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Die gezielte und vergessene Vernichtung der Elite
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Unter einem Vorwand hatte SS-Offizier Bruno Müller am 6. November 1939 Dozenten und Professoren der Jagiellonen-Universität Krakau in den Hörsaal 66 des Collegium Novum gelockt. Er wolle dort einen Vortrag halten, hatte er mitteilen lassen. Stattdessen verhaftete ein deutsches Sonderkommando die Uni-Mitarbeiter. Drei Wochen später wurden 169 Wissenschaftler ins Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin deportiert.
Die Aktion war der Auftakt zur vom NS-Regime geplanten Vernichtung der intellektuellen Elite Polens während des Zweiten Weltkrieges. 70 Jahre später nimmt sich erstmals in Deutschland eine Ausstellung dieses Themas an. «Vergessene Vernichtung? Polnische und tschechische Intelligenz in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück zu Beginn des Zweiten Weltkrieges» heisst die Schau, deren Hauptteil am morgigen Samstag in der heutigen Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet wird.
Fast 700 Exponate sind in dem gemeinsamen Projekt der Gedenkstätte mit der Jagiellonen-Universität Krakau und der Karls-Universität Prag zu sehen. Einiges wird erstmals in Deutschland gezeigt, so Mobiliar des Hörsaales, in dem die Professoren 1939 verhaftet wurden. Zudem beschäftigen sich am Wochenende Wissenschaftler aus Deutschland, Polen und Tschechien auf einer dreitägigen Konferenz mit dem Thema.
Von Anfang an Vernichtungskrieg
Die «Sonderaktion Krakau» sowie die Deportation von 100 katholischen Geistlichen aus Lublin zur selben Zeit waren nur der Auftakt. In der Folgezeit verschleppten die Deutschen Tausende von Polen, darunter zahlreiche katholische Priester und Bischöfe in die KZ. Ähnlich gingen die Besatzer in der benachbarten Tschechoslowakei vor, wenn die Aktionen dort auch weniger Opfer forderten. Ziel war, die osteuropäischen Völker im Kern zu zerstören und sie zu Arbeitssklaven zu machen.
«Mit der Ausstellung wollen wir deutlich machen, dass der Zweite Weltkrieg von Anfang an kein normaler Krieg, sondern ein rassistischer, nationalistischer und antisemitischer Vernichtungskrieg war», sagt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. «Gerade die versuchte Vernichtung der polnischen Intelligenz ist in Deutschland grösstenteils vergessen. In Polen und Tschechien dagegen sind die Ereignisse tief im kollektiven Gedächtnis verankert.»
Jan Rydel von der Jagiellonen-Universität Krakau sieht die damaligen Ereignisse als Signalwirkung. «Die Verhaftung der Professoren zeigte erstmals die Ziele der deutschen Besatzer. Das war ein Schock für die damalige polnische Öffentlichkeit», sagt der Historiker. «Die Leute wurden nur verhaftet, weil sie Professoren waren. Man warf ihnen sonst nichts vor.» In der Folgezeit entwickelte sich die Verschleppung Intellektueller zum Massenphänomen. Besonders betroffen waren katholische Geistliche, in manchen Diözesen überlebten nur zehn Prozent der Priester.
Streit um Steinbach
Die Sonderausstellung sieht Rydel als Möglichkeit, die Verständigung zwischen den Nachbarländern zu verbessern. «Sie behandelt einen sehr wichtigen Teil unserer heutigen polnischen Identität.» Wichtig seien solche Kenntnisse etwa, um die polnische Ablehnung der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach zu verstehen, die einen Platz im Rat der Stiftung «Flucht, Vertreibung, Versöhnung» einnehmen will.
«Mehr Offenheit auf beiden Seiten, um die Geschichte des anderen zu empfangen, würde bei der Entschärfung dieser politischen Debatte helfen», sagt Rydel. Morsch ergänzt: «Unsere Ausstellung ist ein Plädoyer für das Zuhören, nicht für das gegenseitige Aufrechnen von Erinnerungen.»
In der Gedenkstätte Ravensbrück im nordbrandenburgischen Fürstenberg nimmt sich ein kleiner Teil der Schau dem Schicksal polnischer und tschechischer Frauen an, die nach Kriegsbeginn in das damalige Frauen-KZ deportiert wurden. Besonders interessant ist die Geschichte von zwei prominenten tschechischen Journalistinnen. Milena Jesenska, die zum Freundeskreis Franz Kafkas gehörte, und Jozka Jaburkova starben beide in Ravensbrück.
Während die sozialistische Regierung in Prag nach dem Krieg allein das Andenken an die linientreue Kommunistin Jaburkova wach hielt, wurde deren Denkmal auf einem Prager Friedhof nach der «samtenen Revolution» 1989 entfernt. Das demokratische Tschechien konzentrierte sich in seiner Erinnerung zunächst auf Jesenska, die sich nach den stalinistischen Säuberungen in Moskau vom Kommunismus abgewandt hatte. Erst 2002 wurde auch Jaburkovas Statue wieder aufgestellt.
«Vergessene Vernichtung? Polnische und tschechische Intelligenz in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück am Beginn des Zweiten Weltkrieges», Gedenkstätte Sachsenhausen, 16515 Oranienburg, 21.11.2009 - 30.05.2010 (sam/ap/)
Erstellt: 20.11.2009, 15:49 Uhr




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