«Kurz gesagt, alles ging gründlich schief»

Air Berlin wird selbst nach einem radikalen Schnitt nicht aus den Turbulenzen kommen, sagt Aviatik-Experte Jens Flottau.

In Zürich die Nummer zwei hinter Lokalmatador Swiss: Eine Air-Berlin-Maschine auf dem Rollfeld in Zürich. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Sie überrascht von den jüngsten Entwicklungen bei Air Berlin?
Nein, überhaupt nicht. Erstaunlich ist höchstens, dass es so lange dauerte bis zu diesem Schritt. Die Fluggesellschaft steckt in einer Dauerkrise. Die geplante Abtretung von 40 Maschinen inklusive Besatzung an die Lufthansa ist nur ein weiterer Rettungsversuch.

Wie geriet Air Berlin in solche Turbulenzen?
Die Airline hat als Ferienflieger angefangen und wollte sich zu einer Konkurrenz von Lufthansa mausern. Dafür wurden andere Gesellschaften zugekauft wie LTU oder TBA. Sie wurden aber nie richtig integriert. Kurz gesagt, alles ging gründlich schief. Das Unternehmen leidet unter schlechtem Management und hat mit Etihad einen Anteilseigner, der im Grunde nicht zu Air Berlin passt.

Sie sprechen das Geschäftsmodell an, das in der Kritik steht. Es sei ein Gemischtwarenladen ohne klaren Fokus, heisst es. Wie konnte es dazu kommen?
Das Management hat versucht, mit einer relativ kleinen Flotte von 140 Maschinen alles abzudecken, und sich dabei total verzettelt. Man hat gesagt, man sei ein Hybrid-Anbieter. Dabei war das nur eine nette Formulierung dafür, dass man eigentlich kein schlüssiges Konzept hatte.

Air Berlin ist am Tropf der Golf-Airline Etihad, die mit Petro-Dollars unterstützt wird. Weshalb lassen die Scheichs die Airline gerade jetzt hängen?
Etihad hat über 1 Milliarde Euro in Air Berlin gesteckt. Und die Ergebnisse der Airline wurden trotz aller Bemühungen nicht besser. Im Gegenteil. Es scheint, dass die Besitzer nun langsam die Geduld verlieren.

Air Berlin hat mit Etihad dieselben Eigentümer wie die Schweizer Airline Darwin, die heute unter dem Namen Etihad Regional fliegt. Die ursprünglich grossspurigen Flugpläne für die Schweiz mussten massiv eingedampft werden. Welche Parallelen sehen sie mit dem Fall Air Berlin?
Mit Air Berlin und Darwin sowie weiteren Beteiligungen hat Etihad versucht, sich einen Marktzugang für Europa zu verschaffen. Das ist grundsätzlich sinnvoll, nur hat man sich dafür die falschen Partner gesucht. Die Streckennetze passen überhaupt nicht zu Etihad.

Weshalb?
Etihad wollte die beiden Airlines als Zubringer einsetzen, um die eigenen Maschinen an den Drehkreuzen in Europa zu füllen. Etihad selbst fliegt in Deutschland nach Frankfurt, München und Düsseldorf. Air Berlin ist aber nur in Düsseldorf eine nennenswerte Grösse. Auf der Basis dieses Netzes konnte diese Zubringeridee gar nie funktionieren. Hinzu kommt, dass Etihad von Air Berlin und Darwin Strecken übernahm, auf denen die auch nie Geld verdienten.

In Zürich ist Air Berlin mit einem Marktanteil von knapp 6 Prozent die Nummer zwei hinter Swiss mit 55 Prozent. Was hätte ein Kahlschlag hier für Folgen?
Dass Lufthansa an Kapazitäten in Zürich Interesse haben könnte, schliesse ich aus. Die Perspektiven sind also noch völlig ungewiss. Allenfalls werden wir am Mittwoch mehr wissen. Dann wird die Entscheidung im Lufthansa-Verwaltungsrat fallen, ob die 40 Air-Berlin-Maschinen samt Besatzung geleast werden.

Aber hat die Strategie von Etihad mit dieser Zubringeridee überhaupt noch eine Zukunft?
Offen gesagt ist es unvorstellbar, wie dieses Modell durch Air Berlin je gewinnbringend betrieben werden soll. Die Kosten sind viel zu hoch.

Sehen wir jetzt also nur einen Zwischenschritt bis zum Grounding von Air Berlin?
Man sollte nie Prognosen zu Pleiten machen. Die Probleme sind aber tatsächlich riesig. Sie wären einzig zu lösen mit massiven Senkungen der Personalkosten, Lohnverzicht und Produktivitätssteigerungen. Zudem müssten endlich alle Piloten demselben Tarifvertrag unterstellt werden. Doch dann, das ist jetzt schon klar, treten die Piloten in den Streik. Und einen Streik könnte Air Berlin nie und nimmer durchstehen. Dafür fehlt das Geld.

Welche Szenarien gibt es sonst noch für Air Berlin?
Am naheliegendsten ist, dass die Krise sich fortsetzt bis zum Punkt, an dem weiteres Geld eingeschossen werden muss. Bis jetzt wurde immer wieder ein kreativer Weg gefunden, damit es weitergehen kann.

Der Preisdruck in der Fliegerei hat über die letzten Monate nochmals stark zugenommen. Wer gehört zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern?
Gewinner sind die Billig-Airlines, weil sie ihre Kosten im Griff haben. Schwierig haben es jene Gesellschaften, die jetzt viel Kapazitäten auf den Transatlantikstrecken haben. Denn dort beginnt der Preiskampf stärker zu werden.

Was heisst das für Swiss und ihre Mutter Lufthansa?
Der Druck nimmt zu. Es gab ja auch schon Gewinnwarnungen. Das sind aber Klagen auf hohem Niveau. Gerade die Swiss hat einen Heimmarkt mit treuer Kundschaft. Um ihn beneiden sie viele Konkurrenten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2016, 20:16 Uhr

Artikel zum Thema

Air Berlin plant 1000 Mitarbeiter zu entlassen

Die angeschlagene Fluggesellschaft will gemäss einem Zeitungsbericht kräftig schrumpfen. Gespräche mit Tui und Lufthansa sind bereits im Gange. Mehr...

Unsterbliche Überreste der Swissair

Die SAirGroup, wie der nationale Luftfahrtkonzern vor seiner Auflösung hiess, war ein Dickicht aus Beteiligungen und Tochterfirmen. Einige von ihnen behaupten sich bis heute. Mehr...

Die neue Wunderwaffe der Swiss gegen Easyjet und Co.

Als erste Fluggesellschaft der Welt besitzt Swiss jetzt eine Bombardier C-Series. 29 weitere folgen. Das moderne Flugzeug soll die expandierende Billigkonkurrenz in Schach halten. Mehr...

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kanzlerin und die Narren: Angela Merkel freut sich in Berlin über den eben erhaltenen Ehrenorden des Deutschen Karnevalbundes (23. Januar 2017).
(Bild: Hannibal Hanschke) Mehr...