ständerätin von Basel-Stadt, trifft, erzählt sie mir die Geschichte, wie sie mit ihrem Mann jeweils am Samstagmorgen, wenn die beiden am Frühstückstisch die BaZ lesen, eine Wette macht: «Hat er über die EU geschrieben oder nicht?» «Ja!», rufe dann vielleicht ihr Mann – und «Ja!», triumphiere sie. Beide haben gewonnen. «Das Wort zum Sommtag», pflege er dann meine Predigten des EU-skeptischen Evangeliums zu nennen. Ob er sie zu Ende liest, weiss ich nicht. Natürlich lachen wir jetzt beide, nachdem Anita Fetz die Anekdote zum Besten gegeben hat – aber insgeheim schwingt bei mir Besorgnis mit: Lässt mich mein Gedächtnis schon ab und zu im Stich, dass ich immer dasselbe schreibe, ohne es zu merken?
In Erwartung eines vernichtenden Befundes habe ich in der schweizerischen Mediendatenbank, wo alle Artikel der Schweizer Journalisten elektronisch gespeichert sind, nachgeforscht und alle meine Leitartikel daraufhin überprüft, wie oft ich die Europäische Union zum Thema gemacht habe. Seit ich in Basel tätig bin, also seit September 2010, habe ich 61 Leitartikel für die Samstagsausgabe der Basler Zeitung verfasst – und mit einer gewissen Erleichterung stellte ich fest: Elfmal habe ich mich darin mit der EU befasst, das entspricht 18 Prozent. In Anbetracht der Tatsache, dass die EU – auch in den Augen ihrer Freunde – im Jahr 2011 die gravierendste Krise ihrer Geschichte erlebt, ist das keine übertrieben hohe Kadenz. Vielleicht, dachte ich bei mir selbst, hätte ich häufiger über die EU schreiben sollen. Man kann das nicht oft genug tun.
Zeitung im Sturm
Wohin steuert die Basler Zeitung? Worum geht es mir, worum geht es den neuen Besitzern? Nach einer, ich gebe es zu, nicht nur erfreulichen Woche möchte ich hier Bilanz ziehen und klarstellen, wo ich stehe und wohin die Reise der Basler Zeitung geht.
Das führt mich zunächst wieder nach Brüssel. Im Jahr 2000 erschien im Magazin des «Tages-Anzeigers» ein erstaunlicher Artikel: «Unsere geistigen Vordenker und ihre Nachbeter reissen sich die Haare aus, weil die Mehrheit der Schweizer – in hinterwäldlerischer Verstocktheit oder im Bann des Dämons Blocher – sich weiter gegen einen raschen Beitritt sträubt.» Erstaunlich waren diese Sätze, weil es sich hier um den ersten EU-kritischen Artikel handelte, der seit der EWR-Abstimmung im Jahr 1992 in einem renommierten Blatt dieses Landes veröffentlicht worden war. «Die Tragfähigkeit der EU-Konstruktion ist bisher keiner ernsthaften Belastungsprobe ausgesetzt gewesen. Dies könnte sich ändern, wenn eine Rezession die Schwächen einer von keiner gemeinsamen Finanzpolitik untermauerten gemeinsamen Währung offenbar werden lässt.»
Geschrieben hatte diese weitsichtigen Sätze Hanspeter Born, der langjährige, ehemalige Auslandchef der «Weltwoche», der zu diesem Zeitpunkt längst zu den profiliertesten Journalisten dieses Landes gehörte. Den Text ins Blatt gerückt hatte Roger Köppel, der damalige junge Chefredaktor des «Magazins». Beide hatten grossen Mut bewiesen. Es war ein Tabubruch. Der Essay löste eine Art publizistisches Seebeben aus.
Trauer auf dem Dorfplatz
In jenen Tagen arbeitete ich als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». Ich hatte Sonntagsdienst, und ich erinnere mich gut an die Redaktionssitzung am Morgen danach in Zürich. Fassungslos sassen wir in der Runde auf dem Dorfplatz des «Tagi», wie das hiess, in einer Nische mit silbrigen Aluminiumtischen und Automaten mit miserablem Kaffee, wo man die Sitzungen abhielt. Es war eine Beerdigung. Man starrte vor sich hin. Jeder warf etwas Erde auf den Sarg unserer publizistischen Unschuld, und der Blattmacher sagte: «Die ‹Schweizerzeit› möchte den Artikel nachdrucken. Das hat Köppel verdient.» Wie heute galt die «Schweizerzeit», ein konservatives Blatt, als krypto-faschistisch. Wer dort veröffentlicht wurde, starb unter Journalisten den sozialen Tod.
Born hatte ein Tabu gebrochen, das zu knacken dringend nötig gewesen war. Knapp ein Jahr später stimmten die Schweizer über die Volksinitiative «Ja zu Europa» ab, die unverzügliche Beitrittsverhandlungen mit der EU verlangte. Mit einer Mehrheit von nahezu 80 Prozent wurde das verworfen, obwohl die meisten Medien die Initiative gutgeheissen hatten. Was Born zu einem Paria unter den Publizisten gemacht hatte: Eine EU-skeptische Haltung, war in der Bevölkerung breiter Konsens. Vor allem war es von Nutzen, dass er eine Frage in die Zeitungen trug, die in der Öffentlichkeit kontrovers, unter Journalisten aber nur einseitig dargestellt worden war. Als wären sie Partei. Selbstverständlich waren sie das – ohne es zu deklarieren.
Darum geht es – auch mir als Chefredaktor der Basler Zeitung. Nicht um eine einzige Meinung, ganz gleich, ob ich sie teile oder nicht. Weder ich weiss über alles Bescheid noch haben meine Kritiker immer Recht. Niemand kann die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. In der Debatte werden wir klüger. Wenn wir es jedoch nicht mehr zulassen und kaum mehr ertragen, dass über die entscheidenden Fragen dieses Landes offen und ungeschminkt, leidenschaftlich und ja: hin und wieder auch polemisch gestritten wird, dann laufen wir Gefahr, Fehler zu machen, vor denen uns nie einer gewarnt hatte. Diese Übereinkunft, sich uneinig zu sein, ist einer der wesentlichen Gründe, warum sich in den vergangenen Jahrzehnten Demokratien allen Diktaturen, ob rechten oder linken, als überlegen erwiesen haben. Vielfalt in den Medien, Streit unter Journalisten und Zeitungen sind Voraussetzung dafür, dass diese Demokratien am Leben bleiben.
Darum ging es und geht es auch jenen Leuten – heissen sie nun Christoph Blocher, Marcel Ospel oder Tito Tettamanti – die dafür gesorgt haben, dass die Basler Zeitung ein eigenständiges Unternehmen blieb. Wir sprechen hier von grossen Beträgen, die aufzubringen auch in dieser reichen Region nur wenige Investoren bereit gewesen wären. Dass Blocher sein Engagement nicht offen erklärt hat, war ein Fehler. Dass er, dazu befragt, irreführende Antworten gab, werden ihm viele nie verzeihen. Doch ein Gedanke sei erlaubt: In welchem Zustand befindet sich unser Land, wenn ein Investor sich nicht mehr traut, dazu zu stehen, dass er im Geheimen Arbeitsplätze rettet und sich für mehr Pluralismus in den Medien einsetzt?
Die Zukunft einer Filiale
Gewiss, wo Blocher erscheint, da gibt es glühende Anhänger und zornige Gegner. Niemand hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr polarisiert. Sicher, er verfolgt auch die Interessen seiner Partei. Aber sein Motiv war legitim: Vielfalt zu sichern. Denn machen wir uns nichts vor. Ohne seine wirtschaftliche Einflussnahme gäbe es in Basel noch eine kleine Lokalredaktion, die irgendeiner Zentrale in Zürich ein paar Nachrichten beisteuerte. Wirtschaft, Bundespolitik, Ausland, Kultur: Dies alles hätten die Basler dann aus der Sicht von Zürcher Grossverlagen erfahren dürfen.
Dieses Blatt ist kein Parteiblatt und wird es nie werden. Noch nie habe ich irgendwelche publizistischen Weisungen erhalten oder entgegengenommen, und wenn der Tag käme, an dem dies geschähe, stellte ich mein Amt sofort zur Verfügung. Wo ich stehe, darüber lasse ich keinen Zweifel. Was ich selber aber an publizistischer Freiheit geniesse, gilt auch für meine Redaktion. Noch nie habe ich einen Text aus politischen Gründen zensuriert. Wer bei der Basler Zeitung arbeitet, ist frei, mit den besten Argumenten für seinen Standpunkt zu kämpfen – solange er erträgt, dass alle anderen Kollegen das auch tun dürfen, selbst der Chefredaktor.
Basel blickt auf eine lange und stolze publizistische Tradition zurück, die bis in die Reformation reicht. Dass ich als Auswärtiger dazu beitragen darf, an dieser Geschichte weiterzuschreiben, ist ein Privileg. Wir versprechen Ihnen eine interessante Zeitung in interessanten Zeiten. (Basler Zeitung)
Erstellt: 17.12.2011, 12:30 Uhr
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80 Kommentare
Amüsant ist doch wie jeder "Abonnent" mit der Abo-Kündigung droht. Wer interessierts? Ich mein Herr Somm findet wieder eine Stelle. Dann geht das Blatt ein, die Druckerei macht dicht. Die Arbeitslosen tummlen sich ja in Basel :-) vielleicht müssen sie dann ins böse Züri... Ich würde meinen eine unabhängige Zeitung ist viel wert. Ob Links oder Rechts ist egal jede hat Ihre Leser auch die BAZ. Antworten
Gratuliere Herr Somm. Es ist schon erstaunlich, dass sich in dieser sehr reichen "weltoffenen" kulturellen Stadt niemand findet, der fuer eine unabhängige, liberale Zeitung einsteht und AUCH finanzielle Risiken eingehen will...am wenigsten die Kreise, die sich und ihren Reflexe (gegen Zurich, SVP, Kapital etc gähn) feiert. Wuensche Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermoegen...Basel zuliebe. Antworten
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