Wissen

Auf der Titanic wurde gesungen, auf der Lusitania gekämpft

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 05.03.2010 5 Kommentare

Forscher untersuchten das Verhalten von Passagieren bei zwei Schiffskatastrophen und fanden heraus: Die Untergänge der Passagierdampfer Lusitania und Titanic unterscheiden sich beträchtlich.

Dramatisch: zeitgenössische Zeichnung des Untergangs der Lusitania.

Kanadische Marine

Der zweite Offizier Charles Lightoller hatte einen Revolver in der Tasche. Zusammen mit weiteren Mannschaftsmitgliedern schirmte er das letzte Rettungsboot, Notboot D, ab. Noch immer waren Hunderte Menschen an Bord. Der Bug der Titanic war bereits im Meer eingetaucht. Es war die Nacht zum 15. April 1912. Die Crew rechnete mit Tumulten. Doch der Kampf ums Überleben blieb aus. Wie vom Kapitän Edward John Smith befohlen, nahmen nur Frauen und Kinder Platz im letzten, um 2.05 Uhr schaukelnd zu Wasser gelassenen Rettungsboot. 1517 von den insgesamt 2207 Menschen an Bord ertranken.

Das gesittete Verhalten an Bord der sinkenden Titanic widerspricht den Annahmen von Ökonomen. «Es hat mich gewundert, dass die Menschen nicht um ihr Überleben gekämpft haben», sagt Bruno Frey von der Universität Zürich. Die Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass Menschen sich rational und eigennützig verhalten - besonders in Extremsituationen. Frey hat zusammen mit Kollegen erforscht, unter welchen Umständen Menschen dem natürlichen Instinkt, das eigene Überleben zu sichern, folgen und wann die sozialen Normen überwiegen, beispielsweise die Devise, Frauen und Kinder zuerst zu retten.

Chaos auf der Lusitania

Das Forscherteam verglich den Untergang der Titanic mit einem nur drei Jahre später erfolgten ebenso tragischen Schiffsunglück («PNAS online»). Die Lusitania stach am 1. Mai 1915 in New York in See. Das Passagierschiff sei schneller als ein Torpedo, hiess es. Das Ziel Liverpool erreichte der Dampfer nie. Sechs Tage später versenkte ein deutsches U-Boot das Passagierschiff in britischen Gewässern.

Die Reisenden sassen beim Mittagessen, als die Explosion das Schiff zerriss. Die Lusitania lief sofort voll Wasser. Chaotische Szenen spielten sich ab. Die Menschen kämpften verzweifelt um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten. 1313 Menschen von den insgesamt 1949 Passagieren und Mannschaftsmitgliedern kamen um.

«Wir hatten in beiden Fällen aussergewöhnlich viele Daten, die wir analysieren konnten», sagt Frey, der mit seinen Kollegen auf Passagierlisten und Untersuchungsberichte zurückgreifen konnte. Das habe man bei anderen Unglücken, etwa wenn ein Fährschiff in Asien untergeht, nicht. Da sei nicht einmal bekannt, wie viele Leute auf den Schiffen waren. Das Team berechnete anhand der historischen Aufzeichnungen, dass Passagiere im Alter zwischen 16 und 35 Jahren die grössten Chancen hatten, die Unglücke zu überleben - bei der Titanic waren es hauptsächlich Frauen in diesem Alter. «Wir konnten die Daten von Überlebenden sogar nach Nationen aufschlüsseln», so Frey. Dabei bestätigte sich das Bild des «britischen Gentleman», der galant anderen den Vortritt liess: «Es überlebte ein höherer Anteil an Amerikanern als Briten den Untergang der Titanic.»

Schlüsse ziehen für Finanzkrise

Doch was ist der Grund für das entgegengesetzte Verhalten der Menschen an Bord beider Unglücksschiffe? Der Unterschied könnte die Zeit gewesen sein, in der die Schiffe sanken, vermuten die Wirtschaftswissenschaftler. Die Lusitania ging in nur 18 Minuten unter. In dieser Situation scheint der Fluchtimpuls zu dominieren. Die Titanic versank hingegen während 2 Stunden und 40 Minuten. «Die Menschen hatten genug Zeit, um sich an die sozialen Normen zu erinnern», sagt Frey.

Man könne zwar die aus den Schiffsunglücken erhaltenen Erkenntnisse nicht direkt auf die Wirtschaft übertragen, so der Ökonom. Aber vielleicht könne man Schlüsse ziehen auf Extremsituationen, die das wirtschaftliche Gefüge belasten wie die Finanzkrise oder ein Börsencrash.

Gerade an der Börse kann es zu plötzlichen Veränderungen kommen. Und da sei die Gefahr, so Bruno Frey, durchaus vorhanden, dass sich die Menschen dann wie der typische Homo economicus verhalten: egoistisch, ohne Rücksicht auf andere.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2010, 10:00 Uhr

5

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 Kommentare

susanne beerli

05.03.2010, 10:10 Uhr
Melden

Der Vergleich hinkt: An der Börse ist jeder gegen jeden. Das Schicksal eines anderen interessiert nicht, da alle Akteure anonym sind. Und 18 Minuten sind an der Börse schon eine Ewigkeit... Antworten


Heinz Martin

05.03.2010, 10:57 Uhr
Melden

Falscher Vergleich! Der Homo Oeconomicus hat was mit Wirtschaft zu tun, nicht mit Krieg (= Nacktem Überleben) zu tun. Ausserdem sollte jeder sich mal mit Objektivismus beschäftigen, denn dort steht "Egoismus ist das einzig richtige"--und es ist eine Definitionssache, ob Egoismus gut oder schlecht ist! Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.