Das Bio-Viagra vom Dach der Welt
Von Hans-Peter Neukom. Aktualisiert am 27.02.2009 1 Kommentar
Der Tibetische Taupenkeulenpilz: Als Liebesmittel beliebt. (Bild: Daniel Winkler)
Gefragte Ware: Tibetischer Markt mit Raupenkeulenpilz-Handel. (Bild: Daniel Winkler)
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Expeditionsreise
Unter dem Stichwort «Cordyceps Expedition» bietet Daniel Winkler im Mai 2009 eine Reise durch Ost-Tibet und Teile Chinas an.
Wer nicht mehr kann, nimmt Viagra. Allzu viele wirklich wirksame Alternativen zu den kleinen blauen oder gelben Pillen mit den Phosphodiesterase-5-Hemmern Sildenafil (Viagra), Tadalafil (Cialis) oder Vardenafil (Levitra) gab es bisher nicht. Das soll sich nun ändern, und zwar dank eines Naturheilmittels, das sich in der traditionellen Chinesischen oder tibetischen Medizin schon seit Jahrhunderten bewährt haben soll. Die Rede ist vom Tibetischen Raupenkeulenpilz (Cordyceps sinensis).
In der chinesischen Medizin wurde der Pilz erstmals von Wang Ang 1694 verzeichnet. In Tibet geht seine Ersterwähnung sogar bis ins 15.Jahrhundert zurück. Der Arzt Surkhar Namnyi Dorje (1439 bis 1475) pries den dort unter der Bezeichnung Yartsa Gunbu oder «Sommergras- Winterwurm» bekannten Pilz als wirkungsvolles Liebesmittel.
Von Tibet in den Westen
Mit etwas Fantasie mag man ihm solche Wirkungen durchaus zutrauen, führt er doch selbst ein eher ungewöhnliches Dasein für Pilze: Er wächst nämlich direkt aus dem Kopf einer toten Raupe. Nimmt man den Preis als Massstab für die Wirksamkeit, muss dieser seltsame Pilz überdurchschnittlich wirksam sein. Angesichts solcher Vorgaben war es nur eine Frage der Zeit, bis der asiatische Potenzpilz auch Eingang in die abendländischen Schlafzimmer – pardon, in die westliche Medizin – fand. Wesentlich erleichtert wurde dieser Zugang in den letzten Jahren dadurch, dass es gelang, den Pilz ohne Raupen bequem in geeigneten Nährböden zu züch-ten. Vervollständigt wird das Marketingarsenal für den Viagra-Konkurrenten schliesslich durch mehr oder minder wissenschaftliche Studien. Diese sollen nicht nur seine lendenstärkende Wirkung, sondern im gleichen Aufwasch auch seine Wirkung gegen Entzündungen, Immunschwäche und sogar gegen Tumore und deren Metastasen bewiesen haben.
Ob die nicht näher definierten sexuellen Wirkungen tatsächlich auf dem Inhaltsstoff Cordycepin beruhen, ist nicht sicher geklärt. Tatsächlich steht dieser immerhin schon recht therapeutisch klingende Name für das Molekül 3-Deoxyadenosin, ein in der belebten Natur weit verbreitetes sogenanntes Adenin-Ribose-Nucleosids Adenosin. Die mit biochemischen und medizinischen Fachausdrücken gespickten wirkungsverstärkten Studienzusammenfassungen dürften hilfesuchenden Liebhabern aber auch unabhängig von ihrer tatsächlichen Aussagekraft als zumindest pseudowissenschaftliches Heilversprechen genügen.
Aber: Einiges von dem, was die traditionelle Chinesische Medizin überliefert, konnte in den letzten Jahren tatsächlich bestätigt werden. So zeigten Untersuchungen an der Medizinischen Fakultät in Peking, dass die Einnahme des Raupenkeulenpilzes bei 65 Prozent der Testpersonen zu einer verbesserten sexuellen Aktivität führte. Gerade ältere Menschen gaben an, dass nach einer dreimonatigen Einnahme des Pilzes ihre sexuellen Aktivitäten deutlich zugenommen hätten. Dabei ist der Wirkungsmechanismus noch nicht genau bekannt. Erklärungen könnten darin liegen, dass gewisse Pilzinhaltsstoffe das diffuse neuroendokrine System (DNES) beeinflussen. Das DNES fasst hormonbildende Zellen zusammen, die bestimmte Merkmale mit Nervenzellen teilen und verstreut im Drüsengewebe verschiedener Organe zu finden sind, häufig auch im Harn- und Geschlechtsapparat.
Ein Power-Cocktail
Der Raupenkeulenpilz gehört zu den sogenannten Vitalpilzen, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben sollen. Zu ihnen zählt unter anderen auch der bekannte Shiitake-Pilz. Dem Raupenkeulenpilz werden neben seiner Behandlung von Impotenz und anderen sexuellen Störungen weitere positive Wirkungen zugeschrieben. Zum Beispiel: Linderung bei chronischem Husten, die Stärkung des Immunsystems sowie der Lunge und Nieren, die Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit, die Milderung von Stresssymptomen und Depressionen.
Wissenschaftler haben mittlerweile Inhaltsstoffe des Pilzes analysiert und verschiedene Wirkungen bestätigt. Dabei wirken etwa diverse Polysaccharide entzündungshemmend, gegen Tumore und Metastasen, stärken das Immunsystem und helfen bei der Regulierung von Zucker- und Fettwerten des Blutes. Cordycepin soll Bakterien sowie Insekten abtöten. Weitere Inhaltsstoffe wie Vitamine, Spurenelemente, Aminosäuren und spezielle bioaktive Bestandteile machen den Pilz zu einem wahren Power-Cocktail. Auch Sportler nutzen den Pilz, da seine Substanzen (noch) nicht als Dopingmittel gelten. So wird etwa die enorme Leistungssteigerung chinesischer Leichtathleten Anfang der 1990er-Jahre unter anderen mit den Wirkungen des Pilzes begründet.
Der Tibetische Raupenkeulenpilz ist ein Schlauchpilz (Ascomycet), der zur Gattung der Kernkeulen (Cordyceps) gehört. Er ist ein Verwandter der auch in der Schweiz nicht selten vorkommenden Puppenkernkeule (Cordyceps militaris). Viele Pilze dieser Gattung haben einen speziellen Lebenslauf. Ihre Pilzsporen befallen bestimmte Insektenarten und ziehen ihre Nährstoffe für das parasitische Wachstum der Fruchtkörper aus den Insekten. Diese Pilze regulieren auf natürliche Weise die Grösse der Insektenpopulationen. So befallen die Pilzfäden des Tibetischen Raupenkeulenpilzes unterirdisch lebende Larven der Mottengattung Thitarodes, einer in Tibet heimischen Gattung des Wurzelbohrers. Im Herbst, kurz bevor der Pilz die Raupe tötet, dirigiert er durch die Übernahme der Kontrolle des Bewegungsapparats der Raupe diese in ihre letzte Ruhestätte, wenige Zentimeter an die Erdoberfläche. Vom Pilz nicht befallene Raupen graben sich dagegen wegen der Kälte rund 20 bis 50 Zentimeter tief im Boden ein. Im Frühjahr schliesslich wächst aus dem Kopf der durch den Pilz abgetöteten Raupe ein brauner, 5 bis 15 Zentimeter langer, keulenförmiger Pilzfruchtkörper aus dem Boden.
Wirtschaftliche Bedeutung
Jedes Jahr werden Hunderte von Millionen Exemplare auf den alpinen Weiden im tibetischen Hochland auf rund 3000 bis 5000 Metern Höhe geerntet und vermarktet. Dabei achten Sammler darauf, die Raupe zusammen mit dem Pilzfruchtkörper vor-sichtig aus dem Boden zu ernten. Pilze mit der Raupe – die das Myzel (Pilzfäden) enthält – erzielen nämlich nicht nur den höchsten Preis, sondern eingenommen als heisser wässriger Tee auch die stärkste medizinische Wirkung.
«Die jährliche Ernte des Raupenkeulenpilzes im Tibetischen Hochland beträgt je nach Vorkommen zwischen 100 bis 200 Tonnen. Dies entspricht einem Marktwert von gegen einer Milliarde Franken. Zum Bruttosozialprodukt trägt der Pilz etwas mehr bei als der gesamte Sekundärsektor von Industrie und Bergbau», erklärt Daniel Winkler. Seit 1988 erforscht der diplomierte Geograf Tibets Umwelt und arbeitet mit westlichen Hilfsorganisationen und chinesischen Forschungsinstituten zusammen.
35'000 Franken für 1 Kilo
Während der Haupterntezeit im Mai und Juni seien jeweils ganze Heerscharen von Tibetern auf den Hochweiden unterwegs, um diesen kleinen nicht einfach zu findenden Pilz zu ernten. Ein Sammler findet pro Tag im Durchschnitt etwa 5 bis 15 Stück. Ein Exemplar kann dann vor Ort je nach Grösse für bis zu drei Franken verkauft werden. Bedenkt man, dass ein Tageslohn für ungelernte Arbeiter im Tibet zurzeit zwei bis vier Franken beträgt, kann man sich leicht ausrechnen, welche wirtschaftliche Bedeutung dieser Pilz für die einheimische Bevölkerung hat.
Den Preis für den Raupenkeulenpilz-Handel bestimmen aber weit gehend die Chinesen. Sie schätzen ihn als medizinisches Stärkungsmittel und importieren ihn seit vielen Jahren tonnenweise aus Tibet. Konsumiert wird er traditionellerweise in einer Geflügelfüllung. Doch das ist ein immer teurerer Genuss. Seit die chinesische High Society den Pilz entdeckt hat, explodieren die Preise. So sollen 2007 in Shanghai sagenhafte 35'000 Franken für ein Kilo höchster Qualität bezahlt worden sein. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.02.2009, 11:26 Uhr
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1 KOMMENTAR
Der Kirche sei Dank, dass unser altes Wissen zum natürlichen Viagra verloren ging. Seit dem Späten Mittelalter muss ja Hopfen ins Bier und kein Bilsenkrat mehr. Und so gäbe es noch einige Beispiele. Aber dies lässt sich nicht patentierern und wäre somit ja eh nicht interessant.
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