Wissen
Fahren für den Führer
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 09.03.2010
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Vielleicht war es nur ein harmloses Vergnügen. Vielleicht aber auch die Vorbereitung einer Invasion. So recht wussten die britischen Behörden nicht, was sie mit dieser jugendlichen Neugier anfangen sollten. Das fröhliche Geklingel von Veloglocken liess nicht gerade ans dumpfe Poltern von Panzerketten denken. Aber unmöglich war es nicht, dass die Radler aus dem Deutschen Reich den Weg bereiteten für eine Reisegesellschaft ganz anderer Art.
In die späten Dreissigerjahre zurückversetzt fanden sich die Briten, als unlängst ihr Nationalarchiv alte Geheimdokumente freigab, die regelmässigen Fahrradtouren der Hitlerjugend auf den Britischen Inseln gewidmet waren. Dass deutsche Jugendliche noch 1937 in Nazi-Kluft kreuz und quer über die Insel radelten, als schon ein Wettrüsten im Gang war und jüdische Flüchtlinge in England Zuflucht suchten, bereitete dem damaligen Geheimdienst-Boss Sir Vernon Kell Bauchschmerzen.
Radler sollten im Auge behalten werden
Den jetzt veröffentlichten Papieren zufolge forderte der Abwehrchef die Polizeipräsidenten des Landes auf, die Radler scharf im Auge zu behalten und ihm über ihre Routen und Begegnungen Bericht zu erstatten. Ein Polizeikommandant meldete Kell daraufhin aufgeregt, er habe «sieben junge Männer» mit «Essenskonserven auf dem Gepäckträger» die Landstrasse hinunterfahren sehen. Sie seien zweifellos deutscher Herkunft gewesen, doch habe er «mit keinem von ihnen gesprochen».
Mit der unheimlichen Brigade sprach dagegen die Lokalzeitung, die den Empfang durch den örtlichen Rotary Club sogar im Bild festhielt und über das gemeinsame Abendessen «mit Bratwurst und Kartoffelbrei» berichtete. Andere Radlertrupps aus Deutschland, die im gleichen Jahr durch Britannien streiften, stiessen auf weniger Sympathie als die Bratwurst-Esser. Vertrauliche Meldungen an den Geheimdienst MI5 berichteten zum Beispiel von einem «Gruppenführer», der überall «Fotos von der Landschaft» gemacht habe – «was den Einheimischen ganz und gar nicht gefiel».
Fahrradfahrer als Spione?
Misstrauisch geworden war der MI5 offenbar durch den Rat, den eine deutsche Velo-Zeitschrift ihren Lesern gegeben haben soll – nämlich, sich doch bei Fahrten ins Ausland die Eigenheiten der Landschaft, Flussläufe, Strassenzüge oder markante Gebäude einzuprägen, weil sich solches Wissen irgendwann als «nützlich fürs Vaterland» erweisen könne.
Ob es diesen Rat wirklich gab oder ob es sich nur um ein Gerücht handelte, konnte der Geheimdienst nicht ergründen. Beweise für illegale Aktivitäten fand man letztlich keine. Dem allzeit wachsamen «Daily Herald» genügte indes der Verdacht, um die auf der Insel in die Pedale tretenden Mitglieder der Hitlerjugend als «spyclists» einzustufen – als radelnde Spione.
Britische Pfadfinder in Kontakt zu Nazi-Jugend
Zusätzliche Nervosität schufen damals die Kontakte zwischen britischen Pfadfindern und Nazi-Jugend. Im nordwalisischen Küstenort Colwyn Bay beobachteten misstrauische Bobbies, wie örtliche Pfadfinder und deutsche Radler brüderschaftlich Mützen tauschten. Robert Baden-Powell, der alte Kolonialoffizier und Begründer der Pfadfinder, hatte ja selbst wenig Probleme mit der NS-Ideologie. Hitlers Buch «Mein Kampf» war für ihn, wie er bekannte, «ein wunderbares Buch».
Der Stabsführer der Hitlerjugend, Hartmann Lauterbacher, traf 1937 mit Baden-Powell in der deutschen Botschaft zusammen. Man führte Lauterbacher auf seiner Englandreise auch die Eliteschule Eton und die Militärakademie Aldershot vor. In Aldershot habe sich Lauterbacher «in keiner Weise zu Jugendgruppen geäussert», liess anschliessend der Oberkommandierende der Akademie die Kollegen vom MI5 wissen. Mehr interessiert hätten den Deutschen «unsere Ausbildungsmethoden». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.03.2010, 14:17 Uhr











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