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Abends heisst es Hände schrubben
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Wird das Velo geklaut, ist das äusserst
ärgerlich. Für Velomechaniker
und -händler jedoch kann die hohe
Diebstahlrate sogar geschäftsschädigend
wirken. Denn wer dauernd
befürchten muss, sein Fahrrad werde
gestohlen, schafft sich eher ein
Occasionsvelo an. Kein Wunder,
klemmen auf den Montageständern
in der Werkstatt des Gellert Veloteams
an der Basler Sevogelstrasse
nicht nur die neusten Flitzer, sondern
auch bequeme Drahtesel, die
ihre beste Zeit hinter sich haben.
Die beiden Geschäftsführer
David
Ryser und Michael Pestalozzi
fingen vor acht Jahren mit einem
kleinen Laden an. Heute schrauben
in der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum
vier Personen an den Velos,
wechseln Reifen, überprüfen
Bremsen, stellen Gänge nach und
zentrieren Räder, die einen Schlag
abbekommen haben.
Während Michael Pestalozzi
(52) für Administration und Buchhaltung
verantwortlich zeichnet,
kümmert sich David Ryser (43) um
die technische Ausbildung der Lehrlinge.
Neben dem Angestellten Ramon
Höfler (21) ist Raphael Hahn
(17) gerade mit einem 15 Jahre alten
Velo beschäftigt, das bei einem
Unfall einige Dellen abbekommen
hat. Das Tretlager muss ersetzt werden,
doch das benötigte Modell wird
längst nicht mehr produziert. Also
müssen die Mechaniker improvisieren
und extra ein neues Lager anfertigen
lassen.
Raphael Hahn ist bereits im dritten
Lehrjahr, der zweite Lehrling,
Flavio Pereida, im ersten. Beide bringen
mit, was es für den Beruf des
Zweiradmechanikers unbedingt
braucht: Leidenschaft fürs Velo.
Während Hahn nach Feierabend
und an den Wochenenden Stunts
auf dem BMX trainiert, ist Pereida
lieber mit dem Mountainbike unterwegs.
Handwerkliches Geschick
Doch David Ryser ist es nicht nur
wichtig, dass seine Lehrlinge velosportlich
interessiert sind. Während
der Schnupperlehre von Flavio testete
der Co-Chef beispielsweise dessen
Auffassungsgabe und handwerkliches
Geschick. «Das muss nichts
Kompliziertes sein», sagt Ryser. Ein
Reifenwechsel zeige hervorragend,
wie jemand an eine neue Aufgabe
herangeht. Zudem fallen im typischen
Werkstattalltag meist Aufgaben
an, die kein Ingenieursstudium
verlangen: Die Bremse nachstellen,
Kabel ersetzen oder andere kleine
Servicereparaturen nehmen die
meiste Zeit in Anspruch.
Spannende Problemsuche
Trotzdem geben die Mechaniker
lachend zu, dass ein anspruchsvollerer
Gabel- oder Dämpferservice am
Mountainbike mehr Spass machen
würde. «Und richtig interessant
wirds, wenn etwas nicht funktioniert
und wir die Ursache des Problems
erst herausfinden müssen», sagt Ryser.
Es ist beim Zweiradmechaniker
also wie mit anderen Jobs auch: Die
Abwechslung machts.
In der Werkstatt herrscht rege
Arbeitsatmosphäre. Ramon hämmert
auf einem Metallteil herum, im
Radio läuft DRS 3. Und wenn jemand
bei einer Reparatur ansteht,
fragt er rasch die Kollegen. Jeder hat
einen eigenen Arbeitsplatz mit dem
dazugehörigen Werkzeug. Dazu gehören
neben unverzichtbaren Inbusund
Maulschlüsseln sowie Reifenhebern
auch Schraubenzieher.
Spezialwerkzeug wird beispielsweise
benötigt, wenn eine Scheibenbremse
entlüftet oder ein Lager eingestellt
werden muss. Was die technischen
Finessen der neuen Velos
angeht, habe sich viel geändert, so
Ryser. «Das ist komplett anders als
zu meiner Lehrzeit.» Federgabel,
Scheibenbremse und 21 Gänge erfordern
von den Auszubildenden
heute viel mehr Können und technisches
Verständnis als das Fünfgangvelo,
das zu Rysers Lehrzeit noch
Standard war.
Besonders viel zu tun haben die
Mechaniker im Frühling, wenn die
Velosaison beginnt und die Kundschaft
wieder ihre Räder aus dem
Keller holt. Doch in den letzten Jahren
verlief die Kurve nicht mehr ganz
so steil, zumal in der Velostadt Basel,
sagt Ryser: «Es gibt immer mehr
Menschen, die auch im Winter lieber
aufs Velo steigen, als aufs Tram zu
warten.» Das sind jene Routiniers,
die nicht nur ihr altes Gefährt
regelmässig
zum Service abgeben,
sondern auch alle paar Jahre einen
neuen Flitzer kaufen.
Ein-Gang-Räder und Fixies
Das Gellert-Veloteam hat sich
auf City- und Rennvelos sowie
Mountainbikes spezialisiert, die hier
Probe gefahren werden können.
Auch ein Ein-Gang-Rad oder Fixie
präsentiert sich im Schaufenster.
Selbst Elektrovelos stehen zum Verkauf,
wenngleich Ryser festgestellt
hat, dass Velo- und Elektrovelofahrer
nicht unbedingt die gleiche Zielgruppe
sind: «Ein Elektrovelo ist
dann sinnvoll, wenn jemand grössere
Strecken zurücklegt und aufs Auto
verzichten will. Aber zusätzlich zu
einem schnellen Velo macht ein EBike
weniger Sinn.»
Die Kundenberatung sei ein zentraler
Teil seines Berufs, sagt Michael
Pestalozzi. Und dank dem internationalen
Publikum habe man darüber
hinaus oft die Möglichkeit,
Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden.
«Unser Ziel ist es, jeden
Stammkunden mit Namen zu kennen
und jedes noch so kleine Problem
ernst zu nehmen.»
Meisterprüfung und dann?
Im Lehrplan der beiden Lehrlinge
kommt Verkauf nur am Rande
vor. Auch betriebswirtschaftliche
Grundlagen sind in der Ausbildung
nicht zentral. Zwar wird praktisch
gelernt, das Ersatzteillager zu bewirtschaften
und Bestellungen aufzugeben.
Doch wie man sich selbstständig
macht, erfahren die Auszubildenden
in der Schule nicht. Learning
by doing, heisst bei diesem
Thema die Devise.
Die überzeugten Velobotschafter
Ryser und Pestalozzi schätzen die
Aussichten für Velomechaniker und
-händler als vielversprechend ein –
nicht zuletzt wegen der steigenden
Energiepreise. Zudem können Zweiradmechaniker
eine Meisterprüfung
ablegen und ein eigenes Geschäft eröffnen.
Man muss jedoch in Kauf nehmen,
dass die Hände abends von Kettenschmiere,
Öl und Dreck ziemlich
schwarz sind. Flavio Pereida stört das
kein bisschen: «Es dauert zwar ein
bisschen, aber abends habe ich wieder
saubere Hände.»
Erstellt: 01.11.2011, 14:14 Uhr
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






