Holiday im Reich des Bösen

Britische Historiker bieten ihren Landsleuten eine Urlaubstour auf Hitlers Spuren an.

Englische Reiseveranstalter verkaufen «faszinierende» Eindrücke aus Hitlers Welt und Zeit: Besucher im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. Bild: Reuters

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Historische Stätten aus der Nazi-Zeit kann man seit langem besuchen. Die Orte der grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts – die Vernichtungslager des Holocaust – kämpfen für mahnende Erinnerung, Betroffenheit, millionenfach wachen Schülerverstand. Auch Lokalitäten, an denen die Täter über das Schicksal ihrer Opfer entschieden, wie das Wannseehaus in Berlin wollen als Gedenkstätten den Horror jener Zeit vermitteln.

Wie viel Aufklärung aber bringt eine Urlaubstour auf Hitlers Spuren? Das fragt man sich in Grossbritannien, wo derzeit zu einer solchen Reise eingeladen wird. Statt Loreley, Oktoberfest und Weihnachtsmärkten soll zahlendes Insel-Publikum in Germany Stationen aus dem Leben des Führers präsentiert bekommen. 2000 Pfund (fast 3000 Franken) pro Nase kostet die Reise, die für Juni eine exklusive Begegnung mit dem «Gesicht des Bösen» verspricht. Veranstaltet wird der Trip von britischen Historikern und Autoren, die am «Aufstieg und Fall des Dritten Reiches» interessiert sind.

«Sprecht mit den Deutschen nicht über den Krieg»

Das Angebot des ungewöhnlichen Ausflugs hat einige Unruhe im Königreich verursacht. Den Deutschen selbst, betonen britische Berichterstatter, bereite das Ganze offenbar keine sonderlichen Probleme mehr. Viele Deutsche hätten längst «Abstand gewonnen» zur Hitlerzeit. Dabei pflegten noch vor wenigen Jahren britische Deutschlandreisende einander zu ermahnen, den Krieg und alles, was damit zusammenhängt, besser nicht zu erwähnen. «Don’t mention the war» – rede unter Deutschen lieber nicht vom Krieg, ist bis heute eine feste Redewendung auf der Insel geblieben.

Wenn aber die Teutonen selbst heute auf NS-Besichtigungstouren in ihrer «dunklen Vergangenheit» herumtappen: Warum sollen dann aufgeklärte Briten nicht auf Adolfs Spuren wandeln dürfen? Für die Veranstalter der neuen Reise ins Reich des Bösen ist tatsächlich nichts Böses an der Faszination mit Hitler-Stätten auszumachen. «Wir sind schliesslich ernsthafte, ausgewiesene Historiker», beharrt der Schriftsteller und Kriegsexperte Nigel Jones, der zusammen mit seinem Forscher-Kollegen Roger Moorhouse die Tour betreut. Für die Dauer von acht Tagen soll die Reise von München und Berchtesgaden über Nürnberg nach Berlin führen. Dachau und Sachsenhausen sind im Programm enthalten. Vor allem aber geht es um Bürgerbräukeller und Hofbräuhaus, um Berghof, Adlernest, Nürnbergaufmärsche, Reichskanzlei-Bunker und den Ort, an dem Hitler seinem Leben ein Ende setzte – eben ums rechte Gefühl für die Führer-Geschichte, um «faszinierende» Eindrücke aus Hitlers Welt und Zeit.

Rechtsradikale dürfen nicht mitreisen

Dem prominenten britischen Historiker David Cesarani kommt ein solcher Ausflug verdächtig vor. «Deutsche Historiker haben sich der Nazi-Vergangenheit mit grossem Ernst angenommen», meint Cesarani. «Hier aber besteht die Gefahr des Sensationalismus, wenn man die Sache in den Rahmen einer Urlaubsfahrt stellt. Wenn man sich zu sehr auf Stätten konzentriert, die sich auf Hitler beziehen, befördert man den Kult dieser Persönlichkeit. Dann wird der Trip am Ende eine perverse Pilgerreise.»

Als solche wollen Jones und Moorhouse ihre Erkundung im kommenden Juni nicht verstanden wissen. Rechtsradikale Pilger wollen sie auf ihrer Fahrt nicht mit dabei haben. Niemand soll auf dem Berghof-Gelände wehmütig Kerzlein entzünden, oder sich beim Bier in München zu üblen Reden versteigen.

«Um ganz sicherzugehen», erklärt Nigel Jones, «werden wir jeden Einzelnen, der mitkommen will, anrufen und ihn nach seinen Motiven und Interessen fragen.» Rückruf und telefonisches Interview zum Warum und Wieso sind also als Sonderleistung in die Buchung des Holiday-Pakets eingeschlossen. Erst wer die fernmündliche Prüfung bestanden hat, darf seine 2000 Pfund Teilnahmegebühr entrichten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2011, 11:17 Uhr

Sein Leben scheint eine Reise wert zu sein: Adolf Hitler.

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