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Ein Leben in Glanz und Einsamkeit

Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 12.10.2011 6 Kommentare

Der 17-jährige Mexikaner Andrew Alexi Almazán gehört zu den intelligentesten Menschen der Welt. Er steht kurz vor seinem zweiten Hochschulabschluss.

Er hat einen IQ von 163, mindestens: Andrew Alexi Almazán.

Er hat einen IQ von 163, mindestens: Andrew Alexi Almazán.
Bild: Keystone

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Die Mutter des Genies erinnert sich nicht mehr genau, wann sie seine Genialität zum ersten Mal erkannt hat – aber dass ihr Sohn anders war als die übrigen Kinder, merkte sie früh. «Andrew begann zu sprechen, bevor er ein Jahr alt war», sagt Dunia Anaya. Er habe schon als Kleinkind ein unbändiges Interesse an anatomischen Modellen gezeigt und Stunden damit verbracht, sie auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Nie habe er ferngesehen.

Mit zweieinhalb Jahren entdeckte er seine Liebe für Bachs Brandenburgische Konzerte, ebenso wie für Vivaldi, Mozart und Chopin. Noch bevor er lesen konnte, wusste er sämtliche Hauptstädte der Welt auswendig. Und kannte die Namen sämtlicher Knochen des menschlichen Skeletts. Aus historischem Interesse bastelte er Puppen, die grosse Figuren der Weltgeschichte darstellten, etwa Napoleon oder den spanischen Eroberer Hernán Cortés. Seine Mutter sagt: «Wer ein hochtalentiertes Kind hat, ist in einer ähnlichen Situation wie die Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom. Die Schule, die Beziehung zu Gleichaltrigen, zum Rest der Familie – alles ist anders. In beiden Fällen müssen die Eltern lernen, dass ihr Kind nur auf seine eigene, ganz spezielle Weise glücklich werden kann.»

Psychologie studiert

Dunia Anaya sitzt im Büro des Zentrums zur Förderung des Talents in Mexico City – der einzigen Institution des Landes, in der hochbegabte Kinder gefördert werden, an einem Nachmittag pro Woche. Andrew Alexi Almazán ist noch an der Medizinischen Fakultät, sollte aber gleich hier sein. Der knapp 17-jährige besitzt einen Hochschulabschluss in Psychologie und steht kurz davor, das Medizinstudium zu beenden.

Rund zwei Prozent der Weltbevölkerung besitzen einen IQ von über 130, und unter dieser internationalen Elite der Gescheiten nimmt Andrew eine Spitzenposition ein. Als er seinen IQ mit 14 Jahren zum letzten Mal messen liess, erreichte er einen Wert von 163. Heute dürfte er noch höher liegen, denn den persönlichen Gipfel der Intelligenz erklimmt der Mensch mit 17 oder 18 Jahren – zumindest jener Art von Intelligenz, die sich in standardisierten Tests messen lässt. Sein Vater ist Arzt und erreicht auch mehr als 130 Punkte, genauso wie seine beiden jüngeren Schwestern. Die Mutter – sie hat einen Doktor in Philosophie und einen Abschluss als Pädagogin – hat ihren IQ noch nie testen lassen.

«Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass Andrew glücklich ist», sagt Dunia Anaya. Das war jahrelang anders. In der Primarschule war der hochbegabte Junge als Streber und Wichtigtuer verschrien. Er nervte die Lehrer, weil er ständig Fragen stellte, die deren Wissen sprengten – oder weil er sie auf Fehler hinwies. Den Unterricht empfand er als quälend langweilig. Andrews Gehirn war eine auf Hochtouren laufende Maschine, die viel zu wenig Schmiermittel erhielt und zu explodieren drohte. Er war ständig unruhig, rief dazwischen, scharrte, schwatzte, nervte. Kein anderes Kind hatte Lust, mit ihm zu spielen.

Fehldiagnose

Die Schulpsychologen hatten für sein Verhalten eine Diagnose aus vier Buchstaben bereit: ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Dieselbe Diagnose haben fast alle Kinder erhalten, die heute das Zentrum zur Förderung des Talents besuchen. Andrew hatte das Glück, dass seine Eltern aufgrund ihrer beruflichen Ausbildung erkannten, wie falsch die Psychologen lagen. Noch vor seinem zehnten Geburtstag nahmen sie Andrew aus der Schule. Fortan lernte er zu Hause. Wenn er Hilfe brauchte – was selten der Fall war –, fragte er die Eltern. Binnen dreier Jahre bewältigte er den Primar-, Sekundar- und Gymnasialstoff. Es war ein Lernen in Glanz und Einsamkeit. «Andrew war schon einsam, als er noch zur Schule ging. Beim Lernen zu Hause wurde er wenigstens nicht gequält und gehänselt», sagt seine Mutter.

Als Zwölfjähriger begann er das Studium der Psychologie. Das mexikanische Schulsystem sieht zwar so gut wie keine Förderung Hochbegabter vor, doch ist es problemlos möglich, individuell und fern vom Klassenzimmer zu lernen. Wer in einer Prüfung nachweist, dass er den Soff beherrscht, hat die jeweilige Schulstufe bestanden, unabhängig von seinem Alter.

Die Schweiz funktioniert anders

Laut Susanne Heer, die der Geschäftsleitung der privaten Hochbegabtenschule Talenta angehört, wäre eine schulische Blitzkarriere wie jene von Andrew Almazán in der Schweiz undenkbar: «Der bürokratische Aufwand, damit ein Schweizer Kind mehrere Klassen überspringen kann, ist enorm. Dazu braucht es unzählige Tests. Schulpflege und Heilpädagogen müssen einverstanden sein. Im Kanton Aargau war einmal sogar die Erlaubnis des Regierungsrats nötig. So vergehen Jahre.»

Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich teilt auf Anfrage mit: «Kinder können im Kanton Zürich grundsätzlich nicht einfach zu Hause unterrichtet werden. Es gibt jedoch die Möglichkeit von Privatunterricht. Der Unterricht zu Hause ist unter anderem an die Bedingung geknüpft, dass er von einer Person mit abgeschlossener Lehrausbildung erteilt wird, wenn er länger als ein Jahr dauert.» Der Bildungsdirektion ist kein Fall bekannt, in dem ein Hochbegabter in Zürich zu Hause gelernt hätte. Es bestehe auch keine Möglichkeit, das ausserhalb der Schule erworbene Wissen durch eine standardisierte Prüfung zu belegen.

Dann steht der Junge, den die einheimischen Medien stolz «Das mexikanische Wunderkind» nennen, in der Tür. Er trägt einen Ärztekittel. Nach dem Gespräch wird er in einem medizinischen Labor an einem Projekt zur Diabetes-Forschung mitarbeiten. Er spricht schnell – vielleicht, weil er wenig Zeit hat, vielleicht aus Gewohnheit. Jedenfalls liegt die Kadenz der Silben nahe an der Grenze zur Unverständlichkeit.

Bereits ein Buch geschrieben

«Ich bin übrigens keine Bücherratte. Ich spiele Klavier und Eishockey und habe den schwarzen Gurt in Taekwondo», sagt Andrew Almazán. Er könnte weitere Erfolge aufzählen, lässt es aber bleiben – sei es aus Bescheidenheit oder weil er eigentlich bereits im Diabetes-Forschungslabor sein sollte: Mit zwölf Jahren hat er vor 10'000 Zuhörern eine Rede zum Thema «Haben Kinder und Jugendliche eine soziale Pflicht?» gehalten. Er ist schon mehrmals von Staatspräsident Felipe Calderón gewürdigt worden. In einigen Wochen erscheint sein erstes Buch, in dem er das Leben eines hochbegabten Kindes schildert.

Er habe gelernt, andere nicht zu überfahren oder blosszustellen – zum Beispiel verzichte er konsequent darauf, seine Professoren auf Fehler hinzuweisen. Seit er an der Universität sei, habe er durchaus Bekannte. Das Wort Freund benutzt er nicht. Auf die Frage, ob er sich mit normal begabten Menschen überhaupt über alltägliche Dinge unterhalten könne, antwortet er mit einem entschiedenen Ja – um wenig später zu erwähnen, dass alle seine Bekannten ebenfalls hochbegabt seien oder als Forschungsassistenten an der Universität arbeiten. Oder beides. Eine Freundin habe er nicht. Sich zu verlieben und zu heiraten, komme in seinem Lebensplan erst vor, wenn er fünfundzwanzig sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2011, 11:57 Uhr

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6 Kommentare

Nathalia Rothenberge

12.10.2011, 15:50 Uhr
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Immer sobald man anders als die Masse ist, ist man aussenseiter. Kenne das selber nur zu gut, aber nicht wegen dem IQ. Was ich in solchen Berichten immer krass finde, was hat eine Freundin bitte mit seinem IQ zu tun? Ist es Pflicht, mit 18 schon 10 Partner zu kennen? Dies kann man im Leben nicht direkt steuern. Lasst doch solche Menschen leben, wie sie es für richtig halten. Antworten


Olivia Moone

12.10.2011, 14:45 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Zum Glück hatte ich eine Primarlehrerin, die mich mit Extrastoff fütterte und Eltern, die mir einen Museumspass und eine Bibliokarte ausrüsteten, so dass ich mir alles Extrawissen (8 Sprachen bis zur Maturreife, Wirtschaft, Philosophie etc.) selbst anlesen konnte. Die Schulzeit war didaktisch pure Verschwendung, aber sozial sehr lehrreich. Intelligenz bringt nichts, wenn man asozial ist. Antworten



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