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Bei Migräne überfluten Nervenreize das Gehirn

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 28.01.2010 1 Kommentar

Sonne, Stress oder Schlafmangel können die hämmernden Kopfschmerzen auslösen. Neuste Forschungen deuten darauf hin, dass die wahren Ursachen für Migräneattacken tief im Gehirn liegen.

Blick ins Gehirn eines Migränepatienten

TA-Grafik san /Quelle: Klinik Hirslanden, Reto Ago

Blick ins Gehirn eines Migränepatienten

Wenn Ursula V. die ersten Vorboten der Migräne spürte, verzog sie sich sofort ins Bett, einen Eimer neben sich, das Fenster verdunkelt. Essen oder trinken konnte sie nichts, nicht einmal Tee.

So wie der 63-Jährigen geht es etwa 12 Prozent der Bevölkerung in Europa und Nordamerika. Sie leiden an Migräneattacken. In der Schweiz sucht der meist einseitig hämmernde Kopfschmerz rund eine Million Menschen heim. Er hält die Betroffenen oft stundenlang in Schach, in schweren Fällen sogar tagelang. Für die meisten sind dann Licht, Geräusche oder Gerüche unerträglich. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen zwischen 15 und 55 Jahren.

Medikamente, die gezielt gegen Migräneattacken wirken, gibt es nur wenige. Denn die Ursachen für die plötzlich auftretenden Kopfschmerzen sind noch immer nicht genau bekannt. Einig sind sich die Experten inzwischen darin, dass es sich bei der Migräne um «eine neurologische Störung, eine Fehlfunktion im Nervensystem» handelt. Das schrieben die Ärzte David Dodick von der Mayo-Klinik in Arizona und Jay Gargus von der University of California in Irvine kürzlich in der Zeitschrift «Spektrum der Wissenschaft».

Welche Rolle spielen Gefässe?

Bis weit in die 80er-Jahre nahmen die Forscher an, dass die Blutgefässe im Gehirn die entscheidende Rolle bei Migräne spielten. Sie vermuteten, dass sich die Blutgefässe im Hirn und im Kopf vor einer Attacke verengten und sich später stark dehnten, was den Schmerz auslöste. «Tatsächlich ist erwiesen, dass eine Ausdehnung der Gehirngefässe grosse Schmerzen bereitet», sagt der Neurologe Reto Agosti, Leiter des Kopfwehzentrums der Klinik Hirslanden in Zürich. Dennoch sei die Erklärung, dass erweiterte Gefässe die Ursache für die Kopfschmerzen seien, nicht mehr gültig.

Inzwischen haben bildgebende Verfahren interessante Einblicke in den Kopf von Migränepatienten geliefert. Im Fokus der Forschung steht der Kopfschmerz selbst und dann eine Begleiterscheinung, die sogenannte Aura. Etwa jeder dritte Patient hat vor oder bei einem Anfall Sinnestäuschungen. Auch Ursula V. nahm vor den Attacken ungewöhnlich helle Flecken wahr oder bizarre geometrische Muster.

Bei einer Migräne mit Aura steigt der Blutfluss im Gehirn vor der Attacke um das Dreifache an. Wenn die Kopfschmerzen dann da sind, sinkt der Blutdurchfluss wieder auf den Normalwert oder sogar tiefer. Dodick und Gargus erklären dies mit einem Phänomen, das als eine der Ursachen für Migräne gilt: einem Erregungssturm von Nervenzellen. Bei einem solchen Ereignis sind zahlreiche Nervenzellen plötzlich übermässig aktiv. Diese gleichzeitige Erregung wandert wie eine Welle über Teile der Hirnrinde. Wenn die Welle das Sehzentrum der Betroffenen streift, bekommen diese die typischen Wahrnehmungsstörungen.

Mehr Schlaganfälle

Jüngst fand ein internationales Forscherteam heraus, dass Migränepatienten, die eine Aura wahrnehmen, ein doppelt so hohes Risiko haben, einen Schlaganfall zu bekommen wie gesunde Personen. Die Forscher um Markus Schürks von der Harvard Medical School in Boston hatten in einer Meta-Analyse zahlreiche Studien verglichen. Jüngere Frauen mit dieser Form der Migräne, die rauchen und mit der Pille verhüten, scheinen bis zu zehnfach stärker gefährdet zu sein, einen Schlaganfall zu bekommen («BMJ», online). Schürks ordnet seine Daten jedoch ein: «Für einzelne Frauen, die jünger als 45 Jahre alt sind und unter einer Migräne mit Aura leiden, besteht kein Grund zur Panik.» Denn absolut gesehen seien die Zahlen von Schlaganfällen in dieser Altersgruppe sehr gering. Die Daten seien aber wichtig für die Gesamtbevölkerung, da Migräne häufig auftritt.

Warum eine Migräne mit Aura indes das Risiko für einen Schlaganfall steigert, ist nicht bekannt. Schürks vermutet, dass es eine gemeinsame Veranlagung für beide Krankheiten geben könnte. Migräne tritt in manchen Familien gehäuft auf. Die genetische Ausstattung spielt eine grosse Rolle, wobei eine Vielzahl von Genen beteiligt ist. Eine Theorie sei, dass ein Teil dieser ungünstigen Gene auch das Schlaganfallrisiko erhöhten, erklärt Schürks.

Lichtempfindliche Blinde

Vermutlich gibt es nicht nur eine Erklärung für die Ursache von Migräne. Noch ist unklar, welche der im Gehirn beobachteten Veränderungen den Kopfschmerz letztlich auslösen. Die Fachleute spekulieren, ob der Erregungssturm der Nervenzellen das erste Ereignis ist oder – so eine andere Theorie – eine Fehlfunktion im Hirnstamm vorliegt. Dabei könnten einzelne Regionen im Hirnstamm fälschlich den Erregungssturm in der Hirnrinde auslösen.

Die Folge dieser ungewöhnlichen Erregung ist, dass die zahlreichen überaktiven Nerven Botenstoffe abgeben, die sich entlang dem sogenannten Trigeminusnerv ausbreiten. «Das ist ein zentraler Nerv, der Signale von aussen nach innen weiterleitet, in den Hirnstamm», erklärt Reto Agosti. Dort gibt es eine Verbindung zum Antriebssystem, wo geregelt wird, ob jemand wach oder müde ist, oder zu einer Region, die kontrolliert, ob jemandem übel ist. Ebenfalls wird dort gesteuert, wie empfindlich jemand auf Licht, Geräusche oder Schmerz reagiert. Vom Stammhirn gelangt das verheerende Schmerzsignal über die Verzweigungen des Trigeminusnervs bis zu den Hirnhäuten und den Blutgefässen, die diese versorgen. Genau dort spüren Migränepatienten das Hämmern und Pulsieren. Das Gehirn ist hingegen schmerzunempfindlich.

Verschiedene Ursachen, verschiedene Therapien

Wieso sogar blinde Migränepatienten stärkere Kopfschmerzen bekommen, wenn ihnen Licht ins Gesicht scheint, beschrieb vor kurzem ein internationales Forscherteam. Die Wissenschaftler um Rodrigo Noseda von der Harvard Medical School haben eine bisher unbekannte Verbindung zwischen lichtempfindlichen Zellen im Auge und einer Schmerzregion im Gehirn entdeckt («Nature Neuroscience», online). Diese Zellen stehen mit den Nervenzellen in Verbindung, die bei Migräneattacken Schmerzsignale weiterleiten.

So unterschiedlich wie die Ursachen für die Migräne sind, so verschieden sind auch die Therapien. Agosti zeigt seinen Patienten zunächst einmal ihr Gehirn in einer Kernspintomografie, einer MRI-Aufnahme. «In der Regel hilft es den Betroffenen schon, wenn sie sehen, dass ihr Gehirn anatomisch ganz normal ist.» Bei den Attacken kommt es jedoch zum Fehlalarm, der durch Alkohol, Sonne, Stress, Schlafmangel, Hormonschwankungen oder weitere Faktoren ausgelöst werden kann.

Spezielle Schmerzmittel

«Bei einem akuten Migräneanfall helfen Triptane am besten», sagt Agosti, der seit der Gründung des Kopfwehzentrums 2002 schätzungsweise 9000 Kopfschmerzpatienten zusammen mit seinen Kollegen betreut hat. Triptane sind die bisher einzigen Wirkstoffe auf dem Markt, die gezielt gegen Migräne entwickelt wurden. Es sind keine üblichen Schmerzmittel: Sie unterbrechen die Schmerzsignale, die der Trigeminusnerv weiterleitet.

Manche Patienten, die grosse Übelkeit verspüren, können allerdings gar keine Medikamente schlucken. Agosti empfiehlt den rund 60 Prozent der Patienten, die Vorboten eines Anfalls spüren, sofort Schmerzmittel zu nehmen.

Botox-Spritzen können helfen

«Jeder Patient profitiert anders von einer Behandlung», sagt Agosti. Er probiert deshalb auch ungewöhnliche Methoden aus, wie zum Beispiel die Behandlung mit dem Nervengift Botulinum-Toxin, Botox, bekannt als Faltenglätter. Eine Studie unter der Leitung von David Dodick, an der auch Agosti mit 35 Patienten beteiligt war, hat die Wirkung überprüft. Dabei wurde Patienten mit chronischer Migräne das niedrig dosierte Botulinum-Toxin in Gesichtsmuskeln gespritzt.

Rund 690 Patienten, die an mehr als 15 Tagen pro Monat unter den hämmernden Kopfschmerzen litten, nahmen teil. Zum Vergleich behandelten die Ärzte eine andere gleich grosse Patientengruppe mit einer wirkungslosen Kochsalzlösung. Die Kopfschmerztage nahmen in der Botulinum-Gruppe stärker ab. «Wir haben gute Erfahrungen mit dieser Therapie gemacht», fasst Agosti zusammen. Das Nervengift scheint über die Kopf- und Gesichtsmuskeln ebenfalls den Trigeminusnerv zu hemmen.

50 Möglichkeiten Kopfschmerzen zu behandeln

«Wir haben etwa 50 Möglichkeiten, Kopfschmerzen mit verschiedenen Medikamenten zu behandeln», sagt Agosti, «je nach Methode haben wir bei 20 bis 50 Prozent der Behandelten Erfolg.» Dennoch komme es immer wieder einmal vor, dass jemand auf keine der gängigen Therapien anspreche.

Ursula V. hat jahrelang verschiedene Tabletten, Spritzen und Therapien ausprobiert. Inzwischen hat sie alle Medikamente abgesetzt. Sie bekommt immer noch von Zeit zu Zeit Migräne. «Aber nur noch alle vier Wochen oder sogar noch seltener für zwei Tage», sagt sie. «Dann lege ich mich sofort hin und warte, bis es vorbeigeht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2010, 12:25 Uhr

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1 Kommentar

Alfredo Lerro

26.05.2010, 22:39 Uhr
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Eine 130-seitige Studie vom März 2010, basierend auf 504 Kandidaten, durchgeführt von Prof. Dr. Hans-Joachim Theis vom Inkam Institut in Deutschland, zeigt, dass die ATLANTOtec®-Atlaskorrektur-Methode bei Migränepatienten eine Besserung bei 82% geben kann, wobei in 39% der Fälle die Migräne komplett verschwindet. Bei Kopfschmerzen liegt die Erfolgsquote sogar bei 87%. atlantotec.com Antworten



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