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Abends heisst es Hände schrubben

Aktualisiert am 02.11.2011

Die Ansprüche an Velomechaniker sind gestiegen

<b>Läuft alles rund?</b> Raphael Hahn
(links) und Flavio Pereira halten
Velos in Schuss

Läuft alles rund? Raphael Hahn (links) und Flavio Pereira halten Velos in Schuss
Bild: Roland Schmid

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Wird das Velo geklaut, ist das äusserst ärgerlich. Für Velomechaniker und -händler jedoch kann die hohe Diebstahlrate sogar geschäftsschädigend wirken. Denn wer dauernd befürchten muss, sein Fahrrad werde gestohlen, schafft sich eher ein Occasionsvelo an. Kein Wunder, klemmen auf den Montageständern in der Werkstatt des Gellert Veloteams an der Basler Sevogelstrasse nicht nur die neusten Flitzer, sondern auch bequeme Drahtesel, die ihre beste Zeit hinter sich haben.
Die beiden Geschäftsführer David Ryser und Michael Pestalozzi fingen vor acht Jahren mit einem kleinen Laden an. Heute schrauben in der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum vier Personen an den Velos, wechseln Reifen, überprüfen Bremsen, stellen Gänge nach und zentrieren Räder, die einen Schlag abbekommen haben.
Während Michael Pestalozzi (52) für Administration und Buchhaltung verantwortlich zeichnet, kümmert sich David Ryser (43) um die technische Ausbildung der Lehrlinge. Neben dem Angestellten Ramon Höfler (21) ist Raphael Hahn (17) gerade mit einem 15 Jahre alten Velo beschäftigt, das bei einem Unfall einige Dellen abbekommen hat. Das Tretlager muss ersetzt werden, doch das benötigte Modell wird längst nicht mehr produziert. Also müssen die Mechaniker improvisieren und extra ein neues Lager anfertigen lassen.
Raphael Hahn ist bereits im dritten Lehrjahr, der zweite Lehrling, Flavio Pereida, im ersten. Beide bringen mit, was es für den Beruf des Zweiradmechanikers unbedingt braucht: Leidenschaft fürs Velo. Während Hahn nach Feierabend und an den Wochenenden Stunts auf dem BMX trainiert, ist Pereida lieber mit dem Mountainbike unterwegs.

Handwerkliches Geschick
Doch David Ryser ist es nicht nur wichtig, dass seine Lehrlinge velosportlich interessiert sind. Während der Schnupperlehre von Flavio testete der Co-Chef beispielsweise dessen Auffassungsgabe und handwerkliches Geschick. «Das muss nichts Kompliziertes sein», sagt Ryser. Ein Reifenwechsel zeige hervorragend, wie jemand an eine neue Aufgabe herangeht. Zudem fallen im typischen Werkstattalltag meist Aufgaben an, die kein Ingenieursstudium verlangen: Die Bremse nachstellen, Kabel ersetzen oder andere kleine Servicereparaturen nehmen die meiste Zeit in Anspruch.

Spannende Problemsuche
Trotzdem geben die Mechaniker lachend zu, dass ein anspruchsvollerer Gabel- oder Dämpferservice am Mountainbike mehr Spass machen würde. «Und richtig interessant wirds, wenn etwas nicht funktioniert und wir die Ursache des Problems erst herausfinden müssen», sagt Ryser. Es ist beim Zweiradmechaniker also wie mit anderen Jobs auch: Die Abwechslung machts.
In der Werkstatt herrscht rege Arbeitsatmosphäre. Ramon hämmert auf einem Metallteil herum, im Radio läuft DRS 3. Und wenn jemand bei einer Reparatur ansteht, fragt er rasch die Kollegen. Jeder hat einen eigenen Arbeitsplatz mit dem dazugehörigen Werkzeug. Dazu gehören neben unverzichtbaren Inbusund Maulschlüsseln sowie Reifenhebern auch Schraubenzieher.
Spezialwerkzeug wird beispielsweise benötigt, wenn eine Scheibenbremse entlüftet oder ein Lager eingestellt werden muss. Was die technischen Finessen der neuen Velos angeht, habe sich viel geändert, so Ryser. «Das ist komplett anders als zu meiner Lehrzeit.» Federgabel, Scheibenbremse und 21 Gänge erfordern von den Auszubildenden heute viel mehr Können und technisches Verständnis als das Fünfgangvelo, das zu Rysers Lehrzeit noch Standard war.
Besonders viel zu tun haben die Mechaniker im Frühling, wenn die Velosaison beginnt und die Kundschaft wieder ihre Räder aus dem Keller holt. Doch in den letzten Jahren verlief die Kurve nicht mehr ganz so steil, zumal in der Velostadt Basel, sagt Ryser: «Es gibt immer mehr Menschen, die auch im Winter lieber aufs Velo steigen, als aufs Tram zu warten.» Das sind jene Routiniers, die nicht nur ihr altes Gefährt regelmässig zum Service abgeben, sondern auch alle paar Jahre einen neuen Flitzer kaufen.

Ein-Gang-Räder und Fixies
Das Gellert-Veloteam hat sich auf City- und Rennvelos sowie Mountainbikes spezialisiert, die hier Probe gefahren werden können. Auch ein Ein-Gang-Rad oder Fixie präsentiert sich im Schaufenster. Selbst Elektrovelos stehen zum Verkauf, wenngleich Ryser festgestellt hat, dass Velo- und Elektrovelofahrer nicht unbedingt die gleiche Zielgruppe sind: «Ein Elektrovelo ist dann sinnvoll, wenn jemand grössere Strecken zurücklegt und aufs Auto verzichten will. Aber zusätzlich zu einem schnellen Velo macht ein EBike weniger Sinn.»
Die Kundenberatung sei ein zentraler Teil seines Berufs, sagt Michael Pestalozzi. Und dank dem internationalen Publikum habe man darüber hinaus oft die Möglichkeit, Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden. «Unser Ziel ist es, jeden Stammkunden mit Namen zu kennen und jedes noch so kleine Problem ernst zu nehmen.»

Meisterprüfung und dann?
Im Lehrplan der beiden Lehrlinge kommt Verkauf nur am Rande vor. Auch betriebswirtschaftliche Grundlagen sind in der Ausbildung nicht zentral. Zwar wird praktisch gelernt, das Ersatzteillager zu bewirtschaften und Bestellungen aufzugeben. Doch wie man sich selbstständig macht, erfahren die Auszubildenden in der Schule nicht. Learning by doing, heisst bei diesem Thema die Devise.
Die überzeugten Velobotschafter Ryser und Pestalozzi schätzen die Aussichten für Velomechaniker und -händler als vielversprechend ein – nicht zuletzt wegen der steigenden Energiepreise. Zudem können Zweiradmechaniker eine Meisterprüfung ablegen und ein eigenes Geschäft eröffnen. Man muss jedoch in Kauf nehmen, dass die Hände abends von Kettenschmiere, Öl und Dreck ziemlich schwarz sind. Flavio Pereida stört das kein bisschen: «Es dauert zwar ein bisschen, aber abends habe ich wieder saubere Hände.»

Erstellt: 01.11.2011, 14:14 Uhr

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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.