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Wie Leipzig die Diktatur besiegte – und jetzt feiert
Von David Nauer, Leipzig. Aktualisiert am 08.10.2009
Einst rotteten sich hier Volkspolizisten zusammen. Mit Helmen und Schlagstöcken. Ihnen gegenüber standen Demonstranten. Mit Herzklopfen.
Jetzt schlendern Teenager durch die schmucke Fussgängerzone. Im Warenhaus Mäc Geiz verschleudern sie einen Haufen Ramsch. Ein Reisebüro um die Ecke wirbt mit Thailand. 16 Tage. Gehobenes Hotel. 928 Euro. Alles inkl.
Leipzig im Oktober 2009. Eine Stadt lebt ihr ganz normales, zuweilen banales Leben. Irgendwo zwischen Arbeit und Urlaub. Vor 20 Jahren war das ganz anders gewesen. Da haben sie hier eine Diktatur besiegt.
Matthias Eisel erinnert sich: «Wir hatten Angst. Aber wir wussten, es war eine einmalige Chance.» Eisel war 31 Jahre alt damals, Familienvater, Mitarbeiter eines Literaturverlags. Er hatte genug von seinem Staat.
«Jeder normale Mensch fragte sich: gehen oder bleiben?», sagt Matthias Eisel. Die Hälfte seiner Freunde war schon im Westen. Er blieb. Auch aus familiären Gründen. Aber das Leben wurde fast unerträglich. Dabei drückte nicht einmal die Armut so sehr. «Damit konnte man sich arrangieren.» Obwohl: Wenn Westverwandte ein Paket schickten, dann war das schon was Besonderes. Ein Glas Nutella – eine Attraktion.
Aber viel wichtiger: Die Menschen wollten ihre Freiheit. So auch Matthias Eisel. Reisen können, reden können. An die deutsche Einheit dachte damals niemand. «Visafrei bis nach Hawaii» war eine der Losungen.
Es werden immer mehr
Am 9. Oktober 1989 geht Matthias Eisel mit einem Freund in die Innenstadt. An die erste Massendemonstration der DDR-Geschichte, an ein Duell zwischen Staat und Volk.
Seit Monaten schon hat es Proteste gegeben. Epizentrum des Widerstands sind wie im ganzen Land die Kirchen, in Leipzig speziell die Nikolaikirche. Hier treffen sich Gläubige, kritische Geister, Opfer staatlicher Willkür. Sie beten, diskutieren. Es werden immer mehr.
Das System wehrt sich, mit den immer gleichen Tricks einer Diktatur. Anfang Oktober marschieren Hundertschaften der Polizei in Leipzig auf. Wasserwerfer, Hunde, Schlagstöcke. Auch die «Kampfgruppen», gedrillte und bewaffnete Arbeiterverbände, werden aktiviert. Die hörige Presse druckt Hetzartikel. «Wir sind bereit und willens, konterrevolutionäre Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand», schreibt einer in der «Leipziger Volkszeitung».
«Bleibt friedlich!»
Doch die Drohungen wirken nicht mehr. Als Matthias Eisel im Stadtzentrum eintrifft, sind die Strassen voll von Menschen. 70'000 sind gekommen. Eine Gruppe prominenter Bürger verfasst einen Aufruf. Tenor: Bleibt friedlich! Keine Gewalt! Die Menschen setzen sich in Bewegung, ziehen durch die Stadt bis zur Runden Ecke, dem Hauptquartier der gefürchteten Staatssicherheit, genannt Stasi.
Da sind die Geheimdienstler, der Staat und seine Helfer schon gelähmt. Stets haben sie gedacht, nur ein paar «Provokateure» gegen sich zu haben. Plötzlich stand da das Volk. «Wir sind das Volk!», ruft die Menge. «Es war», sagt Matthias Eisel heute, «ein Sieg über das System.» Nach dem Massenprotest von Leipzig gerät das DDR-Regime ins Rutschen. Der Bann ist gebrochen. Die Demonstrationen werden immer grösser. Bald sind es 150'000 Menschen, bald ist es sogar eine Viertelmillion, die gegen den Bauern- und Arbeiterstaat opponieren.
Stolz auf den Sturz
Staats- und Parteifunktionäre leiden zusehends an Realitätsverlust. Der Bürgermeister des Stadtbezirks Leipzig-Mitte erklärt noch am 11. Oktober 1989: «Es gibt keinen Grund, (...) die Errungenschaften des lebendigen, realen Sozialismus zugunsten der Wiederbelebung des kapitalistischen Leichnams preiszugeben.» Eine Woche später dankt Parteichef Erich Honecker ab. Bis zum Fall der Mauer in Berlin dauert es weniger als einen Monat. Bald geht die DDR ganz unter.
Angefangen hat das Ende des Arbeiter- und Bauernstaats am 9. Oktober in der Innenstadt von Leipzig. Morgen Freitag sind es genau 20 Jahre her. Das Jubiläum wird grandios begangen. Für den offiziellen Festakt reist eigens Kanzlerin Angela Merkel an. Auf den Strassen und Plätzen wird Musik gespielt, es gibt Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen, Gebete.
«Das wird ein Fest», sagt Matthias Eisel. Er ist inzwischen Leiter des Regionalbüros der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Wenn er aus seinem Büro schaut, sieht er auf das Leipziger Rathaus, ein Prachtbau, der ein bisschen aussieht wie eine Burg. Daneben steht ein Glaspalast. Darin ein Kino, ein Kasino.
Die DDR lebt – in vielen Herzen
Ist die DDR schon ganz Geschichte? Nicht ganz. Soziologen sagen, dass sie noch umherirrt – in den Herzen der Menschen. Die Hälfte der Ostdeutschen sind der Überzeugung, die DDR habe «mehr gute als schlechte Seiten gehabt». Allerdings ergeben Umfragen auch: Über 80 Prozent der Ex-DDR-Bürger sind stolz auf das, was sie im Herbst vor 20 Jahren vollbracht haben: die friedliche Überwindung der kommunistischen Diktatur.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.10.2009, 10:09 Uhr
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




