Grüne Hölle oder goldenes Paradies?

Von Sacha Verna. Aktualisiert am 17.03.2010

Die Suche nach Eldorado, einer angeblich versunkenen Hochkultur im Amazonas, hat Tausende von Abenteurern das Leben gekostet. Ein Buch und ein Filmepos spüren dem Mythos nach.

Forschungsreise ohne Wiederkehr: Fawcetts Schicksal wird verfilmt.

Forschungsreise ohne Wiederkehr: Fawcetts Schicksal wird verfilmt.

Das Buch

David Grann: Die versunkene Stadt Z. Expedition ohne Wiederkehr – das Geheimnis des Amazonas. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten. 33.90 Franken.

Als Percy Harrison Fawcett 1925 aus der brasilianischen Stadt Cuiabá in die Wälder des Amazonas aufbrach, hatte er nur eines im Kopf: Eldorado. Oder Z, wie er es nannte. Fawcett, ein Engländer, 58 Jahre alt, Mitglied der Londoner Royal Geographical Society und Träger einer Goldmedaille für seine Verdienste um die Kartografierung Südamerikas, war überzeugt, dass er endlich finden würde, was so viele gesucht hatten. Er war überzeugt, dass irgendwo in dieser tropischen Wildnis die Überreste einer versunkenen Hochkultur verborgen lagen. Und er war überzeugt, dass er sie entdecken würde – lediglich in Begleitung seines 21-jährigen Sohnes und eines dritten Gefährten. Stattdessen verschwand Fawcetts kleiner Trupp im Dschungel wie so viele vor und noch manche nach ihm.

Was blieb, war die Fantasie. Denn Fawcett beflügelte wie kaum ein anderer Eldorado-Abenteurer die Fantasie der Nachwelt. Er inspirierte Arthur Conan Doyle zu seinem Roman «Die vergessene Welt». Seine Geschichte diente als Vorlage für eine Folge von «Tim und Struppi» und eine von «Indiana Jones». Und zurzeit wird das letzte Abenteuer des Colonel P. H. Fawcett von und mit Brad Pitt verfilmt. Mehr noch: Inzwischen haben sich Dutzende Nachfolge-Expeditionen in den Dschungel aufgemacht, um die noch immer ungeklärten Umstände von Fawcetts Verschwinden endlich zu klären. Statt Gold suchen sie verfaulte Knochen. Für das Volk, das seine Häuptlinge mit Goldstaub überpuderte, wie man es sich von Eldorado erzählte, interessieren Fawcett-Jünger sich nur beschränkt.

Das galt zunächst auch für David Grann – bis er Michael Heckenberger kennen lernte. Grann ist Redaktor des «New Yorker» und Autor des Buchs «Die versunkene Stadt Z. Expedition ohne Wiederkehr – das Geheimnis des Amazonas». Auf diesem Buch, einem Riesenbestseller in Amerika, basiert das geplante Brad-Pitt-Leinwandepos, und für seine Recherchen dafür hat Grann selber fünf Wochen im Regenwald verbracht. Michael Heckenberger ist ein Archäologe, der im Xingu-Nationalpark im brasilianischen Staat Mato Grosso umfangreiche Ausgrabungen leitet und den Grann ebendort besucht hat.

Geometrische Gräben

Seit gut zehn Jahren häufen sich die Hinweise darauf, dass es im Amazonasdschungel nicht nur ein Eldorado gegeben hat, sondern viele. So haben Heckenberger und sein Team bisher über zwanzig präkolumbianische Siedlungen freigelegt. Siedlungen, die in ihrer geometrischen Anlage jenen sehr ähnlich sind, auf die eine brasilianische Forschungsgruppe vor kurzem im oberen Amazonasbecken gestossen ist.

«Geoglyphen», Erdzeichen, haben die Forscher die gigantischen, zum Teil konzentrischen Figuren getauft, die sie mithilfe von Satellitenbildern und Aufnahmen aus dem Flugzeug auf weiten Flächen entdeckten, die durch die Abholzung kahlgeschlagen worden sind. Bei den zwischen 100 und 300 Meter grossen Kreisen, Rechtecken und Linien handelt es sich um bis zu 11,5 Meter breite Gräben, die, so schätzen die Archäologen, zwischen 200 n. Chr. und Ende des 13. Jahrhunderts angelegt wurden. Ob sie der Verteidigung oder der Vorratsaufbewahrung dienten oder ob sie rein symbolische Bedeutung hatten, ist unklar.

Klar jedoch ist, dass dieses Gebiet einst Zehntausende von Menschen beherbergte, die über ein raffiniertes Strassensystem und systematische Siedlungsstrukturen verfügten. Man nimmt an, dass diese «Geoglyphen-Kultur» den von den europäischen Eroberern eingeschleppten Krankheiten zum Opfer fiel, noch bevor die Konquistadoren von ihr richtig Notiz genommen hatten. Danach übernahm es die Natur, ihre Spuren zu verwischen. «Diese Funde verändern entscheidend unser Bild von Südamerika, wie es vor Kolumbus ausgesehen haben muss», sagt David Grann, «und sie lassen erahnen, wie Menschen auch die ungünstigsten Umweltbedingungen zu ihren Gunsten zu manipulieren verstanden.»

Dschungelkrimi, Expeditionsbericht und Kulturgeschichte

Über die Existenz einer sagenumwobenen Zivilisation im Dschungel, der über ein Viertel Südamerikas bedeckt, wird seit Jahrhunderten spekuliert. Grann schildert in seinem Buch, das Dschungelkrimi, Expeditionsbericht und Kulturgeschichte in einem bildet, wie Unzählige für ihren Traum vom goldenen Königreich ihr Leben riskiert haben, darunter Abenteurer, Wissenschaftler und gelangweilte Multimillionäre. Oder frühe Eroberer wie Francisco Pizarro. Dieser leitete 1541 die erste dokumentierte Eldorado-Expedition. Pizarro richtete sich nach zwei vielversprechenden Vorbildern: Sein älterer Bruder Gonzalo Pizarro hatte 1533 auf dem neuen Kontinent die Hauptstadt des Inkareiches entdeckt, und 1519 war Hernán Cortés in die prächtige Aztekenhauptstadt Tenochtitlán einmarschiert. So zog Gonzalo Pizarro aus dem im heutigen Ecuador gelegenen Quito los – mit 200 berittenen Soldaten, je 2000 Jagdhunden und Schweinen sowie 4000 versklavten Indianern. Von dieser riesigen Armee waren noch achtzig Mann übrig, als sich Pizarro ein Jahr nach seinem triumphalen Aufbruch von Strapazen gezeichnet nach Quito zurückschleppte. Er war im Amazonasbecken nicht auf die erhofften Paläste voller Kostbarkeiten gestossen, sondern auf eine gigantische grüne Hölle.

Ein bisschen besser erging es Pizarros stellvertretendem Kommandeur Francisco de Orellana. Auf Pizarros Befehl sollte dieser auf einem Boot flussabwärts fahren und mit einigen Begleitern Proviant für die ausgezehrte Truppe auftreiben. Orellana beschloss jedoch, Eldorado auf eigene Faust zu suchen und sich Pizarro nicht wieder anzuschliessen. Das goldene Königreich fand auch er nicht. Dafür erreichten Orellana und die Seinen mit ihrem Boot den Atlantik und hatten damit als erste Europäer die gesamte Länge des Amazonas befahren.

«Was zum Teufel mache ich eigentlich hier?»

«Ich hatte so viel über desaströse Amazonas-Expeditionen gelesen, dass mich bei meinem Ausflug in den Dschungel die Horrorszenarien in meinem Kopf fast mehr quälten als die Moskitos», erinnert sich Grann. Der Horror nahm allerdings auch für ihn durchaus reale Züge an: Grann fing ein Tropenfieber ein, und einmal verlor er seinen Führer und irrte stundenlang allein im Urwald herum: «An diesem Punkt fragte ich mich „Was zum Teufel mache ich eigentlich hier?“»

Ob Sir Walter Raleigh sich dieselbe Frage stellte, ist nicht bekannt. Doch segelte 1617 auch der elisabethanische Dichter und Entdecker auf einem Schiff namens Destiny über den Atlantik, um «reichere und schönere Städte, mehr Tempel mit goldenen Bildnissen und mehr mit Schätzen gefüllte Kammern» zu finden «als Cortez in Mexico oder Pizzaro in Peru». Raleigh, wieder daheim in England, wurde 1618 von König James enthauptet. Das Einzige, was der Dschungel für in bereitgehalten hatte, war ein Gefecht mit Spaniern, bei dem sein Sohn getötet worden war.

Kinder, gegart auf Grüngemüse

Andere trieb der Hunger während ihrer Eldorado-Odyssee in den Kannibalismus. «Ein Christ wurde dabei angetroffen, als er ein Viertel eines Kindes mit etwas Grüngemüse kochte», schrieb ein Überlebender einer solchen Expedition. Damit verging zumindest Wissenschaftlern langsam der Appetit. Im 19. Jahrhundert setzte sich die Auffassung des Berliner Universalgelehrten Alexander von Humboldt durch, der erklärte: «Das Dorado, den goldenen Gärten der Hesperiden vergleichbar, entschwand immer mehr dem geographischen Bereich und ging in die Gefilde mythologischer Fiktionen über.»

Die Ernüchterung war so gross wie früher die Begeisterung. Erst die jüngsten archäologischen Entdeckungen bringen die Vorstellung vom Dschungel als «falschem Paradies» ins Wanken, die sich mit Humboldt durchsetzte. Dessen Argumentation war: Der Boden des Regenwalds ist nährstoffarm. Er sei somit ungeeignet für grossflächigen Ackerbau. In einer solchen Umgebung könnten nur kleine Stämme von nomadischen Sammlern und Jägern überleben. Niemals hätte hier eine umfangreiche sesshafte Gesellschaft mit komplexen Strukturen eine Chance auf Entwicklung gehabt.

«Die Arbeit von Leuten wie Heckenberger fördert täglich Beweise gegen diese Theorie zutage», sagt David Grann. «Inzwischen vermutet man sogar, dass es im Amazonasdschungel, anders als bisher angenommen, autonome Zivilisationen gab, die nicht von solchen um sie herum beeinflusst worden waren, sondern die im Gegenteil ihre Errungenschaften nach draussen brachten.» Dass zu diesen Errungenschaften auch goldenes Make-up zählte, bezweifelt Grann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 14:26 Uhr

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