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Er weiss, dass er wenig weiss

Von Hansjörg Müller. Aktualisiert am 07.05.2014 101 Kommentare

Einer der bedeutendsten Klimaforscher, der Schwede Lennart Bengtsson, ist ins Lager der Skeptiker übergelaufen. Auf die Klima-Debatte könnte sich dies wohltuend auswirken.

«Nur teilweise verstanden»: Der schwedische Klimaforscher Lennart Bengtsson mahnt zur Besonnenheit.

«Nur teilweise verstanden»: Der schwedische Klimaforscher Lennart Bengtsson mahnt zur Besonnenheit.

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Wie sich das Weltklima in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird und welchen Einfluss die Menschheit darauf hat, war bis vor wenigen Jahren noch eine Frage, die mit nahezu religiöser Inbrunst diskutiert wurde. Das heisst, diskutiert wurde eigentlich nicht, vielmehr erklärte eine der beiden Parteien die andere für unzurechnungsfähig: «Klimaleugner» wurden diejenigen geheissen, welche der Meinung waren, die Erderwärmung finde gar nicht statt oder gehe eventuell weniger rasch vonstatten als von den meisten Wissenschaftlern angenommen, und ausserdem sei nicht erwiesen, welchen Einfluss der Mensch darauf überhaupt habe.

Die Ähnlichkeit zwischen «Klimaleugner» und Holocaust-Leugner war gewollt: Wer vom weitherum herrschenden Konsens abwich, so sollte der Begriff insinuieren, sei ein Spinner, möglicherweise getrieben von sinistren Motiven. Vor allem aber, und darin bestand wohl das stärkste Argument der Klima-Alarmisten, waren Skeptiker selten Fachleute. Während Klimatologen und Meteorologen warnten und mahnten, handelte es sich bei denen, die beruhigten, häufig um Ökonomen. Als einer der führenden Köpfe auf Seiten der Skeptiker tat sich bezeichnenderweise ein Ex-Politiker hervor: Nigel Lawson, früherer Schatzkanzler Grossbritanniens und Mit-Initiant der Global Warming Policy Foundation (GWPF).

Tauwetter

Allmählich allerdings scheint das Eis zu tauen, wenn schon nicht an den Polkappen, so doch in der Debatte: Erstmals hat ein ausgewiesener Fachmann das Lager gewechselt. Der Schwede Lennart Bengtsson, Klimatologe, Meteorologe und früherer Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, ist dem wissenschaftlichen Beirat der GWPF beigetreten.

Nachdem seine Entscheidung bekannt wurde, sei Bengtsson bedroht worden, berichtet Lawson, was zeigt, welch emotionale Emissionen das Thema noch immer freisetzt. Die Begründung, die der 77-jährige Wissenschaftler für seinen Schritt anführt, kommt allerdings in staubtrockener Wissenschaftlerprosa daher: Die Beziehung zwischen Treibhausgasen und globaler Erwärmung sei «komplex und nur teilweise verstanden», schreibt Bengtsson in einem Gastbeitrag für die NZZ. Abgesehen davon sei die Klimaerwärmung «bis jetzt kein ernsthaftes Problem», das zeigten alle Beobachtungen. Wie sich das Klima in Zukunft entwickeln werde, könnten nur Modell­simulationen zeigen, und diese seien «problematisch».

Geklärt ist nichts

Bengtssons Fazit: «Es wäre falsch, aus dem Bericht des Weltklimarats und ähnlichen Berichten den Schluss zu ziehen, die Wissenschaft sei geklärt.» Vor diesem Hintergrund, so glaubt der Professor, sei es falsch, eine hastig vorbereitete Energiewende zu vollziehen.

Nach Altersradikalität tönen Bengtssons Thesen nicht, eher mahnt er seine Fachkollegen zu mehr Besonnenheit und Empirie. Für den Laien mag dies tröstlich sein, denn ihm erschien die Klima-Debatte seit langem schon als verworrene Angelegenheit. Nun gibt mit Bengtsson erstmals ein Experte zu, dass es ihm und seinesgleichen kaum besser ergeht: Wie sich das Weltklima in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird, bleibt reine Spekulation. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.05.2014, 11:57 Uhr

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101 Kommentare

Lutz Seifert

07.05.2014, 12:30 Uhr
Melden 214 Empfehlung 13

Es müsste eigentlich nur skeptische Wissenschafter geben! Wissenschafltliche Arbeit sollte das kritische Hinterfragen von Modellen und Theorien sein, und nicht das Produzieren von Bestätigungsfloskeln, damit Pfründe verteidigt werden können.
Und Glaube hat gar nichts verloren in diesem Kontext.
Antworten


Fritz Studer

07.05.2014, 12:07 Uhr
Melden 212 Empfehlung 45

Bengtsson dürfte nicht der Einzige bleiben. Die Hysterie macht nun allmählich besonnenerem Vorgehen Platz, und das ist gut so. Bleibt zu hoffen, dass das Ganze auch bei den Politikern ankommt. Antworten



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