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Das Rätsel der sagenhaften Weltkarte
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 29.09.2009 19 Kommentare
Es war nur eine kurze Agenturmeldung. Doch sie reichte, um einen alten Streit wieder aufflammen zu lassen. Schuld ist der Vortrag des Dänen Rene Larsen an einer Konferenz für Kartografie in Kopenhagen vor wenigen Wochen. Es gebe keine Beweise, dass die Karte eine Fälschung ist, sagte der Rektor der Schule für Konservierung an der Königlichen Dänischen Akademie für Kunst in Kopenhagen. Larsen sprach von seinen Untersuchungen der Vinland-Karte. Und nun stehen die Fragen wieder im Raum: Ist sie echt oder gefälscht? Wie viel wussten die Europäer über die Reisen der Nordländer? War Kolumbus vor seiner Fahrt in den Westen sogar von ihnen inspiriert worden?
Am 11. Oktober 1965, einen Tag vor dem Gedenktag an Kolumbus' Entdeckung Amerikas, präsentierten Wissenschaftler der Yale University und des British Museums «die grösste kartografische Entdeckung des 20. Jahrhunderts». Der amerikanische Philanthrop Paul Mellon hatte die Karte von einem Buchhändler in New Haven gekauft und sie als ehemaliger Student der Universität Yale 1957 geschenkt – mit der Auflage, das Werk sorgfältig unter die Lupe zu nehmen. Die Gutachter nahmen an, ein Mönch habe die Karte während des Konzils zu Basel (1431 bis 1449) gezeichnet, also gut 50 Jahre vor der Reise von Christoph Kolumbus.
Wasserzeichen von Basel
Das kartografische Werk ist 27,9 mal 40,6 Zentimeter gross, zeigt Europa, Nordafrika, Asien und den Fernen Osten. Das ist nicht aussergewöhnlich: Reisende berichteten bereits im 15. Jahrhundert von diesen Ländern. Sensationell war für die Historiker aber die eingezeichnete «Insel Vinland» im nordwestlichen Atlantik – das heutige Labrador oder Neufundland, ein Teil der Nordwestküste Nordamerikas.
Der Name «Vinilanda Insula» – so heisst es auf der Karte – stammt aus den isländischen Sagen des 13. Jahrhunderts, die von den Reisen der Wikinger Leif Eiriksson und Bjarni Herjolfsson um das Jahr 1000 berichten. Auf der Karte wird von ihnen erzählt, wie sie das «neue Land» entdecken, das «extrem fruchtbar ist und sogar Wein hat». Das Werk gehörte zum Anhang einer Kopie der bekannten mittelalterlichen Enzyklopädie «Speculum historiae» von Vincenz von Beauvais, zusammen mit einem lateinisch geschriebenen Bericht über die Reise eines Franziskanermönchs in die Mongolei, «der Tartar Relation».
Wissenschaftler des Smithsonian-Instituts in Washington datierten die Karte vor sechs Jahren mithilfe der sogenannten C-14-Methode. Gemäss dem Resultat stammt das Pergament etwa aus dem Jahr 1434. Der Fehlerbereich liegt bei 11 Jahren. Dieses Datum, so schreibt die Chemikerin Jacqueline Olin, passe zu den Wasserzeichen auf dem Papier des Berichts über die Reise in die Mongolei. Das Wasserzeichen gehörte zu einer Papiermühle bei Basel, die etwa um 1433 Papier für das Konzil von Basel lieferte.
Verräterische Wurmlöcher
Im gleichen Jahr veröffentlichten zwei Wissenschaftler des University College London eine Untersuchung, welche die Karte als moderne Fälschung überführen sollte. Die Wissenschaftler fanden in der Tinte die Substanz Anatas, eine besondere Form von Titaniumdioxid. Für die Forscher war dies ein deutliches Indiz, dass ein cleverer Fälscher aus der modernen Zeit die Karte zeichnete. Denn Anatas wurde erst im 20. Jahrhundert kommerziell produziert.
Nun liefert der Däne Rene Larsen neue Ergebnisse, die eine Fälschung ausschliessen sollen. Er hat alles nochmals untersucht, was in den letzten 40 Jahren bereits studiert wurde: Tinte, Handschrift, Wurmlöcher, Pergament. Die These vom seltenen Mineral weist Larsen zurück. Anatas sei auch in mittelalterlicher Tinte zu finden, vermutlich stamme sie aus dem Sand, mit dem die nasse Tinte getrocknet wurde.
Holzkäfer haben Löcher gefressen
Ein starkes Indiz sind für den Konservator die Löcher, welche die Holzkäfer in die Karte und in die mit ihr gebundenen Schriftstücke frassen. Sie würden exakt zusammenpassen. Auch den Verdacht, der Kontinent sei nachträglich in die Karte eingezeichnet worden, will er entkräften. Der Leim der Bindung sei ins Papier gedrungen und habe die Schrift verfärbt.
Dass die neuen Ergebnisse von Larsen den Streit nun schlichten, scheint unwahrscheinlich. Die Kritiker meldeten sich postwendend. Zum Beispiel Kenneth Towe, der bei den früheren Tinten-Untersuchungen dabei war. Es seien «alles Vermutungen, die nicht experimentell gesichert sind», schreibt er in einem Blog. In der Tat hat Larsen an der Konferenz für Kartografie vor wenigen Wochen kein Papier mit seinen Resultaten vorgelegt.
Gegen die göttliche Form
Aber nicht nur die chemischen Analysen werfen Fragen auf, ob hier ein genialer Fälscher am Werk war. Lars Lönnroth, Literaturwissenschaftler der Universität Göteborg, irritieren zum Beispiel die ungewöhnlich genauen Umrisse der Küstenlinie Grönlands. Skandinavische Karten von Grönland aus dem 16. und 17. Jahrhundert, so schreibt er in einem Aufsatz, hätten zu dieser Zeit zu den besten gehört. Sie seien aber nicht annähernd so genau wie die Zeichnung auf der Vinland-Karte.
Zudem fällt ihm die verzerrte Geometrie auf, die durch die eingezeichnete Insel Vinlandia entsteht. Europa, Asien und Afrika hätten im Mittelalter ein Oval gebildet. Diese von Gott gegebene Form sei für die Menschen damals Tradition gewesen.
Propaganda der Nazis sabotiert?
Noch weiter geht die britische Historikerin Kirsten Seaver. Sie fragte sich, wer ein Motiv gehabt hätte, eine solche Karte zu fälschen – und stösst dabei auf den österreichischen Jesuiten Josef Fischer. Er war Autor von vielen Publikationen über Karten des 15. Jahrhunderts und die Reisen der Wikinger. Seaver ist beeindruckt von Fischers letzten Lebensjahren: Die Nazis, argwöhnisch gegenüber der katholischen Kirche und speziell den Jesuiten, schlossen 1939 die Schule und das Haus des Ordens in Feldkirch. Seither lebte Fischer in München und starb schliesslich dort 1944.
Seaver ist überzeugt, dass Fischer der Fälscher war. Der Pater wollte ihrer Ansicht nach die Propaganda der Nazis mithilfe der nordischen Geschichte und Mythen sabotieren. Die Nationalsozialisten sahen in den Nordländern Arier, die wie sie selbst Anspruch auf ein grosses Territorium hatten. Hätten die Nazis, so glaubt Seaver, die gefälschte Karte von Fischer entdeckt, so hätte das ihr Weltbild infrage gestellt. Denn die Vinland-Karte zeigt schliesslich, dass sich die Kirche bereits lange vor dem 15. Jahrhundert rund um den Globus ausgebreitet hat. Der Text auf der Karte schildert denn auch nicht nur die Reisen der Wikinger, sondern auch die Expedition eines Vertreters der Kirche in die Neue Welt.
«800 Jahre vor Papst Paul VI. und fast 400 Jahre vor Kolumbus hat bereits ein päpstlicher Legat den Boden der Neuen Welt betreten», schreibt die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit», als die Vinland-Karte vor bald 45 Jahren an der Universität Yale präsentiert wurde. Ob sie damit richtig lag, bleibt wohl weiterhin umstritten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.09.2009, 10:02 Uhr
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