Ikea-Fahrer müssen in Lastwagen hausen

Chauffeure aus dem Osten fahren in Westeuropa Möbel für Ikea aus – zu Hungerlöhnen. Der Möbelriese zeigt sich bestürzt und garantiert, dass das in der Schweiz nicht passiert.

Nicht nur die Hotdogs und Köttbullar sind günstig: Aktionspreise vor einer Ikea-Filiale.

Nicht nur die Hotdogs und Köttbullar sind günstig: Aktionspreise vor einer Ikea-Filiale. Bild: TT Agency/Reuters

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Emilians Esszimmer ist der Platz neben dem LKW, sein Wohnzimmer sind die Führerkabine oder der Parkplatz, das Schlafzimmer die Ladefläche. Denn für ein Leben im Hotel reicht es ihm nicht. Für Spesen bekommt der Chauffeur nur gerade 45 Euro pro Tag. Sein Monatslohn beträgt durchschnittlich 477 Euro. Der Rumäne liefert Ikea-Möbel aus, in den letzten Monaten vor allem in Dänemark. Das zeigt eine Reportage des britischen TV-Senders BBC.

Emilian ist nicht glücklich. «Ich fühle mich wie ein Vogel im Käfig, wie ein Gefangener», sagt der Rumäne. Er ist kein Einzelfall. Die BBC weiss von moldauischen Fahrern, die in Deutschland für Ikea unterwegs sind und 150 Euro verdienen – im Monat. Sie hausen ebenfalls in ihren LKW, ohne Toilette, ohne Bad, ohne Wasseranschluss.

Lückenhafte Kontrolle

Eigentlich dürfte es so etwas nicht geben. Gemäss den EU-Regeln sollten Fahrer die Löhne erhalten, die in dem Land üblich sind, in dem sie mehrheitlich arbeiten. Bei Emilian wäre das also Dänemark, wo Chauffeure rund 2200 Euro bekommen. Doch Logistikfirmen nutzen Schlupflöcher in den Gesetzen aus. Emilian ist bei der slowakischen Tochter eines norwegischen Unternehmens angestellt, obwohl er noch nie dort gearbeitet hat. Zudem sind die Kontrollen lückenhaft.

Ikea zeigt sich angesichts der von der BBC aufgedeckten Fälle bestürzt. «Wir arbeiten seit 2005 mit klar definierten Regeln für Transportunternehmen hinsichtlich Mindestlohn, Arbeits- und Ruhezeiten oder auch Scheinselbstständigkeit. Wir führen regelmässig Prüfungen durch, um sicherzustellen, dass die Transportunternehmen in Einklang mit diesen Regeln operieren», erklärt Manuel Rotzinger, Sprecher von Ikea Schweiz. Letztes Jahr seien beispielsweise 174 Prüfungen bei Transportunternehmen und über 100 unangekündigte Interviews mit Fahrern durchgeführt worden.

Nicht in der Schweiz

Doch offenbar könne man auch mit diesen Massnahmen «Missbräuche nie zu 100 Prozent ausschliessen», sagt Ikea-Mann Rotzinger. «Wir nehmen solche Fälle aber zum Anlass, um Verbesserungsmassnahmen mit den betroffenen Unternehmen zu definieren.» Ganz neu müssen die Punkte für den schwedischen Möbelriesen allerdings nicht sein. Vergangenen Monat verurteilte ein niederländisches Gericht ein heimisches Transportunternehmen, weil es die Fahrer nicht nach niederländischen Ansätzen entlöhnte. Die Ukrainer, Moldauer und Polen fuhren für die Firma aus den Niederlanden zu Tiefstlöhnen Pflanzen für Ikea in Skandinavien aus.

In der Schweiz gebe es solche Missbräuche bei Ikea nicht, garantiert das Unternehmen. «Für Transporte innerhalb der Schweiz arbeiten wir ausschliesslich mit Schweizer Transportunternehmen zusammen», so Sprecher Rotzinger. Der schweizerische Lastwagen-Branchenverband Astag gibt Ikea Schweiz Support. Die Situation sei hierzulande anders als in der EU. «Ausländische Unternehmen dürfen keine Fracht von einem Punkt in der Schweiz zu einem anderen transportieren», sagt Sprecher André Kirchhofer. Kabotage-Verbot nennt man das im Jargon.

Gängige Praxis

In der Europäischen Union ist es dagegen erlaubt, mit ausländischen Fahrzeugen bis zu drei Inlandsfahrten im gleichen Land durchzuführen, nachdem man Fracht aus dem Ausland in dieses Land gebracht hat. Das zu kontrollieren, sei aber schwierig, so der Astag-Mann. Daher könne es auch zu den Auswüchsen kommen. Längst nicht nur Ikea setzt auf solche Unterlieferanten, viele andere Konzerne tun das auch. «Lohndumping wie im EU-Raum gibt es in der Schweiz in diesem Ausmass sicher nicht.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2017, 19:42 Uhr

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