Wirtschaft
Zeit zum Entgiften für die Banken
Von Isabel Strassheim. Aktualisiert am 24.06.2011 10 Kommentare
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Die griechische Schuldenkrise steht am derzeit laufenden zweitägigen Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel im Mittelpunkt. Diskutiert werden dürfte dabei auch die Idee von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der am Dienstag anregte, eine Milliarde Euro aus dem Kohäsionsfonds für wirtschaftlich weniger entwickelte EU-Länder für Griechenland freizustellen.
Während amtierende Politiker also noch über die Rettung Griechenlands diskutieren, können es sich pensionierte Politiker wie Joschka Fischer leisten, Klartext zu reden: «Entweder kommt es zu einem geordneten Zahlungsausfall oder zu einem ungeordneten», schrieb Fischer diese Woche in der «Süddeutschen Zeitung» zur Griechenlandkrise. Die Beteiligung der Banken am zweiten Rettungspaket erscheint unabdingbar. Denn ohne einen zumindest teilweisen Verzicht der Gläubiger auf die griechischen Schulden ist das Land langfristig nicht zu retten.
Offenbar wird im Hintergrund ein ordentlicher Untergang geplant. Es gebe informelle Gespräche zwischen Grossbanken, dem deutschen Finanzministerium und der Europäischen Zentralbank, hiess es in Bankkreisen. Demnach wird dort eine Risikoabschätzung vorgenommen, wie hoch der Verzicht der Gläubigerbanken auf Staatsschulden in den nächsten Jahren ausfallen kann, ohne die Banken und damit das internationale Finanzsystem zu gefährden. Dies wäre dann ein geordneter Zahlungsausfall, im Gegensatz zu einem plötzlichen Grounding Griechenlands, das zu unkontrollierbaren Kettenreaktionen führen könnte.
Es erscheint logisch, dass Banken spätestens jetzt eine Bilanzplanung vornehmen. Viele dürften ihre Griechenland-Anleihen abgeschrieben haben, oder sie sind durch das erste Hilfspaket gedeckt. Jetzt wird offenbar geklärt, wie viele restliche Anleihen noch in den Bilanzen der Banken stehen – und auf wie viel Schulden die Institute verzichten können, ohne in Bilanzprobleme zu geraten. Die Banken haben aus der Lehman-Pleite gelernt und streben eine vorsorgliche Kontrolle der toxischen Papiere auf ihren Büchern an.
Horrorszenario
Auch die Politiker wollen einem Horrorszenario «Lehman II» entgehen und möchten den Banken Zeit zum Entgiften geben. Dies ist nämlich laut dem Analysten für europäische Wirtschaftspolitik der Deutschen Bank, Nicolaus Heinen, der Sinn ihrer Rede von einer freiwilligen Beteiligung. Dies sei als Weckruf für diejenigen Banker zu verstehen, die sich bis jetzt nicht auf einen Kreditausfall und damit auf den Zwangsfall vorbereitet hätten. Spätestens jetzt sollte auch die letzte Bank alarmiert sein und den Wert ihrer Griechenanleihen geordnet abschreiben.
«Diese freiwillige Umstrukturierung mit Ansage ist hilfreich. Denn je mehr Zeit bis zu einer freiwilligen Beteiligung von Gläubigern ins Land geht, desto besser können diese ihre griechischen Anleihen abschreiben», sagt Heinen. Wenn dann ein Schuldenschnitt komme, bedeute dies für die Banken dann keine Katastrophe mehr.
Praktisch nichts zu verlieren
Mehr noch: Ein teilweiser Schuldenerlass könne in diesem Fall sozusagen freiwillig erfolgen, weil sich dann ohnehin viele Banken beteiligen würden, da sie praktisch nichts zu verlieren haben. «Damit verringert sich gleichzeitig das Risiko einer systemischen Krise», fügt Heinen an. Die Finanzmärkte dürften so nicht wie vor fast drei Jahren bei der Lehman-Pleite lahmgelegt werden, weil Banken sich aus Angst vor dem nahen «Gifttod» der Partnerbank gegenseitig kein Geld mehr liehen. Anscheinend geht es nun darum, welchen Zeitplan das zweite Hilfspaket für Griechenland für eine Beteiligung der Banken vorsehen soll, damit eine Umschuldung ohne Kollaps möglich wird.
Dies wäre auch in anderer Hinsicht hilfreich, wie der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sagt: «Ein ungeordneter Staatsbankrott Griechenlands würde im Moment wohl die anderen Wackelkandidaten in der Euro-Zone anstecken und könnte eine weltweite Kettenreaktion auslösen.»
Er geht jedoch nicht von einem freiwilligen Schuldenschnitt aus, sondern rechnet mit Zwang beziehungsweise einem Default: In vielleicht einem oder zwei Jahren könnten sich nämlich die anderen Peripherieländer so weit stabilisiert haben, dass sie nicht mehr von einem Zahlungsausfall Athens angesteckt würden. «Dann könnte die Politik die Gläubiger an den Kosten der Griechenland-Rettung beteiligen, was die Ratingagenturen ja dazu zwingen würde, die Bonitätsnote Griechenlands auf Zahlungsausfall zu stellen.»
Symbolisch
Auch ohne Default wären Banken jedoch aus politischen Gründen gezwungen, sich einer Beteiligung an der Rettung Griechenlands anzuschliessen. Nach Lehman und dem Einspringen der Staaten können sie sich schlecht der Staatsrettung verweigern. Das betont Klaus Wellershoff, ehemaliger UBS-Chefökonom und heutiger Unternehmensberater. Anders als noch vor drei Jahren sieht er die Staaten nun am längeren Hebel: «Geschäftsbanken haben ein gewisses Interesse, sich wenigstens symbolisch an der Hilfe für Griechenland zu beteiligen, sie dürften sonst eine schärfere Finanzmarkt- und Bankenaufsicht fürchten.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 24.06.2011, 09:09 Uhr
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10 Kommentare
Man kann das natürlich "entgiften" nennen. Aber die Wahrheit lautet wohl eher, dass die Sparer die Verluste der Bankster zu tragen haben. Und die Steuerzahler. Sagt den Leuten doch endlich mal die Wahrheit: Euer Geld ist futsch, weg! Antworten
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