Wissen
Darwin revolutionierte nicht allein die Welt
Von Martin Amrein. Aktualisiert am 06.01.2009
Darwin hielt uns den Spiegel vor: Menschen und Affen haben gemeinsame Vorfahren.
Buchtipp
Peter J. Bowler: Evolution, University of California Press, 2003.
Janet Browne: Über Charles Darwin – die Entstehung der Arten, dtv, 2007.
Die Evolutionstheorie von Charles Darwin räumte mit dem göttlichen Schöpfer endgültig auf. Darwins These lautete, dass die Lebewesen der Erde über Jahrtausende in einem natürlichen Prozess entstanden sind. Nicht alle Mitglieder der viktorianischen Gesellschaft konnten diese Neuigkeiten gut verkraften. Die Frau des Bischofs von Worcester soll aufgeschreckt sein, als sie von der Evolutionstheorie hörte: «Vom Affen abstammen? Meine Güte, lass uns hoffen, dass dies nicht stimmt. Und wenn doch, lass uns beten, es werde nicht allgemein bekannt!»
Doch Darwins Theorie wurde bekannt. So bekannt, dass man später sogar von einer darwinschen Revolution zu sprechen begann. Sie war es, die den Menschen als Krone der Schöpfung von seinem selbst errichteten Sockel stiess. Darwins Theorie - ihre Veröffentlichung liegt nun 150 Jahre zurück - war aber nicht der alleinige Grund für diesen Umsturz: Die darwinsche Revolution hatte schon begonnen, bevor der englische Naturforscher überhaupt das Licht der Welt erblickte.
Als Folge der kopernikanischen Wende hatten Galileo, Kepler und Newton schon im 17. Jahrhundert ein kosmologisches Weltbild konstruiert, in dem die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt unseres Sonnensystems bildete. Inspiriert durch die Leistungen dieser Denker entwickelte sich ein Aufschwung von Wissenschaften, die nicht nur die Erde selber, sondern auch deren Lebewesen mit mechanischen Begrifflichkeiten beschreiben wollten.
Auf der Arche Noah
Bald wurde klar, dass viele Naturbeobachtungen schwer mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in Einklang zu bringen waren. Fossilien zeugten von Zeitaltern, in denen andere Lebewesen existiert hatten als heute. Erst schien eine Aussöhnung mit der Bibel noch möglich: Bei den ausgestorbenen Tieren hätte es sich ja um die bedauernswerten Geschöpfe handeln können, die es nicht mehr auf Noahs Arche geschafft hatten. Doch je genauer Naturalisten die fossilen Ablagerungen betrachteten, desto komplexer schienen sie. Durch einen einzelnen Katastrophenfall, wie die biblische Flut, liessen sie sich nicht erklären.
Naturalisten und Philosophen der Aufklärung hörten auf, die Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. «Es ist die Ansicht der Gelehrten, dass der Erdball und alles, was geboren wurde, in regelmässiger Gestalt aus den Händen der Natur hervorgegangen ist», schrieb Leibniz schon 1691. Laut seiner eigenen Theorie war die Erde einstmals ein Stern, dessen Erkaltungsprozess die Gebirge auf natürliche Weise entstehen liess.
Vierzig Jahre zuvor hatte James Ussher, ein irischer Bischof, noch verkündet, die Welt sei bei einem einzelnen Schöpfungsakt 4004 v. Chr. entstanden. Seine Berechnungen basierten auf den Stammbäumen der Patriarchen im Alten Testament. Bis heute berufen sich Kreationisten auf die Angaben des Bischofs (siehe Kasten unten links). Dabei zeigten Geologen bereits um 1800, dass Usshers Schätzungen dem hohen Alter der Erde keinesfalls gerecht werden; bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hielt kaum ein Gebildeter die biblische Zeitskala noch für haltbar.
Als Charles Darwin 1809 zur Welt kam, waren die ersten modernen Evolutionstheorien schon im Umlauf: Erasmus Darwin (der Grossvater von Charles) und Jean-Baptiste de Lamarck hatten ihre Thesen zur Wandelbarkeit der Arten veröffentlicht, Ersterer sogar in Versform. Ihre Theorien waren aber zu wenig ausgereift, um breit diskutiert oder gar akzeptiert zu werden.
Ein anonymer Kassenschlager
Noch herrschte ein naturtheologisches Weltbild vor. Das viktorianische England nahm die Bibel zwar nicht mehr wörtlich, hinter der belebten Welt vermutete es aber einen göttlichen Baumeister. In diese Idylle platzte 1844 eine Bombe: Die «Natürliche Geschichte der Schöpfung» - ein von evolutionistischem Geist durchdrungenes Buch, das erst noch anonym erschien. In süffigem Stil beschrieb es die Entwicklung des Lebens auf der Erde.
Obwohl es dem Werk an wissenschaftlicher Substanz mangelte, wurde es zum Renner auf dem Buchmarkt. Es konnte mit den beliebtesten Romanen mithalten, war Thema auf der Strasse, in den Zeitungen und im Salon. Gleichzeitig verachteten es profilierte Wissenschaftler: «Das Buch könnte gut von einer Frau geschrieben sein», meinte Adam Sedgwick, Geologieprofessor in Cambridge. So sehr fehle es ihm an Sachkenntnis, so ungenau und streitsüchtig sei es. Doch war keine Frau für das ketzerische Werk verantwortlich, sondern Robert Chambers, ein schottischer Journalist.
Zu dieser Zeit hatte Charles Darwin - eben von einer fünfjährigen Forschungsreise zurückgekehrt - seine Evolutionstheorie bereits entwickelt. Gegenüber der «Natürlichen Geschichte» hatte er gemischte Gefühle: Einerseits befürchtete er, das Buch könnte ihm die Schau stehlen, andererseits schätzte er es, denn es gewöhnte die Leute an das Thema der Entwicklung der Natur. Noch zögerte Darwin mit der eigenen Publikation. Er wollte nicht, dass er wie Chambers von der Wissenschaftselite zerrissen wird. Erst nachdem Darwin weitere Belege für seine Theorie gesammelt hatte, veröffentlichte er im November 1859 sein Hauptwerk «Über die Entstehung der Arten».
Gegen religiösen Starrsinn
Seine Qualität übertraf diejenige der «Natürlichen Geschichte» bei weitem: Darwins Buch war vollgepackt mit klaren wissenschaftlichen Beweisen. Selbst Naturalisten, die bisher die Wandelbarkeit der Arten noch kategorisch ausgeschlossen hatten, fanden Gefallen daran. «Das Buch ist ein wunderbares Gefüge von Fakten und Beobachtungen», schrieb der alteingesessene und religiöse Botanikprofessor John Stevens Henslow.
Und doch war es nicht allein der wissenschaftliche Gehalt von Darwins Buch, der in den folgenden Jahren dazu führte, dass sich die Idee der Evolution bei Gelehrten, wie auch einfachen Leuten allmählich durchsetzte. Die junge Wissenschaftsgarde, nicht der menschenscheue Darwin, setzte sich öffentlich für den Evolutionsgedanken ein. An vorderster Front Thomas Henry Huxley, der mit seiner Wortgewandtheit entscheidend zum Sieg der Wissenschaft über religiöse Sturheit beitrug.
Als der Bischof von Oxford an einem Vortrag die Evolutionstheorie tadelte, fragte er Huxley, ob jener in der grossväterlichen oder der grossmütterlichen Linie von einem Affen abstamme. Daraufhin entkräftete der junge Biologe die anatomischen Argumente des Bischofs und ergänzte: «Lieber hätte ich einen Affen zum Grossvater, als einen Mann, der all seine Begabung in der blossen Absicht gebraucht, eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion ins Lächerliche zu ziehen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2009, 15:23 Uhr
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





