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«Autistische Mädchen fallen kaum auf»
Von Andrea Fischer. Aktualisiert am 17.12.2011 7 Kommentare
Ein Mädchen auf acht bis zehn Buben
Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die sich gemäss den internationalen Diagnosekriterien (ICD-10) folgendermassen äussert: in der Beeinträchtigung der sozialen Kontakte, der verbalen und nonverbalen Kommunikation sowie in repetitivem Verhalten und eingeschränkten Interessen. Bei der milderen Form, dem sogenannten Asperger-Syndrom ist keine allgemeine Verzögerung der Sprache und der kognitiven Entwicklung festzustellen.
Buben sind insgesamt häufiger von Autismus betroffen als Mädchen, wobei das Ungleichverhältnis beim Asperger-Syndrom besonders ausgeprägt ist. Demnach kommen auf ein Mädchen acht bis zehn Buben. Seit einigen Jahren gibt es indes Zweifel unter Fachleuten, «ob das statistische Geschlechterverhältnis beim Asperger-Syndrom der wahren Verteilung entspricht und ob real nicht mehr Mädchen von Autismus betroffen sind», sagt die Psychologin Bettina Jenny vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) der Uni Zürich. Ein Grund könnte darin liegen, dass die Diagnosekriterien eher die männliche Ausprägung des Symptoms erfassen, wie es Judith Gould im Interview sagt.
Das international standardisierte Diagnoseverfahren wird auch an den Abklärungsstellen der Universitätskliniken von Zürich, Basel und Bern angewandt. Zentral sei dabei, das Kind in verschiedenen Situationen auch ausserhalb der Klinik zu beobachten, betont Jenny, so etwa im Kontakt mit Gleichaltrigen. Ergänzt werden die Beobachtungstests durch ein Elterninterview, das Auskunft geben soll zur frühkindlichen Entwicklung.
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Frau Gould, Sie sagen, Mädchen mit Autismus bekämen oft gar keine oder keine rechtzeitige Diagnose. Was bringt Sie zu dieser Aussage?
Wir haben in unserem Autismuscenter in den letzten Jahren vermehrt Mädchen im Teenageralter und junge Frauen diagnostiziert. Das heisst, der Autismus ist bei ihnen im Kindesalter nicht erkannt worden. Auch bekommen wir vermehrt jugendliche Mädchen von den psychiatrischen Diensten zur Abklärung zugewiesen, wobei wir dann feststellen, dass nicht ein psychiatrisches Problem vorliegt, sondern eine Entwicklungsstörung, ein Autismus, der aber zuvor nie diagnostiziert wurde.
Was ist der Grund dafür, dass der Autismus bei Mädchen nicht erkannt wird?
Ich glaube das liegt daran, dass viele eine sehr enge Vorstellung von Autismus haben. Nicht nur Laien, sondern auch Ärzte oder Fachpersonen. Sie denken, autistisch zu sein, bedeute, dass jemand total verschlossen ist, sich nur für technische Dinge und Objekte interessiert und dass eine autistische Person hyperaktiv und aggressiv ist. Das sind typischerweise Merkmale, wie sie bei autistischen Buben anzutreffen sind. Wenn dann ein Mädchen kommt, das zumindest oberflächlich kontaktfreudig ist und Interessen zeigt, wie sie für Mädchen typisch sind, dann sagen viele: Das kann unmöglich Autismus sein.
Heisst das denn, der Autismus zeigt sich bei Mädchen anders als bei Buben?
Ja. Das Grundproblem, die Schwierigkeiten bei der Kommunikation und bei der sozialen Interaktion: Das ist zwar bei allen innerhalb des Autismusspektrums vorhanden. Aber Mädchen sind eher passiv, und sie haben die Fähigkeit, zu beobachten und soziales Verhalten bis zu einem gewissen Grad zu kopieren. Damit verschleiern sie ihre autistischen Symptome und fallen viel weniger auf.
Ist das der Grund, warum die Störung bei Mädchen nicht erkannt wird – weil autistische Mädchen anders sind als autistische Jungen?
Gerade weil der Autismus sich anders manifestiert bei Mädchen, muss man eben wissen, warum das so ist. Da genügt eine enge Vorstellung von Autismus einfach nicht.
Ist es demnach auch ein Problem der Diagnostik?
Tatsächlich ist die Diagnostik noch immer sehr stark auf Jungen ausgerichtet. Die geltenden Diagnosekriterien beschreiben das typisch männliche Muster von Autismus. Mädchen, die davon abweichen, werden mit diesen Kriterien nicht erfasst. Es braucht also Änderungen in der Diagnostik, das heisst, man muss spezifische und detaillierte Fragen stellen, um den Autismus in seiner Komplexität zu erfassen.
Können Sie das noch etwas ausführen?
Bei der Diagnostik geht es darum, die sozialen Probleme zu eruieren. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich der Interaktion mit anderen. Da genügt es nicht, bloss zu fragen, ob das Kind oder die Jugendliche Kontakte zu Gleichaltrigen hat. Man muss sich auch nach der Qualität der Kontakte erkundigen, das heisst, danach fragen, wie sich das Kind verhält, wenn Gäste nach Hause kommen, und wie es reagiert, wenn jemand verärgert ist. Ein anderes Beispiel wäre das Spielverhalten: Da gilt es, zu hinterfragen, ob das Kind mit verschiedenen Gegenständen spielt oder ob es immer mit denselben Dingen auf dieselbe Art spielt – ob es auf Spielvorschläge von anderen Kindern eingeht oder nicht. Die Fragen müssen auch dem Alter der abzuklärenden Person angepasst sein.
Angenommen, mit einer verbesserten Diagnostik könnten alle Mädchen erfasst werden. Glauben Sie, es gäbe am Ende trotzdem mehr Buben mit Autismus als Mädchen?
Wahrscheinlich schon. Denn statistisch gesehen, sind Entwicklungsstörungen bei Buben generell stärker verbreitet als bei Mädchen.
Was passiert, wenn die Diagnose nicht oder nicht rechtzeitig gestellt wird?
Die Schwierigkeiten manifestieren sich vor allem ab der Pubertät, wenn die Mädchen sozial mit Gleichaltrigen immer weniger mithalten können. Darauf reagieren sie mit Angstzuständen und mit Rückzug. Wir haben oft mit Mädchen zu tun, die sich weigern, weiter zur Schule zu gehen, weil sie dort gemobbt werden. Schwere Depressionen und Zwangsstörungen sind verbreitet; viele Teenager kommen deshalb in psychiatrische Behandlung. Das hilft aber nicht, wenn das Grundproblem, der Autismus, nicht erkannt wird. Denn nur die richtige Diagnose führt zu einer adäquaten Therapie. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2011, 08:15 Uhr
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7 Kommentare
Einmal mehr bewährt sich das alte Wort: Ein gesunder Mensch ist einfach einer, bei dem noch nicht genügend Abklärungen gemacht wurden. Auf die Idee, dass wir lernen müssen, mit uns selbst, so wie wir eben sind, zu leben, ist noch keiner gekommen. Ansetzen muss man nicht bei den einzelnen jungen Menschen sondern bei unserer von Zukunftsangst geplagten und perspektivlosen Welt. Antworten
ENDLICH mal schwarz auf weiß, damit auch der Dümmste versteht, dass man bei autistischen Kindern nicht nur nach Auffälligkeit gehen muss. Unsere Tochter (11) ist Asperger Autistin. Immer wieder bekommen wir zu hören, sie hätte nichts, wäre so normal. Niemand aber, besonders die Lehrer in der Schule merken, wie es innen aussieht. Wie es sie förmlich zerreißt weil, sie versucht, "normal" zu sein. Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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