Wirtschaft
Island bittet Moskau um einen Notkredit
Von Bruno Kaufmann, Stockholm. Aktualisiert am 08.10.2008
Pleiter Staat: Ein letztes Bier, denn die Party in Island ist für längere Zeit vorbei. (Bild: Michael Nagle/The New York Times/Redux/Laif)
«Viele Menschen werden nun sehr viel Geld verlieren», verkündigte gestern der isländische Ministerpräsident Geir Haarde in einer Fernsehrede an die Nation. Über Jahre hatten er und Zentralbankchef David Oddson den «typischen isländischen Unternehmergeist» der einheimischen Banker gewürdigt. Ihnen war nach der von der regierenden Unabhängigkeitspartei durchgesetzten Deregulierungs- und Privatisierungspolitik eine Expansion von grossem Ausmass ins Ausland geglückt.
Angeführt von der grössten isländischen Bank Kaupthing, die sich in diesem Jahr auch in der Schweiz mit hohen Sparzinsen zu positionieren versuchte, sorgte das «isländische Modell» – schnelle Entscheidungswege, hohe Risiken, grosse Gewinne – dafür, dass der Finanzsektor heute achtmal so gross ist, wie das Bruttoinlandprodukt des Landes. Das ging so lange gut, wie die äusseren Bedingungen der globalisierten Finanzmärkte funktionierten und das Vertrauen in die Investitionspolitik der Nordländer intakt war.
Allianz der Furchtlosen
Das Ungleichgewicht zwischen dem Ministaat – in Island leben nur 320'000 Menschen – und dem Mega-Bankensektor sorgte in den letzten Jahren wiederholt für Besorgnis. Als dann vor Jahresfrist in den USA der Immobilienmarkt in die aktuelle Krise zu schlittern begann, bekamen die isländischen Banken plötzlich Liquiditätsprobleme; die Krone verlor massiv an Wert, und die Hypozinsen schnellten in die Höhe.
Von einer Strukturkrise wollte Finanzminister Arni Matthiesen im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» allerdings nichts wissen: «Der isländische Finanzsektor steht auf grundsoliden Fundamenten», erklärte der bürgerliche Politiker und bezeichnete jegliche Aussichten auf eine Reregulierung als «Fantasiegebilde».
Diese Allianz aus furchtlosen Bankiers und neoliberalen Politikern hielt bis vorgestern: Dann brach der Traum vom grenzenlosen Globalisierungsgewinner, als der sich Island immer betrachtete, brutal zusammen.
Angesichts der Aussichten, künftigen Generationen einen gigantischen Schuldenberg zu überlassen, sprang die Staatsführung über ihren eigenen Schatten und liess das Parlament in einer nächtlichen Sondersession ein Notgesetz verabschieden, das es der Regierung gestern erlaubte, die totale Kontrolle über den Bankensektor zu übernehmen. Mit Landbanki und Glitnir wurden zudem gleich das zweit- und drittgrösste Finanzhaus des Landes verstaatlicht. Kaupthing erhielt eine Finanzspritze von einer halben Milliarde Euro.
Der Massnahmenkatalog gegen den – so Regierungschef Haarde – «drohenden Staatsbankrott» sieht nun vor, dass die Banken ihre Engagements im Ausland weitgehend aufgeben. Dies wird zur Veräusserung von Anteilscheinen und Immobilienbesitzen in dreistelliger Milliardenhöhe führen und den Kurs zahlreicher Firmen vornehmlich in Europa weiter schwächen. Um einen Notkredit gebeten hat das Nato-Mitgliedsland zudem ausgerechnet die russische Führung in Moskau. 4 Milliarden Euro soll das Regime von Ministerpräsident Wladimir Putin nach Island überweisen. Ob die russische Führung auf diese Anfrage einsteigt, war gestern Abend noch unklar.
Links-Grüne fordern den EU-Beitritt
Der verzweifelte Hilferuf nach Moskau ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die links-grünen politischen Kräfte in Island gestern offen einen EU-Beitritt forderten, mit dem auch der stabile Euro die isländische Krone, eine der kleinsten unabhängigen Währungen der Welt, ablösen könnte. Eine solche europapolitische Annäherung haben bislang die regierenden Konservativen strikte abgelehnt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.10.2008, 11:14 Uhr
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