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Der pulsierende Hammerschlag – ein Warnsignal des Hirns

Von Christian Bernhart. Aktualisiert am 30.03.2009

Migräne ist pulsierendes Kopfweh, meist verbunden mit Übelkeit und Lichtempfindlichkeit. Schmerzmittel können das Kopfweh lindern – können das Problem aber verlagern.

Migräne: Der Schmerz signalisiert dem Körper «Ruhe»!

Carmelo Agovino

Migräne? Sport kann helfen

Migräne kann individuell sehr unterschiedlich verlaufen. Die Wahl und Dosierung der Medikamente muss man deshalb auf die eigene Person abstimmen. Vorbeugend hilft Ausdauersport, aber auch Magnesium oder hoch dosiertes Vitamin B2.

Je nach Heftigkeit der Migräneattacke können Patienten ihr Kopfweh mit unterschiedlichen Schmerzmitteln lindern. Diese reichen vom speziellen Migräneaspirin bis zu hochwirksamen verschreibungspflichtigen Tripane-Produkten. Medikamente sollte man deshalb unter ärztlicher Kontrolle einnehmen. Eine neue Medikamentengruppe, die gezielt die in der Migräneattacke wichtigen CRGP-Botenstoffe hemmt, sind in der Testphase.

Migräneattacken können durch vorbeugende Massnahmen vermindert werden. Zum einen kann man Auslösefaktoren vermeiden. Solche Auslöser können Alkohol, Käse oder Schokolade, aber ebenso Stress sein. Migränearzt Peter Sandor vom Universitätsspital Zürich rät den Betroffenen, in einen Kopfwehkalender ihre individuellen Vorboten zu notieren. So können sie verlässlich die Symptome feststellen und laufen nicht Gefahr, ein unnötig arg zurückhaltendes, reizarmes Leben zu führen.

Schulmedizinisch untersucht und als wirksam eingestuft werden zur Vorbeugung auch natürliche Substanzen, wie Magnesium, eine hoch dosiertes Vitamin B2 (Riboflavin) oder das Coenzym Q10. Diese Mittel müssen, ähnlich wie bluthochdrucksenkende Medikamente, dauernd eingenommen werden.

Ebenso helfen Entspannungsübungen. «Egal was man macht, es kann Joga, Tai-Chi oder Qigong sein, wichtig ist, dass man sich entspannt», sagt Sandor und empfiehlt zudem: «Regelmässiger Ausdauersport, dreimal pro Woche 45 Minuten, wie etwa Joggen oder Schwimmen, bewirkt, dass die Attacken zurückgehen.»
Allerdings: Weder die Medikamente gegen die Attacken noch vorbeugende Mittel können die Migräne wirklich ausheilen. Doch, so Sandor: «Die Frequenz der Attacken geht in der Regel deutlich zurück, und wer praktisch keine Migräne mehr hat, kann dies durchaus als Heilung erleben.» chr

Frauen trifft es mehr als Männer, insgesamt leiden mindestens zehn Prozent der Bevölkerung unter Migräne. «Derjenige, der eine Migräneattacke hat, macht nichts mehr und zieht sich zurück», sagt der Neurologe und Migränespezialist Peter Sandor vom Universitätsspital Zürich. Damit erwähnt Sandor die positive Seite: Migräne stoppt wirksam eine Überbelastung des Hirns, indem sie den Menschen zur Ruhe zwingt. Positiv an der Migräne ist ebenso, dass keine Infektion, keine äussere Gewalt und auch kein Tumor diesen Schmerz verursachen. Der Schmerz als Warnsystem des Körpers signalisiert hier Ruhe und Abschalten. Der Kopf als zentraler Ort der Verarbeitung aller Sinnesorgane hat eine eigene Schmerzzentrale im oberen Hirnstamm eingerichtet. Diese ist abgekoppelt von übrigem Schmerzempfinden, das im Rückenmark verschaltet ist.

Die Überbelastung des Hirns als Anstoss für die Migräneattacke ist jedoch kein objektiver Wert. Migränepatienten sind gegenüber den anderen neunzig Prozent der Bevölkerung nicht einem höheren Pegel von Sinneseindrücken ausgesetzt. Vielmehr reagieren sie auf Grund ihrer Veranlagung besonders sensibel. Bis jetzt, so Peter Sandor, konnten Mutationen auf drei Gene bei einer seltenen Migräneform dafür verantwortlich gemacht werden. Aber auch bei den häufigen Migräneformen gibt es Hinweise auf den Einfluss des Erbgutes. Migräne wird also vererbt. Leiden Eltern darunter, sind wahrscheinlich auch die Kinder davon betroffen.

Hammerschläge auf den Kopf

Wie aber unterscheidet sich Migräne von anderen Kopfschmerzen? «Typischerweise ist es ein pulsierender Schmerz, oft einseitig und oft hinter dem Auge lokalisiert», erklärt Sandor und schildert, dass Patienten ihn so stark empfinden können, als ob jemand sie mit einem Hammer auf den Kopf schlage.

Die Migräneattacke von einer Dauer von vier Stunden bis zu drei Tagen kündigt sich oft an durch Unruhe und Nervosität an und manchmal durch ein Flimmern vor den Augen mit Lichtblitzen. Diese visuelle Störung vor Migräneattacken soll sowohl van Gogh wie auch Picasso in der Gestaltung ihrer Werke beeinflusst haben. Die Regelstörung verursacht den eigentlichen Schmerz dadurch, dass er die Hirnhäute entzündet, konkret durch Botenstoffe (Calcitonin-Gene-Related Peptide). Der Schmerz wird oft begleitet durch Übelkeit sowie Lärm- und Lichtempfindlichkeit. Dies hat zur Folge, dass sich Betroffene ins abgedunkelte Schlafzimmer zurückziehen müssen.

Bereits als Kind kann man unter Migräne leiden. Meistens nützt hier ein halbstündiger Schlaf. Im Alter gehen die Attacken eher zurück. In historischen Zeiten wurden für die Migräne Dämonen verantwortlich gemacht, heute jedoch sind die Auslöser und Vorgänge bei der Migräne recht gut erforscht, und es gibt für Attacken und zur Vorbeugung wirksame Medikamente.

Schmermittel bergen Gefahren

Im Zusammenhang mit der Therapie spricht der Migränespezialist jedoch zwei Warnungen aus. Die eine betrifft die Dauer der medikamentösen Therapie. Peter Sandor: «Auf keinen Fall darf man die Migräne während mehr als zehn Tage pro Monat über längere Zeit mit Schmerzmitteln bekämpfen, weil man sich so in einen Teufelskreis begibt.» Dieser besteht darin, dass sich die Migräneattacke in einen dauernden Spannungskopfschmerz umwandelt. Es ist ein Kopfweh ohne Übelkeit und Lichtempfindlichkeit. Der Schmerz wird dann bandförmig im ganzen Kopf empfunden. Die Ärzte sprechen von einem Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz. Davon ist inzwischen bereits ein Prozent der Bevölkerung betroffen.

Die zweite Warnung betrifft die neuerdings propagierte Migräneoperation, bei der an der Stirn der Corrugator-Muskel im Bereich der Augenbraue entfernt wird. «Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass diese Operation einen Nutzen bringt», urteilt Peter Sandor. Die 23 Ärzte der Therapiekommission der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft, deren Präsident Sandor ist, raten klar von einem operativen Eingriff dieser Art ab. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.03.2009, 14:12 Uhr

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