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Vorwärts in die Steinzeit
Von Johannes Dieterich. Aktualisiert am 12.05.2011 9 Kommentare
«Früher haben wir den ganzen Tag gegessen und ums Feuer für den Regen getanzt», sagt Roy Sesana. (Bild: Johannes Dietrich)
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Und das soll eine Wüste sein? Die weiten Auen schillern saftig grün, Oryx-Antilopen schlagen sich die Bäuche voll. Selbst mit dem Geländewagen ist auf dem von meterhohem Gras überwucherten Feldweg kaum durchzukommen. Kein einziges Schild weist an den Weggabelungen auf das Dörfchen Metsimanong hin. Ohne Kompass und GPS wäre die mitten in der Wüste Kalahari gelegene Siedlung nie zu finden.Endlich tauchen mehrere aus langem Gras und daumendicken Ästen zu übermannshohen Kuppeln geformte Hütten auf. Vor einem besonders ebenmässigen Exemplar sitzt Nare Gaoberekwe im Schatten eines Akazienbäumchens – sein hageres, hellbraunes Gesicht von grauen Haaren gesäumt.
«Es ist schön, Gäste zu haben», sagt der Buschmannälteste zur Begrüssung in seiner von Schnalzlauten durchsetzten Sprache: «Wir bekommen kaum einmal Besuch.»Und wenn, dann unwillkommenen. Wildhüter etwa oder Beamte der botswanischen Regierung, die überprüfen wollen, ob die Urbewohner der Region auch gewiss gegen keine Naturschutzbestimmung verstossen. «Die Regierung mag uns nicht», erregt sich Nare, dessen Vornamen Büffel bedeutet: «Denen wäre es nur recht, wenn wir hier alle verdursten würden.»Eine Gefahr, die zumindest derzeit nicht besteht: Es hat in der Kalahari in jüngster Zeit so viel geregnet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Spätestens in drei Monaten jedoch, wenn die gnadenlose Sonne alles Grün wieder vernichtet haben wird, werden die Buschleute jeden Tropfen wie einen Schatz behandeln: An Körper- oder gar Kleiderwäsche ist dann nicht mehr zu denken. Ihren eigenen Flüssigkeitsbedarf werden die einstigen Jäger und Sammler mit wilden Melonen abdecken, die sie im Sand vergraben haben: Schon heute trinken sie das als Geschenk überreichte Plastikflaschenwasser mit einer Andacht, als ob es sich um einen edlen Tropfen vom Château Mouton Rothschild handeln würde.
Regierung versiegelte Bohrloch
Früher, erzählt Gaoberekwe (der sein Alter nur so weit präzisieren kann, dass bei seiner Geburt im fernen Europa ein Mann namens Hitler herrschte), hätten sie sich im Notfall noch auf ein 50 Kilometer entfernt gelegenes Bohrloch verlassen können. Das liess die Regierung vor neun Jahren allerdings versiegeln, um die rund 3000 bis dahin noch in der Wüste ausharrenden Buschleute zum Umsiedeln zu bewegen. Dabei seien sie von durchaus noblen Motiven geleitet worden, sagen Freunde der Verantwortlichen in der Hauptstadt Gaborone: Sie hätten die in dem Reservat eher schlecht als recht vor sich hin vegetierenden Buschleute am Segen der Moderne teilhaben lassen wollen.
Die Moderne in den 1961 von der britischen Kolonialmacht eingerichteten Park zu bringen, galt als ausgeschlossen: Nur dreitausend Menschen in einem Gebiet von der Grösse Belgiens mit Elektrizität, Wasser, Schulen und Kliniken zu versorgen, hätte selbst das Budget eines Industriestaats gesprengt. «Die Steinzeitkreaturen müssen sich anpassen», befand der damalige Präsident Festus Mogae, «sonst werden sie untergehen.» Die Regierung liess mehrere Siedlungen am Rand des Parks errichten, in die Urbewohner umziehen sollten – als Starthilfe wurde den Familien nicht ganz unerhebliche Beträge von bis zu umgerechnet 13'000 Franken ausbezahlt.
Wir können unsere Entscheidungen selber treffen
Manche der Jäger und Sammler, die bereits zu diesem Zeitpunkt ihre traditionelle Lebensweise unter dem Druck der Verhältnisse aufgegeben hatten, zeigten sich einverstanden, andere mussten zum Umzug – etwa durch die Versiegelung des Bohrlochs – gezwungen werden. Auch erwiesen sich die in den Sand gesetzten Ausweichsiedlungen schnell als triste, wirtschaftlich aussichtslose Abstellplätze, in denen höchstens die Kneipen florierten: «Todesorte» werden sie von ihren Bewohnern bitter genannt.So zog es Gaoberekwe mit mehreren Hundert Gesinnungsgenossen ins Reservat zurück. «Wir sind Menschen mit einer Kultur und mit Beziehungen», sagt der Buschmannälteste: «Dieses Land gehört uns, alle unsere Vorfahren sind hier gross geworden.»
Dass die Regierung angeblich weiss, was gut für die von ihnen «Basarwa» (Zwerge) genannten Menschen ist, empört den über 70-Jährigen: «Wir haben Rechte und wir haben Verstand: Wir können unsere Entscheidungen selber treffen.» Ihre Rückkehr mussten die Vertriebenen allerdings Schritt für Schritt vor Gericht erstreiten. Nach dem längsten Verfahren in der Geschichte des 45 Jahre alten Staats ordneten die Richter im Jahr 2006 an, dass den rund 200 Klägern der Zugang zum Park nicht länger verwehrt werden dürfe; und Anfang dieses Jahres befanden die Gesetzeshüter, dass die Buschleute auch wieder auf das Wasser aus dem Bohrloch zurückgreifen können sollen. Noch immer weigert sich die Regierung jedoch, Pumpe und Leitungen zur Verfügung zu stellen: «Das müssen die Basarwa schon selber machen», sagt Tshenolo Modise, Sprecherin der Regierung.
Verzweifelte Armut
Was die Basarwa überhaupt in die Wüste zurückzieht, kann Modise beim besten Willen nicht begreifen: «Die können ohne Hilfe doch gar nicht überleben.» Tatsächlich hat das Leben in Metsimanong mit den rosigen Bildern nichts gemein, die man in Dokumentarfilmen über die fantastischen Überlebenskünste der archaischen Jäger und Sammler vorgeführt bekommt. Die rund 50 Dorfbewohner sind verzweifelt arm, ein älterer Mann hat die Fetzen seiner Hose kunstvoll zusammengeschnürt, damit sie ihm nicht vom Leib fällt; «wir haben Hunger», räumt Gaoberekwe unumwunden ein.
Entgegen ihrer traditionellen Lebensweise leben die Buschleute von kleinen Mengen angebautem Mais, von Bohnen und den Ziegen, die sie unerlaubterweise mit ins Reservat brachten. Wenn sie nur wieder Jagen dürften, seufzt Gaoberekwe: «Dann wäre unser Leben wieder so wie früher.»«Wie früher» lautet auch der Refrain von Gaoberekwes Bruder, der rund siebzig Kilometer weiter nördlich in der Siedlung Molapo lebt. Früher hätten die Buschleute noch «den ganzen Tag gegessen und abends um das Feuer für den Regen getanzt», schwärmt Roy Sesana: «Früher war unser Leben noch süss.»
Kein Interesse am Dialog
Dass er als junger Mann jahrelang in den Goldminen im Nachbarstaat Südafrika malochen musste, um seine Familie zu ernähren, erwähnt der Träger des Alternativen Friedensnobelpreises in diesem Zusammenhang nicht: «Der Stress kam mit der Umsiedlung. Die Regierung hat uns unsere Wurzeln ausgerissen.» Spätestens seit er vor fünf Jahren wegen Anstiftung zum Aufruhr vorübergehend im Gefängnis sass, will der rund 60-Jährige mit den Verantwortlichen in der Hauptstadt nichts mehr zu tun haben: «Die belügen uns doch nur.» Umgekehrt scheint auch der Regierung am Dialog mit den Buschleuten nicht wirklich gelegen zu sein: Ein Gremium, das über die Zukunft der seit 30'000 Jahren die Region bevölkernden Urbewohner beraten soll, trifft sich höchstens zweimal im Jahr – ohne fassbare Ergebnisse.
In schrillen Tönen wirft die Londoner Nichtregierungsorganisation Survival International der Regierung schwere Menschenrechtsverletzung oder gar «Völkermord» vor: Sie suche die Buschleute auszulöschen, um in der Kalahari ungestört lukrativen Tourismus zu betreiben und Diamanten zu schürfen.
Bagger graben nach Edelsteinen
Tatsächlich vergab Gaborone kürzlich eine drei Milliarden Dollar teure Konzession für eine Diamantenmine im Kalahari-Park. Die künftige Mine liegt zwar fast hundert Kilometer von der nächsten Buschmannsiedlung entfernt. Doch warum im Naturreservat mit riesigen Baggern nach Edelsteinen gegraben werden darf, während den Buschleuten die Jagd auf ein paar Antilopen verwehrt wird, darüber schweigt sich PR-Direktorin Modise aus. In einer von Wikileaks veröffentlichten Nachricht an die Washingtoner Zentrale drückte US-Botschafter Joseph Huggings seine Verblüffung über die Haltung der ansonsten in aller Welt als vorbildlich geltenden Regierung aus: «Ihr Mangel an Vorstellungskraft ist atemberaubend.»
Atemberaubend findet Roy Sesana auch den Umstand, dass man ihm Kinder und Enkel «weggenommen» habe. Weil in Botswana Schulpflicht herrscht und es im Reservat seit der Umsiedlung keine Schulen mehr gibt, müssen die Buschjungen und -mädchen die Schulbank in Internaten im über 300 Kilometer entfernen Ghanzi drücken. «So werden sie, obwohl ihre Eltern noch leben, zu Waisen gemacht», schimpft Sesana. Lieber wäre es dem Preisträger, wenn er seine Sprösslinge selbst unterweisen könnte: Statt Lesen, Englisch und Mathematik würden sie dann eben Spurenlesen, Speerwurf und Kräuterheilkunde lernen. Keine attraktive Aussicht für Sesanas Neffen Ogorogile: Seit der 21-Jährige von der Schule in Ghanzi in den Park zurückgekehrt ist, vermisst er Autos, Fernseher und vor allem Fussballspielen. «Für mich wäre es am besten, wenn die Stadt hier zu Hause im Kalahari-Park wäre», meint der junge Buschmann verschmitzt.
Job im Luxuscamp
In gewisser Weise hat sich Xukuri Matsipane diesen paradoxen Traum erfüllt. Nachdem der 26-Jährige seine Schulbildung in Ghanzi abgeschlossen hatte, fand der nun fliessend Englisch sprechende Buschmann einen Job in einem von zwei Luxuscamps im Kalahari-Park. Als einer von mehreren «Bushman Guides» führt Xukuri dort gut betuchte Touristen durch die Wüste und zeigt ihnen, wie seine Vorfahren Fallen stellten, Giftpfeile präparierten und mit einem blossen Stöckchen Feuer machten. Für den äusserst beliebten «Bushman Walk» wirft sich Xukuri fotogen in einen Fellschurz und streift sich Springbockhörnchen über. Anschliessend wechselt er in Jeans und Poloshirt und schaut im Luxuscamp Satellitenfernsehen.
Survival International wirft den Luxuscamp-Betreibern zwar vor, den Buschleuten mit einem eigenen Bohrloch und einem «obszönen» Swimmingpool noch weiter das Wasser abzugraben. Doch das Luxuscamp ist über 50 Kilometer von der nächsten Buschmannsiedlung entfernt; und aus der Bohrung kommt hochsalziges Wasser, das zum Trinken erst einmal für viel Geld entsalzt werden muss. «Ginge es nach mir, könnte es im Park vieler solcher Lodges geben», sagt Xukuri Matsipane lachend: «Dann hätten viele von uns mal endlich eine Zukunft.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.05.2011, 22:23 Uhr
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«Ihr Mangel an Vorstellungskraft ist atemberaubend.» Dieser Satz sagt fast alles und betrifft immer beide Seiten. Gilt für Pygmäen im Kongo oder Massai in Ost-Afrika oder Indios in Peru und Brasilien, sowie die Regierungen. Ein Kampf so alt wie die Menschheit selbst. Und beide Seiten haben recht, nur eine Synthese beider Seiten ist weltweit seit Jahrtausenden unmöglich. Schade. Antworten
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