Wissen
Die Angst der Menschen ist ansteckend
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 26.12.2008
Die Zukunftsaussichten für das neue Jahr sind düster. Eine Rezession ist für die Schweiz angekündigt. Die weltweite Finanzkrise beschert uns fast täglich neue bedrohliche Meldungen über Konkurse, Kurzarbeit und Entlassungen. Ein ungutes Gefühl oder konkrete Angst, dass die Krise auch das eigene Leben betreffen oder den eigenen Arbeitsplatz gefährden könnte, beschleicht den einen oder anderen.
Ob sich zurzeit vermehrt Menschen Rat bei Psychologen holen oder an Depressionen leiden, ist noch nicht durch Zahlen zu belegen. Dennoch sehen Experten generell in schwierigen Zeiten eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung. «Existenzängste seien ein Nährboden für extreme Verunsicherungen», sagt Franz Müller-Spahn, ärztlicher Direktor der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel. «Die Dichte an negativen Informationen in den Medien über einen möglichen Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems, über Kriege und terroristische Gewaltakte, Klimakatastrophen und Schwierigkeiten in der Finanzierung staatlicher Sicherungssysteme führen zu einer kollektiven Verunsicherung und Zukunftsangst», sagt Müller-Spahn.
Es hänge jedoch zu einem beträchtlichen Teil von der Einstellung des Einzelnen ab, ob jemand optimistisch ins neue Jahr blicke oder seine Angst nur schwer meistern könne, so Müller-Spahn. Für ängstliche Menschen können auch diffuse Sorgen über die Zukunft zu einer konkreten Gefahr werden mit psychosomatischen Störungen und Stressreaktionen.
Psychische Ansteckung
«Die Angst ist ansteckend», sagt Müller-Spahn. Sie könnte sogar einen epidemieähnlichen Charakter annehmen. Wenn ein Betroffener in einer Gruppe, beispielsweise gegenüber seinen Arbeitskollegen, über Schlafstörungen oder Magenprobleme im Zusammenhang mit Krisensituationen klagt, so können diese Symptome um sich greifen.
Dass ein krankhaftes Verhalten ähnlich wie eine Virusinfektion auf andere Menschen übertragbar sei, es also auch eine psychische Ansteckung gebe, postulierte schon 1895 Gustave Le Bon. Der französische Soziologe prägte den Begriff «Massenpsychologie».
Eine kollektive Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung war beispielsweise nach den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA zu beobachten. Doch nicht nur die Rate an Depressionen nahm dabei zu, schreibt Bill Durodié vom Zentrum für Sicherheitsanalysen am King`s College in London in einem Übersichtsartikel («Current Opinion in Biotechnology», Bd. 15, S. 264). Auch ein anderes psychologisches Phänomen, die «Mass Psychogenic Illness», zu deutsch Massenhysterie, trat vermehrt auf.
Als in den Vereinigten Staaten anonyme Briefe mit dem Milzbranderreger Anthrax verschickt wurden, entwickelten viele Menschen eine Furcht vor bioterroristischen Anschlägen. Diese konnte so weit gehen, dass Betroffene, zum Beispiel Lehrer und Schüler, Kopfschmerzen, Atemnot und Übelkeit verspürten, nachdem sie einen merkwürdigen Geruch wahrgenommen hatten.
Wenn das Fass überläuft
«Die aktuelle Wirtschaftskrise ist jedoch eine etwas andere Situation», sagt Stefan Vetter vom Fachzentrum für Katastrophen- und Wehrpsychiatrie der Universität Zürich. «Anders als bei den plötzlichen Anschlägen 2001 baut sich die derzeitige Krise langsam auf über Wochen, Monate, vielleicht Jahre.» Dabei sei die Gefahr wohl eher grösser, dass Menschen Depressionen entwickeln. Vetter hat derzeit zwar insgesamt nicht mehr Patienten in seiner Sprechstunde, dafür mehr Banker. Der Psychiater betont jedoch, dass niemand nur wegen der Finanzkrise depressiv werde oder Suizid begehen würde. Wenn aber ein Betroffener seinen Arbeitsplatz verliere, so könnte dieses Ereignis «das Fass zum Überlaufen» bringen, so Vetter. Es seien diejenigen besonders gefährdet, die schon vor der Krise nicht mit ihrer Lebenssituation im Reinen waren.
Auch werde der jetzige Wirtschaftskollaps fälschlicherweise mit der Rezession der 1930er-Jahre verglichen, so Vetter. Tatsächlich stieg damals die Selbstmordrate an. Doch anders als heute standen viele Menschen vor dem Nichts. Es gab keinerlei Absicherungen durch den Staat.
Dennoch sieht Franz Müller-Spahn derzeit eine kollektive Angst und Verunsicherung in den westlichen Industrieländern. Wie können nun Politiker, Medien oder die Betroffenen selbst vermeiden, dass sich die negativen Gefühle weiterverbreiten und zu seelischen und körperlichen Symptomen führen?
«Optimistischer Lebensstil»
Müller-Spahn ist davon überzeugt, dass eine offene Aufklärung hilft. Also die wirtschaftliche Lage nicht beschönigt wird. Es sollten die Fakten genannt und dann die konkreten Massnahmen wie Einlagensicherung oder Hilfspakete für die Banken oder Industrie kommuniziert werden. Ebenso solle die reale Gefahr der Arbeitslosigkeit zusammen mit möglichen Hilfen für die Betroffenen genannt werden. «Die Politiker sollen den Menschen eine Hoffnung geben», fordert Müller-Spahn.
Und was kann der Einzelne tun? Man sollte sich durch einen «optimistischen Lebensstil» schützen, rät Müller-Spahn und das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft bewahren, also sich zum Beispiel schwierige Situationen vergegenwärtigen, die man bereits gemeistert hat. Und wer zudem sozial gut integriert ist, sich im besten Fall mit Freunden umgibt, von denen zumindest einige Optimisten sind, der könne die Krisenzeiten besser bewältigen. Denn auch eine positive Lebenseinstellung kann in schweren Zeiten ansteckend wirken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.12.2008, 22:31 Uhr
Wissen
Meistgelesen in der Rubrik Wissen
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen











Die Welt in Bildern











