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«Der Kannibalismus setzt sich in unseren Köpfen fest»

Interview: Martin Sturzenegger. Aktualisiert am 12.05.2011 22 Kommentare

Seit den Fällen in Hessen und jüngst in der Slowakei ist bekannt: Der Kannibale kommt nicht nur in Reiseberichten aus exotischen Ländern vor. Kulturwissenschaftler Jörg Dünne äussert sich im Interview zum Phänomen Menschenfresser.

1/5 Berichtete als Erster über Kannibalismus: Gemälde des Seefahrers Christoph Kolumbus und seiner Schiffsbesatzung während einer Entdeckungsreise auf den Bahamas.
Bild: Keystone

   

Zur Person

Jörg Dünne ist seit 2009 Professor für romanistische Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt und forscht derzeit am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz zu literarischen Weltreisen. Er hat sich unter anderem mit Kannibalismus-Darstellungen von Reiseberichten der Frühen Neuzeit bis hin zu Filmen des 20. Jahrhunderts beschäftigt.

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Kannibale war Familienvater

Es war ein makabrer Plan: Am Dienstag sollte sich ein Schweizer in der Slowakei mit einem 42-Jährigen Kannibalen treffen. Die beiden Männer haben zuvor im Internet vereinbart, dass der Slowake den Schweizer erst betäube, in mehrere Stücke zerhacke und ihn später einverleiben solle.

So weit ist es aber nicht gekommen: Kurz vor dem Treffen im slowakischen Kysak machte der Schweizer einen Rückzieher und alarmierte die Polizei, die den Slowaken überlisteten (baz.ch/Newsnet berichtete).

Der Kannibale heisst Matej Curko und stammt aus der Umgebung der Stadt Kosice (Kaschau). Laut der Zeitung «Novy ?as» ist er Sportschütze, hat zwei kleine Töchter und lebte mit seiner Familie seit kurzem in einem Einfamilienhaus. Seit März soll er arbeitslos gewesen sein.

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Wieso kommt es auch heute noch regelmässig zu Fällen von Kannibalismus?
Weil der Kannibalismus offensichtlich nicht aufhört, unsere Vorstellungskraft zu beschäftigen – vielleicht sogar so sehr, dass manche Menschen diese Vorstellung tatsächlich in die Tat umsetzen wollen.

Lässt sich der typische Kannibale der Neuzeit umschreiben?
Sie sind heutzutage in der Regel nicht mehr in geografischer Ferne wie in den frühneuzeitlichen Reiseberichten verortet, sondern eher am marginalisierten Rand der Gesellschaft. Im 20. Jahrhundert gab es beispielsweise mehrere spektakuläre Prozesse, in denen Kannibalismus in dieser Form zum Thema wurde: Sie reichen vom Serienmörder Fritz Haarmann in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts bis zum sogenannten «Kannibalen von Rotenburg», der 2004 verurteilt wurde. Nicht in allen dieser Fälle ist klar, ob es überhaupt zu kannibalischen Akten gekommen ist, aber sie haben allesamt ein breites Medienecho ausgelöst, und zwar nicht nur in der Presse und in den Printmedien: Kannibalismus ist im 20. Jahrhundert auch ein enorm beliebtes Thema von Filmen geworden.

Welche Rolle spielen Bilder bei unserer Vorstellung vom Kannibalismus?
Seit der Frühen Neuzeit wird der kannibalische Akt stets als ein spektakuläres Ereignis dargestellt, das schriftlich festgehalten, vor allem aber auch visuell in Szene gesetzt wird. So gibt es bereits um 1600 bei dem Frankfurter Verleger und Drucker Theodor de Bry Kupferstiche von kannibalischen Festen der brasilianischen Tupinamba-Indianer, die wie Bildergeschichten aufgebaut sind und in ihrer Wirkung modernen Kannibalen-Filmen in nichts nachstehen. Wenn sich der Kannibalismus also in unseren Köpfen festgesetzt hat, so hängt das nicht zuletzt damit zusammen, dass wir uns alle davon ein «Bild machen» wollen, selbst oder gerade wenn dieses Bild auf einer Fiktion beruht.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Besonders interessant für die filmische Darstellung des Kannibalismus ist die Figur des Hannibal Lecter, die von dem Romanautor Thomas Harris erfunden und in zahlreichen Verfilmungen von dem Schauspieler Anthony Hopkins verkörpert wurde. Hannibal Lecter ist das genaue Gegenbild des «wilden Kannibalen» der Frühen Neuzeit: Er ist der zivilisierte Mensch von nebenan, der Feinschmecker, der aber eben auch ein Menschenfresser ist. Wenn wir uns Hannibal-Lecter-Filme ansehen, versuchen wir möglicherweise eine unterschwellige Angst zu bannen, die unsere moderne Wahrnehmung des Kannibalismus prägt: Könnte es nicht sein, dass sich der nette Nachbar in Wirklichkeit als Kannibale herausstellt? Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas wirklich passiert, ist verschwindend gering, aber unserer Angst tut das keinen Abbruch; diese Angst können wir im Kannibalen-Film mit einer gewissen Lust ausleben.

Woher kommt die Bezeichnung «Kannibalismus» und was bedeutet sie?
Man kann die «Erfindung» des Kannibalismus relativ genau datieren: Sie geht auf die erste Amerikareise von Christoph Kolumbus im Jahr 1492 zurück und kommt von dem angeblich besonders wilden Stamm der carib oder caniba, von dem andere Eingeborene Kolumbus erzählten. Die Wildheit dieses Stammes verknüpfte Kolumbus mit antiken Mythen, in denen die Menschenfresserei (Anthropophagie) vorkommt: So wurde der «Kannibale» geboren; auf den gleichen Ursprung geht übrigens auch die Bezeichnung «Karibik» zurück. Der Kannibalismus wurde ausgehend von Kolumbus relativ schnell zur Bezeichnung für Menschenfresserei ganz allgemein und wird heute unabhängig von dem Ort seiner historischen Herkunft verwendet.

Bei Kolumbus und anderen Entdeckungsreisenden seit der Frühen Neuzeit wird häufig von Kannibalen berichtet – stimmen diese Berichte überhaupt?
Es ist bis heute umstritten, ob die Berichte von Kolumbus und anderen Reisenden seit der Frühen Neuzeit tatsächlich der Realität entsprechen. Der Anthropologe Walter Arens bezweifelt in seiner viel diskutierten Studie «The Man-Eating Myth» (Der Mythos vom Menschenfresser) aus dem Jahr 1979 die Zuverlässigkeit der meisten bekannten Reiseberichte als historische Quellen; stattdessen richtet er seine Aufmerksamkeit darauf, warum Reisende, die Leser von Reiseberichten und sogar die moderne Anthropologie offensichtlich so bereitwillig an Kannibalismus glauben.

Worauf beruht dieser Glaube?
Es gibt ein auffälliges Muster, wenn jemand des Kannibalismus bezichtigt wird: Dieser Vorwurf wird in historischen Reiseberichten meist gegenüber fremden Personen oder Gruppen geäussert, die man für barbarisch und unzivilisiert hält. Diese Personen und Gruppen leben aus der Perspektive der Reisenden ausserdem meist am Rande der Zivilisation oder auf weissen, noch unentdeckten Flecken der Landkarte. So verwundert es auch nicht, dass Kannibalen in der Reiseliteratur überall dort auftauchen, wo Entdecker und Eroberer auf besonders unzugängliche Landstriche stossen: in der Karibik, in Brasilien, Schwarzafrika, Neuseeland und so weiter. Die Erfindung des Kannibalismus könnte also eine Art und Weise sein, wie Europäer seit der Frühen Neuzeit mit der Erfahrung von Fremdheit umgehen.

Wollen Sie behaupten, dass es Kannibalismus in der Kulturgeschichte gar nicht wirklich gegeben hat, dass alle Berichte von Kannibalen nur erfunden sind?
Nein, so weit würde ich nicht gehen: Unstrittig sind zunächst einmal bestimmte Fälle von sogenanntem Hungerkannibalismus, bei denen sich beispielsweise Menschen in belagerten Städten oder in jüngerer Zeit beispielsweise die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in den Anden notgedrungen von Menschenfleisch ernähren, um zu überleben. Die meisten Forscher gehen ausserdem davon aus, dass es in manchen Stammesgesellschaften religiöse Riten gegeben hat, die Menschenopfer und möglicherweise auch den Verzehr von Menschenfleisch beinhalten – eine Funktion dieser Riten scheint darin bestanden zu haben, sich die Kraft des im Kampf überwältigten Feindes buchstäblich einzuverleiben.

Hat der Kannibalismus einen religiösen Ursprung? Jesus sagte zu seinen Jüngern: «Nehmt und esst, das ist mein Leib!»
In der Tat erlauben traditionelle religiöse Riten etwas, das im normalen Alltag tabu ist, unter Umständen also auch den Verzehr von Menschenfleisch. Es wäre allerdings ein Missverständnis, die christliche Eucharistiefeier wörtlich als kannibalisches Mahl zu verstehen, wenn Jesus zu den Jüngern sagt, sie sollen seinen Leib verspeisen. Allerdings ist dieses Missverständnis nicht neu, es war sogar Gegenstand eines erbitterten theologischen Streits zwischen Katholiken und Protestanten im 16. Jahrhundert: Letztere äusserten dabei den Vorwurf, das katholische Verständnis der «Realpräsenz» des christlichen Leibes in der Hostie sei im Grunde ein Akt der Menschenfresserei. Faktisch ist das nicht haltbar, es zeigt aber, wie nachdrücklich sich eine religiös geprägte Vorstellung von Kannibalismus in unseren Köpfen festgesetzt hat.

Immer wieder ist zu lesen, dass Menschenfleisch wie Schweinefleisch schmecken soll. Stimmts?
Das kann ich nicht beurteilen, da ich es noch nie gegessen habe und auch nie werde (lacht). (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2011, 15:44 Uhr

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22 Kommentare

Egon Stein

12.05.2011, 23:12 Uhr
Melden 11 Empfehlung 3

Selbstverständlich ist der Fleischessende Mensch ein Kanibale, dies unter Beachtung seines tierischen Ursprungs. Die menschliche Zeugungszelle ist eine Kaulquappe, Wer totes Fleisch unserer Haustiere verzehrt ernährt sich von Leichenteile und ist nach unserer gesellschaftlichen Vorstellung deshalb ein Kanibale.Dieses Bewusstsein wird von der Fleischindustrie verdrängt.Egon Stein,Meggen Antworten


Ernst Gast

12.05.2011, 23:43 Uhr
Melden 9 Empfehlung 1

Soweit ich mich erinnere, steht mitten in Bern eine große Statue, die einen Menschen zeigt, welcher ein Kind verspeist. Es ist also garnicht so exotisch. Antworten



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