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Der Tamiflu-Mythos

Von Nike Heinen. Aktualisiert am 18.12.2010 33 Kommentare

Es gibt keinen Beweis, dass das Grippemittel von Roche schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen verhindern kann. Zu diesem Befund gelangt ein Gutachterteam. Offenbar wurden Daten geschönt.

(Karikatur: Felix Schaad)

(Karikatur: Felix Schaad)

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Weltweit im Einsatz: Eine Krankenschwester in Yogyakarta in Indonesien mit dem Medikament. (Bild: Keystone )

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Die Schweiz hat ein ansehnliches Pflichtlager an Tamiflu-Kapseln, um im Fall einer Pandemie die lebensgefährlichen Komplikationen der Infektion zu entschärfen. Die Grippemittel reichen, um ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung und die Hälfte der Kinder zu behandeln. Hinzu kommt über 1 Tonne Tamiflu-Pulver, das bei Bedarf jederzeit verarbeitet werden kann. Halter der Tamiflu-Pflichtlager ist die Schweizer Firma Roche. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) muss im Gegensatz zu andern Staaten nur für Tamiflu bezahlen, wenn das Medikament auch tatsächlich an die Bevölkerung verteilt wird.

Doch seit langem fragen sich Pharmaexperten, weshalb das Grippemittel Oseltamivir, sprich Tamiflu, von Roche, in Politik und Bevölkerung eigentlich so hohes Ansehen geniesst. Die verfügbaren Daten zur Arznei sind schwach. Demnach nützt das Mittel allenfalls dann zur Behandlung, wenn es bei den ersten Symptomen genommen wird. Anscheinend wurden bei Tamiflu aber selbst diese schwachen Daten geschönt, wie jetzt ein internationales Gutachterteam der Cochrane Collaboration behauptet – eines Netzwerks von Wissenschaftlern, das systematische Übersichtsarbeiten zur Bewertung medizinischer Therapien erstellt.

Es gebe keine Evidenz dafür, dass das Grippemittel schwere Komplikationen wie Lungenentzündung verhindern könne, erklärt das Team um den britischen Epidemiologen Tom Jefferson, der in Rom für die Cochrane Collaboration arbeitet.

Unkritisch weiterverbreitet

Das Grippemittel stand im Jahr 2006 im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Damals ging die Angst um, der Erreger der Vogelgrippe könne zu einem Virus mutieren, das sich auch gegen Menschen richten und todbringend um die Welt ziehen könnte. Tamiflu und das ebenfalls umstrittene Relenza – die einzigen spezifischen Grippemedikamente – sollten die drohende Influenzapandemie zähmen.

Dass Tamiflu das könne, ergab so manche wissenschaftliche Studie. Demnach waren die gefürchteten Atemwegskomplikationen, die im Verlauf einer Grippe tödlich sein können, deutlich seltener, wenn Patienten bei einem Verdacht auf eine Influenza mit dem Grippemittel behandelt wurden. Grippekranke sterben in der Regel nicht an den Influenzaviren; vielmehr öffnen die Viren den gefährlichen bakteriellen Erregern einer Lungenentzündung die Tür.

Der Karrierekick für ein Medikament

Die Karriere von Tamiflu wurde vor allem durch eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2003 befördert. Die Arbeit entstand unter Federführung von Laurent Kaiser, dem Leiter des Zentralen Virologischen Labors am Genfer Universitätsklinikum. Kaisers Team nahm dazu zehn bereits vorliegende Wirksamkeitsstudien in Augenschein – alle hatte der Tamiflu-Hersteller Roche selbst durchgeführt. So gelangte Kaiser zum Schluss, dass Patienten messbar weniger Komplikationen erleiden, wenn sie Tamiflu bekommen. Wo auch immer die Studienlage zu Tamiflu einer wissenschaftlichen Revision unterzogen wurde, wurde Kaisers Übersichtsarbeit zitiert – und deren Schlüsse wurden übernommen. Als im Zuge der Vogelgrippe die Staaten, die es sich leisten konnten, Millionenreserven des Grippemittels anlegten, diente die Arbeit als Referenz dafür, dass man ein wirksames Mittel eingekauft hatte.

Auch Tom Jefferson und seine Mitarbeiter vertrauten Kaisers Einschätzungen, als sie 2006 zum ersten Mal die Studienlage zu Grippearzneien auswerteten. 2009 bekamen sie vom britischen National Institute for Health Research den Auftrag für eine erneute Revision. Kurz darauf erhielten sie Post aus Japan. «Ein Kinderarzt aus Osaka wies uns darauf hin, dass wir uns auf zweifelhafte Daten verlassen hatten», sagt Jefferson. «Die Autoren des Kaiser-Review sind vier Angestellte und ein bezahlter Berater von F. Hoffman-La Roche Ltd. – und Kaiser», schrieb Keiji Hayashi. «Und nur zwei der zehn Studien sind in Fachzeitschriften publiziert worden.» Nur laut den acht unvollständig veröffentlichten Arbeiten aber, so Hayashi, wirke Tamiflu besser als ein Placebo.

Tiefer graben

Die Cochrane-Gutachter nahmen die Hinweise ernst. Sie wollten tiefer graben als das, was der Öffentlichkeit bis dahin freiwillig an Auswertungen und Basisdaten vorgelegt worden war. Dazu aber brauchten sie nackte Daten – anders ausgedrückt: die nüchternen, uninterpretierten Studienprotokolle. Kaiser aber verwies Jefferson an Roche. Doch der Konzern wollte der Cochrane Collaboration nur gegen die Zusicherung, Stillschweigen zu wahren, Einsicht in seine Protokolle gewähren.

Das wollte sich Jefferson nicht bieten lassen. Im Dezember 2009 machten er und seine Mitstreiter die Lücken in den publizierten Daten im «British Medical Journal» öffentlich. Zugleich zogen sie für ihre Neubewertung nur jene Studien heran, die üblicherweise in eine Übersichtsarbeit fliessen: solche, die vollständig publiziert sind. So kamen sie zu demselben Schluss wie Keji Hayashi: Allen veröffentlichten Daten zufolge beugt Tamiflu Atemwegskomplikationen infolge einer Grippe nicht besser vor als ein Placebo.

Roche hält Daten zurück

Plötzlich reagierte Roche ganz schnell: «Die vollständigen Berichte für die Studien» würden «in Kürze auf einer passwortgeschützten Seite für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stehen», versprach James Smith, für Tamiflu zuständiger Medizinischer Leiter bei Roche, in einer schriftlichen Erwiderung im «British Medical Journal». «Darauf warten wir bis heute», sagt Chris Del Mar, Professor für Gesundheitswissenschaften im australischen Queensland und Jeffersons Co-Autor. Zwar sei kurz nach dem offiziellen Versprechen ein Passwort für eine Roche-Website bei ihm eingegangen. «Aber hinterlegt war dort nur etwa ein Viertel der von uns eingeforderten Daten aus den zehn Kaiser-Studien.» Die Forscher vermuten, dass ihnen Informationen vorenthalten werden, die Auskunft darüber geben, wie die ursprünglichen Fragestellungen der Studien aussahen – und ob diese im Lauf des Versuchs abgewandelt wurden. Die ersten Module zeigten, dass mehr als die Hälfte der Ergebnisse in der Schublade verschwunden waren, so Jefferson.

Wurden die Fragestellungen bei den medizinischen Studien im Nachhinein an die gewonnenen Daten angepasst? So lässt sich eine gewünschte Wirkung scheinbar doch beweisen, auch wenn es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt. Auch eine andere wichtige Frage würde Tom Jefferson gerne mithilfe der fehlenden Module beantworten: Weshalb wurden in den acht unpublizierten Studien so viel mehr Kranke als gewöhnlich positiv auf Influenza getestet? Es komme bei medizinischen Studien oft vor, dass es eine Vorauswahl der Probanden gebe, sagt er. In einem solchen Fall stehe dann infrage, «ob die Ergebnisse dieser Versuche überhaupt auf die normale Bevölkerung übertragbar sind».

«Verkehrte Welt»

Schliesslich treibt Tom Jefferson noch die Frage nach den Nebenwirkungen um. Die bisher publizierten Studien fanden entweder «keine» oder «keine mit Oseltamivir in Zusammenhang stehende» schwere Nebenwirkungen. Allein in den offengelegten ersten Modulen aber finden sich zehn schwere Zwischenfälle bei neun Probanden, drei davon werden mit Tamiflu in Verbindung gebracht. Dazu passt, dass japanische Ärzte während des H1N1-Ausbruchs im vergangenen Winter speziell bei Kindern, die mit Tamiflu behandelt wurden, gehäuft psychotische Zustände feststellten.

Auf Anfrage der «Süddeutschen Zeitung» erklärt der Roche-Konzern, es gebe gar keine Datenlücke: «Roche glaubt, dass es alle Daten zur Verfügung gestellt hat, die nötig sind, um die Fragen der Cochrane-Gutachter zu beantworten.» Der Konzern will inskünftig bei Anfragen von Wissenschaftlern erst deren Protokoll zu den neuen Tamiflu-Forschungen sehen, «damit wir entscheiden können, welche Daten sie für ihre Fragen brauchen». Das sei eine «verkehrte Welt», findet Tom Jefferson. «Seit wann entscheiden die Begutachteten, was der Gutachter sehen darf – und was nicht?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2010, 22:09 Uhr

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33 Kommentare

David Frei

18.12.2010, 11:28 Uhr
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@ S.Brunner: Diese Studien werden ja andauernd zerrissen. Obwohl es eigentlich keine Rolle spielt, ob sich jemand durch Selbstheillung oder günstige Homöopathie heilt. Ob sich die Pharmaindustrie allerdings auf Staatskosten exorbitante Gewinne beschert durch ein "Heilmittel", dessen Wirkung offensichtlich viel kleiner ist als die künstliche Hysterie um Vogel- und Schweinegrippe - eher wichtig! Antworten


Barbara Eichenberger

18.12.2010, 08:51 Uhr
Melden

und warum erstaunt mich dies alles nicht? Antworten



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