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«Ärzte geben oft Antidepressiva,wenn es gar nicht nötig wäre»
Von Felix Straumann. Aktualisiert am 11.11.2010 3 Kommentare
Daniel Hell: Leitender Arzt an der Privatklinik Hohenegg und ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Er gilt als einer der führenden Depressionsexperten der Schweiz.
Herr Prof. Hell, eine Studie fand diese Woche, dass Depressionen in Schweizer Hausarztpraxen fünfmal seltener behandelt werden als in Deutschland. Machen unsere Allgemeinpraktiker schlechte Arbeit?
Kaum, man kann dies aus der Studie nicht schliessen. Wenn man in der Statistik die Anzahl Konsultationen mit der Anzahl Depressiver gleichsetzen würde, käme man auf über 300 000 Menschen in der Schweiz, die jedes Jahr von Hausärzten behandelt werden. Das fände ich beachtlich. Wenn man einberechnet, dass Psychiater und andere Fachärzte Depressive ebenfalls behandeln, kommt man auf schätzungsweise vier bis fünf Prozent der Bevölkerung. Internationale Untersuchungen liefern ähnliche Zahlen. Aber leider lassen sich diese Berechnungen nur bedingt aus der Studie ableiten.
Sind die Unterschiede demnach nicht alarmierend?
Nein, einfach deshalb nicht, weil sie teilweise methodisch bedingt sind. Mich überrascht eher, dass die Hausärzte leichte Depressionen, wenn überhaupt, dann ausschliesslich mit Antidepressiva behandeln. Bei den leichten und mittelschweren Depressionen wäre eigentlich eine Psychotherapie ohne Psychopharmaka möglich. Damit hat man gleich gute Erfolge wie mit Psychopharmaka.
Ist das nicht auch eine Kostenfrage? Psychotherapie ist teurer und aufwendiger als Psychopharmaka.
Das stimmt natürlich kurzfristig. Es gibt aber viele Hinweise, dass die Psychotherapie nachhaltiger wirken kann.
Behandeln Schweizer Hausärzte also zu häufig mit Antidepressiva?
Meine Beobachtung ist, dass Ärzte heute oft Antidepressiva geben, wenn es gar nicht nötig wäre. Das gilt vor allem bei Trauerfällen und leichten Depressionen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass bei schweren Depressionen Antidepressiva noch zu selten eingesetzt werden.
In der Studie machen leichte Depressionen nur ein Drittel aller Depressionsbehandlungen aus – deutlich weniger, als zu erwarten. Wird leichte Depression unterbehandelt?
Nicht unbedingt. Neue Richtlinien in Grossbritannien und Deutschland sagen, dass in diesen Fällen mit einer Behandlung zwei bis drei Wochen zugewartet werden kann, denn leichte Depressionen klingen häufig von selbst wieder ab. Es ist allerdings unklar, ob Hausärzte dies bereits umsetzen.
Auffällig bei der Hausarztstudie sind die Unterschiede zwischen den Kantonen. Demnach wären Bündner zehnmal weniger depressiv als Romands.
Man muss aufpassen. Bei der Studie haben 195 Ärzte in der Schweiz mitgemacht und ihre Konsultationen gemeldet. In bevölkerungsmässig kleinen Kantonen können ein oder zwei Ärzte die Statistik stark beeinflussen. Allerdings ist es schon erklärungsbedürftig, wenn von 1000 Konsultationen bei niedergelassenen Ärzten in der Schweiz nur rund 13 die Behandlung depressiver Störungen betreffen. Hat das damit zu tun, dass viele Depressionskranke an Psychiater oder Psychotherapeuten weitergewiesen werden? Oder kommt die therapeutische Begleitung depressiver Menschen in der Hausarztpraxis tatsächlich deutlich zu kurz?
Die Statistik zeigt auch deutliche, wenn auch weniger extreme Unterschiede zwischen der Deutsch- und der Welschschweiz. Was könnten da die Gründe sein?
Da spielen neben kulturellen Faktoren Stadt-Land-Unterschiede hinein. Auf dem Land ist man besser verwurzelt. Alles ist aber auch enger und die gegenseitige Kontrolle stärker. Betroffene machen dadurch den Schritt zum Arzt vielleicht weniger schnell.
Verwurzelung führt nicht dazu, dass die Leute weniger krank werden, sondern weniger Hilfe suchen?
Beides findet statt. Verwurzelung führt sicher zu weniger Erkrankungen als Isolation. Aber wenn jemand depressiv ist, kann zum Beispiel religiöse Verwurzelung den Gang zum Arzt oder Psychiater erschweren. Natürlich spielen ins depressive Geschehen aber auch andere Faktoren hinein, etwa Alter und Geschlecht. Die Studie zeigt auch, dass Ausländer beim Hausarzt seltener gegen Depressionen behandelt werden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.11.2010, 20:53 Uhr
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3 Kommentare
Als ich vor Jahren mal die HMO-Praxis aufsuchte und über psychische Probleme klagte, legte mir die Aerztin, die mich nie zuvor gesehen hatte, nach wenigen Minuten ein Packung Psychopharmaka (mit schweren Nebenwirkungen) auf den Tisch und meine, jetzt wolle sie aber von meinen psychischen Problemen nichts mehr hören. So läuft das, keine (psychiatrische) Fachkenntnis, keine Verantwortung. Antworten
KVG sei Dank. Da wird mit Statistiken um den "Kuchen"gefeilt. Weder das Eine noch das Andere in vielen Fällen nötig. Mitmenschen und Circus Conelli oft die bessere Lösung. Auch da ........ in Familie, Kindergarten, Pfadi und Vereinen beginnt, was im Alter zählt. Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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